17.06.2021 - 10:04 Uhr
MehlmeiselOberpfalz

Tiny-House als Lebenseinstellung

Tiny Living, das Wohnen auf kleinstem Raum, funktioniert für Menschen, die Abschied nehmen können von eigentlich überflüssigen Dingen, und dem Planeten so wenig wie möglich zur Last zu fallen.

Barbara Ann Kett (links) und Julia Richthammer vor Ketts Tiny House. Beide sind neben anderen Geschäftsführerinnen der neu gegründeten Tiny House Village GmbH.
von Gabi EichlProfil

Es hat viel mit Freiheit zu tun, dieses Wohnen auf kleinem Raum, zu neudeutsch: "Tiny Living". Eine Lebensform, nicht nur eine Wohnform, die befreit. Wie man dahin kommt, erzählen Bewohnerinnen des Tiny-House-Village in Mehlmeisel.

Manchmal ist es ein schleichender Prozess, der langsam die Augen öffnet dafür, dass allzu viel Besitz keine reine Freude mehr ist, sondern auch belastet. Manchmal kann es aber auch ganz schnell gehen mit der Entscheidung, sich extrem zu verändern. Nicht immer ist es nur der Wunsch, belastenden Besitz loszuwerden, um sich zu befreien, das Verkleinern der Wohn- und Lebensform kann auch dem Wunsch entspringen, dem Planeten als Mensch so wenig zur Last zu fallen, wie es nur eben möglich ist.

Barbara Ann Kett (53) macht 2018 Urlaub in Indien und sieht dort nach einem Sturm am Strand Unmengen an Plastikmüll. Ein Schlüsselerlebnis für die Heilpraktikerin und Musiktherapeutin aus München. Ein Bild, das sie nicht mehr los lässt, als sie wieder zu Hause ist.

Sinnkrise nach Urlaub

"Ich bin da in eine Sinnkrise gekommen und hab' mir gesagt, das kann so nicht weitergehen mit dem Plastik", sagt Kett. Sie will nicht weitermachen wie bisher. Ihr ist bewusst, wie sie selbst sagt, dass der Plastikmüll, den sie in Indien gesehen hat, auch ihr eigener ist. Sie erkennt, so sagt sie, dass sie radikal etwas ändern muss, dass das viele Plastik am indischen Strand letztlich auch das ihre ist, auch wenn sie schon lange versucht, Plastik im Alltag zu meiden. Schnell stellt sie fest, dass es nicht nur um Plastikmüll geht. Sie fängt an auszusortieren: das zwölfteilige Geschirr, das Silberbesteck, Stühle, die nur für die ganz große Einladung gebraucht werden. Sieht sich derweil schon nach einer neuen Wohnform um, landet bei einem Anbieter von Tiny Houses und bestellt. Sie hat Glück und bekommt schneller als erwartet einen Wagen und einen Platz im Tiny-House-Village.

Wenig wird gebraucht

Julia Richthammer (29), IT-Managerin bei der Schott AG, wohnt seit 2019 im Tiny-House-Village. Sie stammt aus Wernberg und studiert derzeit an der OTH Amberg-Weiden Digital Business Management. Auslöser für ihre Beschäftigung mit dem Thema Minimalismus ist ein Umzug, bei dem sie feststellt, dass sie den überwiegenden Teil dessen, was sie mitschleppt, gar nicht braucht. Sie fängt an auszusortieren und merkt, dass der verbliebene Rest nicht einmal mehr ausreicht, um alle Zimmer der neuen Wohnung zu füllen. Zu der Zeit sieht sie im Bayerischen Fernsehen einen Beitrag über das Tiny-House-Village und da erwacht ihr Interesse. Sie schaut sich im Internet um und findet ein neues Tiny House, das aus privaten Gründen verkauft wird. Perfekt für sie. "Eine Spontan-Aktion", sagt sie. Eine Entscheidung, die sie bisher nicht bereut hat.

