17.09.2021 - 16:00 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

Eixendorfer Stausee wird abgesenkt: Große Muschel-Rettungsaktion am Gewässer

Für die erste Baumaßnahme am Eixendorfer Stausee im Landkreis Schwandorf seit Bestehen des Gewässers muss das Wasser abgesenkt werden. Ein kleines Team der TU München ist vor Ort, um Hunderttausende Muscheln aufwendig zu retten.

Mit zwei Booten befahren Helfer den Eixendorfer Stausee, um Muscheln aufzuspüren und sie zu sammeln.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Dichte Nebelschwaden hängen am Freitagvormittag über den Bäumen und säumen sich um den großen Eixendorfer Stausee bei Neunburg vorm Wald. Ein Boot mit zwei jungen Erwachsenen überquert das Gewässer, das Team rund um Wasserwirtschaftsamt Weiden und Koordinationsstelle für Muschelschutz an der Technischen Universität (TU) München ist vor Ort. Seit Montag, 13. September, läuft die kontrollierte Absenkung des Stausees wegen einer Baumaßnahme, erste Schlammbänke winden sich um den See. Die Forscher aus München sind hier, um Hunderttausende Muscheln aufzulesen und umzusiedeln. Innerhalb einer Woche hat das Team von zehn Helfern bereits über 4000 dieser Weichtiere geborgen und umgesiedelt - alles händisch. Übernachtet wird vor Ort.

Andreas Dobler ist der Kopf der Koordinationsstelle für Muschelschutz und bereits zum zweiten Mal für diese Aufgabe in den Landkreis Schwandorf gereist. "Der Stausee wurde bisher noch nicht einmal einen Meter abgesenkt und wir haben bereits so viele Tiere geborgen", sagt er. "Und dabei sind wir noch nicht einmal an den dicht besiedelten Stellen angekommen." Das "Headquarter", wie er es lachend nennt, ist eine Scheune neben dem See. Dort werden die Boote untergestellt, überall stehen Gummistiefel und zahlreiche Eimer mit - natürlich - Muscheln.

Entnahmebauwerk muss umgebaut werden

Die aufwendige Muschel-Rettungsaktion am Stausee erfolgt nicht grundlos. Es stehen umfangreiche Baumaßnahmen an - die ersten seit Inbetriebnahme des Eixendorfer Stausees im Jahr 1975. Insgesamt muss das Gewässer um fünf Meter abgesenkt werden, um eine "ordentliche Baugrube" erreichen zu können, wie Manuel Schlegel vom Wasserwirtschaftsamt Weiden sagt. Das Wasser-Entnahmebauwerk muss umgebaut und der nötige Unterhaltungsweg entlang des Staudamms auf die erforderliche Höhe gebracht werden. Ziel ist auch, dass künftig anstehende Arbeiten an dem Werk vorgenommen werden können, ohne den Stausee erneut absenken zu müssen.

Das neue Bauwerk werde zudem so konstruiert, erläutert Schlegel, dass das Wasser nicht mehr nur vom Grund des Sees, sondern auch nahe der Oberfläche entnommen werden kann. "So wird eine Schichtenbildung zwischen kaltem und warmem Wasser erzeugt und die bisherige Durchmischung unterbunden." Das verhindert mithin die Bildung von Blaualgen.

Absenkung dauert sechs Wochen

Die Absenkung wird sechs Wochen dauern. "Natürlich kann man jetzt beim Stausee nicht einfach einen Stöpsel ziehen, damit das Wasser schnell abläuft", sagt Schlegel schmunzelnd. Gehen würde das zwar schon, fügt er hinzu - aber da Muscheln in Bayern unter besonderem Schutz stehen, müssen diese sorgsam geborgen werden. Würde das Wasser zu schnell absinken, würden die Weichtiere nicht schnell genug nachkommen. Somit drohen sie im schlimmsten Fall zu vertrocknen oder "als Vogelmahlzeit" zu enden.

