07.10.2021 - 14:06 Uhr
MitterteichOberpfalz

Inklusion in der Oberpfalz: Corona beschert Rückschläge

Die Corona-Pandemie hat vieles aus dem Tritt gebracht – auch bei der Inklusion. Manche positive Entwicklung, gerade bei Kindern mit Behinderung, ist erst einmal "ausgebremst" worden. Jetzt wächst der Bedarf an Frühförderung.

Berthold Kellner, Geschäftsführer der Lebenshilfe Kreisvereinigung Tirschenreuth e. V.
von Holger Stiegler (STG)Profil

Bei den Themen Inklusion und Behindertenhilfe ist die Oberpfalz eigentlich gut aufgestellt – findet Berthold Kellner, Geschäftsführer der Lebenshilfe Kreisvereinigung Tirschenreuth e.V. mit Sitz in Mitterteich und Bezirkssprecher Oberpfalz im Lebenshilfe-Landesverband Bayern. Und dennoch: In der Zeit der Corona-Pandemie hat es auch einige Rückschläge gegeben.

Wenn davon die Rede ist, dass in der Corona-Zeit vor allem die Kinder unter den Beschränkungen am meisten gelitten haben (und es zum Teil immer noch tun), dann geht Kellner noch einen Schritt weiter ins Detail. „Bei Kindern und Jugendlichen mit Behinderung, mit einer drohenden Behinderung oder Entwicklungsverzögerungen ist viel liegengeblieben“, sagt der 57-Jährige. Er erinnert an das Frühjahr 2020, als beispielsweise im Bereich der Frühförderung alle Angebote von heute auf morgen eingestellt werden mussten.

Eltern kommen an Grenzen

Mit dieser Problematik seien alle Anbieter von Frühförderungs-Angeboten konfrontiert worden. „Manche Eltern sind hier absolut an ihre Grenzen gekommen“, berichtet Kellner. Deswegen hat es ihn auch nicht überrascht, dass es seit wenigen Monaten – seit es wieder den echten Regelbetrieb gibt – eine rege Nachfrage im Bereich der Frühförderung oder des heilpädagogischen Fachdienstes gibt. „Wir haben hier Zuwächse von 20 bis 25 Prozent, das ist eine richtige Welle“, sagt Kellner. Eine ähnliche Entwicklung erlebt er in den Bereichen Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie – was ihm auch in Gesprächen mit anderen Trägern bestätigt wird. „Es gibt keine Studie, die dafür die Pandemie verantwortlich macht. Aber ehrlich gesagt: Woran soll es sonst liegen?“, stellt Kellner fest.

Inklusion – das bedeutet Teilhabe zu ermöglichen und zu zeigen, wie „normal“ eigentlich alles sein könnte. Diese sei aber 2020 und auch 2021 zu großen Teilen „ausgebremst“ worden. Eine Abwägung sei nötig gewesen zwischen dem notwendigen Schutz und der bestmöglich zu verwirklichenden Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft. „Ausgefallene Therapien und Behandlungseinheiten, fehlender Schulunterricht und Rückschritte im erlernten Wissen, zeitlich stark reduzierte, nur notbehelfsmäßige Betreuung in den Heilpädagogischen Tagesstätten, de facto-Schließungen von Werkstätten und Zutrittsverbote von Besuchern und Angehörigen für Wohneinrichtungen haben schmerzlich aufgezeigt, wo Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft eben nicht mehr verwirklicht werden konnte“, sagt Kellner. Und es gehöre auch zur Wahrheit, dass es den einen oder anderen gebe, der wieder aus seiner Isolation beziehungsweise Vereinsamung herausgeholt werden müsse.

Jeder Mensch hat das Recht dabei zu sein

Am Thema Inklusion muss weiter gearbeitet werden – so intensiv die Fortschritte in den vergangenen Jahren auch waren. Am Beispiel der Kreisvereinigung Tirschenreuth bedeutet dies unter anderem, dass aktuell rund 50 von der Lebenshilfe betreute Kinder eine Regeleinrichtung besuchen und ihnen somit eine Teilhabe ermöglicht werde. „Aber gesamtgesellschaftlich ist noch großer Aufklärungsbedarf nötig“, fordert Kellner. Er erinnert daran, dass jeder Mensch das Recht darauf habe, „dabei zu sein“. Auch in der UN-Behindertenrechtskonvention sei das Recht auf Inklusion festgeschrieben. Festgeschriebenes Rechte bedeute aber auch, darauf zu drängen, dass die Vertragsinhalte eingehalten werden.

Kellner lenkt hier den Blick auf die weitere Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes (BTHG), mit der das individuelle, auf den Einzelnen zugeschnittene Recht der Menschen mit Behinderungen gestärkt werden soll. „Konkret geht es unter anderem darum, welche passgenauen Hilfen nötig sind, um ein selbstständiges Leben ermöglichen“, erklärt Kellner. Das sei auch eine Aufgabe, bei der die neue Bundesregierung gefordert sei.

Positive Worte findet Kellner für den Bezirk Oberpfalz, den Hauptkostenträger der Arbeit in der Behindertenhilfe: „Ich denke schon, dass man den Bezirk als fairen Verhandlungspartner bezeichnen kann.“ Mit den Kostensätzen könne man sehr zufrieden sein, auch wenn freilich immer noch Spielraum nach oben sei. „Ich hoffe, dass in Folge der Pandemie nirgends gekürzt wird“, sagt Kellner.

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Hintergrund:

Lebenshilfe feiert 2022 Jubiläum

  • seit 1962 Lebenshilfe-Landesverband als Dachorganisation der 160 bayerischen Lebenshilfen
  • Motto „Miteinander – Wir gestalten Teilhabe“, Begleitung von über 50.000 Menschen mit Behinderungen und deren Familien
  • Landesvorsitzende Barbara Stamm (seit 2001), wiedergewählt bei der Landesversammlung am 25. September in Amberg
  • In der Oberpfalz gibt es sieben Lebenshilfe-Vereinigungen, die ungefähr 6000 Menschen und deren Familien betreuen

 

 

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