Ein ganzes Tiny-Dorf

Im Mehlmeiseler Tiny-House-Village leben aktuell nicht ganz 30 Menschen im Alter zwischen etwa 25 und 65 Jahren. Das 2017 von Stefanie und Philipp Sanders gegründete Dörfchen, beide damals erst Anfang 20, wird von Beginn an vom Ortsbürgermeister Franz Tauber unterstützt. "Die Idee der beiden Gründer hat mich von Anfang an neugierig gemacht", sagt Tauber. Und sie hat ihn überzeugt.

Schließlich hätte man aus dem ausgedienten Campingplatz nur schwerlich mehr etwas machen können, so Tauber, und wörtlich sagt er: "Auch wenn ein langer behördlicher Weg zu gehen war, konnte gemeinsam ein tolles neues Wohnen geschaffen werden."

Die Gemeinde profitiert auch ganz offensichtlich von der Unterstützung der neuen Wohnform. Sie hat dadurch etwa 40 Neubürger mit festem Wohnsitz gewonnen und sie rechnet angesichts der Größe des einstigen Campingplatzes noch einmal mit weiteren 40 Zuzügen.

Für Franz Tauber eine klare Win-win-Geschichte: "Wir haben es durch dieses Projekt geschafft, dem demografischen Wandel unserer Gemeinde entgegen zu wirken, Wohnfläche auf kleinem Raum geschaffen und den sogenannten Flächenfraß minimal gehalten."

Baubedingungen

Nicht überall wird Wohnen auf kleinem Raum so von der Gemeinde unterstützt. Wer sich mit dem Gedanken trägt, in ein Mini-Haus zu ziehen, sollte sich unbedingt vorher mit der jeweiligen Gemeinde in Verbindung setzen und abklären, ob und unter welchen Bedingungen, Tiny Houses gestattet sind.

Kein Problem mit dieser Wohnform hat zum Beispiel die Stadt Vohenstrauß. Im Ortsteil Oberlind durfte 2018 ein Tiny House in einem neu ausgewiesenen Baugebiet aufgestellt werden - ohne spezielle Auflagen. Vor kurzem hat sich im Landkreis Neustadt/WN auch die SPD-Fraktion im Marktgemeinderat Floß dafür stark gemacht, Flächen für Tiny Houses auszuweisen.

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Hintergrund:

Tiny House

  • Zwischen 15 000 und 150 000 Euro kostet ein Tiny House.
  • Die Tiny-House-Szene ist breit gefächert. Am einen Ende stehen die, die sich für sehr wenig Geld ihr winziges Häuschen selbst bauen, am anderen die, die sich ihr „Tiny“ voll eingerichtet bauen lassen.
  • Wer bauen lassen will, sollte unbedingt darauf achten, sich einen renommierten Hersteller zu suchen, denn es gibt durchaus schwarze Schafe auf dem Markt, in deren Häuschen man nicht glücklich wird.
  • Wie erkenne ich einen renommierten Hersteller? Indem man sich auch als Bau-Laie vor Augen hält, dass Dumping-Preise ihren Grund haben. Mit etwas gesundem Menschenverstand lässt sich auch ohne Fachwissen erkennen, dass an den Angeboten verschiedener Hersteller etwas faul ist.
  • Einen Rundumschlag über diese Wohnform bietet die Seite www.tinyhouse.de.
  • Interessante Beispiele für Tiny Houses finden sich auf www.livingbiginatinyhouse.com (englischsprachig, aber gut verständlich).
  • Schöne Beispiele beschreibt auch die Seite wohnglueck.de/tag/tiny-wohnglueck.
  • Bei der Suche nach einem Hersteller kann die Seite www.tiny-house-helden.de/hersteller/ helfen.
Mit Weiß und hellem Holz: so wohnt die junge IT-Managerin Julia Richthammer.
Unmengen von Plastikmüll an einem indischen Strand war der Auslöser: Jetzt lebt Barbara Ann Kett in einem gemütlich eingerichteten Wohnwagen.

 

 

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