Aber wozu das ganze Aufhebens um Muscheln? Was ist das Besondere an diesen Tieren? Andreas Dobler greift in ein kleines Aquarium und fischt eine fast handflächengroße Muschel heraus. "Diese Lebewesen sind wichtig für aquatische Ökosysteme", erklärt der Forscher. Sie würden eine Filterwirkung im Wasser übernehmen und so für dessen Reinhaltung sorgen. Die eingesammelten Muscheln aus dem Eixendorfer Stausee werden anschließend in ein "Ersatzhabitat" umgesiedelt, so Dobler. Aktuell gehen die Experten davon aus, dass die Tiere ein Jahr lang verbracht werden müssen.

Sandbänke können gefährlich werden

Die Ausschreibung für die Maßnahmen am Entnahmebauwerk läuft aktuell, sagt Schlegel vom Wasserwirtschaftsamt. "Wir planen, spätestens im Frühjahr kommenden Jahres loslegen zu können." Die genauen Kosten sind bislang noch nicht klar, werden sich aber auf mehrere Millionen Euro belaufen. Während die Absenkarbeiten am See laufen, warnt das Wasserwirtschaftsamt die Bevölkerung davor, die hervortretenden Schlammbänke zu betreten, um den See genauer zu betrachten. "Die Stellen können sehr gefährlich sein - ähnlich wie bei Treibsand kann man darin versinken." Schlegel zieht einen Vergleich zu Eisdecken: "Von außen ist nicht zu sehen, wo der Untergrund trägt und wo nicht." Interessierte können vom Ufer aus zuschauen.

Im Laufe des Vormittags treffen die restlichen Helfer wieder am Stausee ein und durchfahren den See mit ihren Booten, um die Schlammbänke nach Muscheln abzusuchen. Bislang haben sie die sogenannte "Gemeine Teichmuschel" und die "Große Teichmuschel" entdeckt. Andreas Dobler schnappt sich sein Funkgerät und gibt seinem Team Anweisungen.

Am Eixendorfer Stausee soll eine Umgehung für Fischwanderungen entstehen

Neunburg vorm Wald
Hintergrund:

Das ist die Koordinationsstelle für Muschelschutz

  • Die Koordinationsstelle für Muschelschutz gibt es seit dem Jahr 2008 an der Technischen Universität München. Sie ist dem Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie angegliedert und arbeitet in enger Abstimmung mit dem Bayerischen Landesamt für Umwelt.
  • Die Aufgaben der Koordinationsstelle sind vielfältig: So beraten sie Bürger, Fischereivertreter, Naturschutzbehörden und andere Fachstellen. Außerdem betreibt die Stelle Öffentlichkeitsarbeit, um das Bewusstsein für die Besonderheit dieser Tiergruppe und ihrer Gefährdung zu wecken. Die Koordinantionsstelle ist außerdem ein Scharnier zwischen Grundlagenforschung und dem praktischen Naturschutz.
  • In bayerischen Seen und Fließgewässern gibt es insgesamt 32 Muschelarten, die über ihre Schale bestimmt werden. Vor allem Großmuscheln übernehmen wichtige Funktionen im Ökosystem: Sie filtrieren Wasser und sorgen so für die Reinhaltung unserer Gewässer. Außerdem bieten sie Insektenlarven oder Fischbrut wertvollen Lebensraum, da sie Strukturen im Gewässerbett schaffen.
  • Bereits 2016 wurde der Eixendorfer Stausee einmal abgesenkt. Auch dort war die Koordinationsstelle für Muschelschutz vor Ort, um den Tierbestand zu bergen und erforschen. Laut Andreas Dobler seien damals rund 175.000 Muscheln gezählt worden.

"Die Schlammbänke um den Stausee können sehr gefährlich sein - ähnlich wie bei Treibsand kann man darin versinken."

Manuel Schlegel, Wasserwirtschaftsamt Weiden

Manuel Schlegel, Wasserwirtschaftsamt Weiden

 

 

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