15.09.2021 - 20:18 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Schock aus dem Untergrund: Neustadt muss Sanierungsstau beim Kanal beheben

Der Neustädter Untergrund birgt Geheimnisse, die den Stadträten die Haare zu Berge stehen lassen. Damit das Abwasser weiter zur Kläranlage fließt, ohne für Überschwemmungen und Verunreinigungen zu sorgen, sind viel Arbeit und Geld nötig.

Bei diesem Abwasserrohr aus dem Neustädter Entwässerungssystem zeigte die Kamerabefahrung Betonkorrosion. Vor allem Leitungen aus den 50er und 60er Jahren müssen saniert werden.
von Uwe Ibl Kontakt Profil

Der Blick ins Neustädter Kanalnetz ließ den Stadtrat schaudern. Das lag nicht an der einen Ratte, die auf den zahlreichen Bildern des Wendelsteiner Kanalsanierungsberaters Jürgen Wolfrum zu sehen war, als vielmehr an den Schäden im Entwässerungsnetz und den daraus erwachsenden Sanierungsaufgaben, die er ihnen verdeutlichte. "Das müssen wir schnell in Angriff nehmen und schauen, wie wir das finanzieren", fasste Heribert Schubert (SPD) die Quintessenz des eineinhalbstündigen Vortrages zusammen.

Von Prestigebauten verabschieden

Für Bürgermeister Sebastian Dippold hat die Sanierung mehr als eine gewisse Dringlichkeit. Die letzten großen Maßnahmen in Sachen Kanal wurden vor vielen Jahren erledigt. Problem: Das Ganze kostet Geld. Viel Geld, das nicht an anderer Stelle ausgegeben werden könne. „Wir müssen uns in Neustadt etwas von Prestigehochbauprojekten verabschieden, da wir hier Pflichtaufgaben haben.“ Auch der anstehende Bau des Hochbehälters für die Wasserversorgung ist so ein Muss, das die Kasse belasten wird.

„Sexy sind solche Maßnahmen nicht.“ Das ist dem Bürgermeister klar. Immer wieder bekräftigt er, dass er diese Aufgabe nicht nur angehen müsse, sondern es auch wolle. „Nichts zu machen, ist keine Lösung.“ Dann bestehe die Gefahr, dass sich das Abwasser zurück bis in Wohnungen stauen könne. „Wenn man solche Dinge nicht wartet und pflegt, kostet es am Ende noch mehr Geld.“ Bei einem Kanalnetz von 40 Kilometern, der im Durchschnitt 80 Jahre Lebensdauer habe, müssten rechnerisch jedes Jahr 500 Meter erneuert werden. „Wenn nicht, oder wenn ich nur flicke, wird es nicht schön und plötzlich auftretende Schäden kosten noch mehr Geld.“

Eine von Rainer Hetz gewünschte Kostenschätzung für die Kanalsanierungen konnte Wolfrum nicht beziffern. Er verwies aber auf eine Nachbarkommune seines Heimatortes Wendelstein, in der der Kanal ebenfalls lange Zeit wenig Beachtung erfuhr. Dort seien in sechs Jahren 6,5 Millionen Euro verbaut worden. „Aber sie sind noch nicht fertig und das Preisniveau geht komplett nach oben.“

Neu ist die ganze Thematik nicht, berichtete der Kanalexperte dem Gremium. „Bereits 2008 habe ich mich genötigt gefühlt, in einem Brief ans Rathaus darauf hinzuweisen, dass rund 1,5 Millionen Mark für die Beseitigung der wichtigsten Schäden zu investieren seien.“ Damals – es war das Jahr, in dem der Wechsel im Bürgermeisterbüro von Gerd Werner zu Rupert Troppmann erfolgte – habe er im Stadtrat vorgestellt, was am Abwassernetz zügig zu erledigen sei, berichtet Wolfrum auf die Frage von Achim Neupert (SPD), inwieweit die Stadt von den Problemen wisse.

Vorarbeiten erledigt

Auch im Rathaus spricht man von einem Sanierungsstau. Bei Straßensanierungen habe man allerdings schon in den zurückliegenden Jahren das gerichtet, was im Untergrund kaputt gewesen sei, sagt Geschäftsführer Peter Forster. Auf Wolfrums Brief sei die Stadt vorbereitend tätig geworden, habe zunächst ein Kanalkataster angelegt als Vorarbeit für die Kamerabefahrung der Rohre, die 2017 startete, ausgewertet wurde und zum Teil noch werde. „Jetzt folgen die Konsequenzen und die Baustellen.“

Ziele sind Dichtheit, Stand- und Betriebssicherheit. „Der Kanal schickt keine Postkarte, wenn er nicht mehr kann. Der bricht einfach zusammen“, verdeutlichte Wolfrum die Konsequenzen aus der alle zehn Jahre zu erledigenden Eigenüberwachung von Abwasseranlagen durch Sichtprüfungen. In Neustadt laufen derzeit die Vorbereitungen für Kanalsanierungen im Asternweg. Die Kamerabefahrung förderte hier durch eine Metallplatte abgedeckte Rohrbrüche und andere Schäden zutage. Ohne aufzugraben ist hier keine Reparatur möglich.

Hände weg von Hausanschlüssen

Nicht alles im Abwassernetz ist marode. Wolfrum zeigte dem Stadtrat auch schöne Bilder aus den Rohren unter Neustadts Straßen beispielsweise vom Stadtplatz. Sie wurden 1998 eingebaut oder durch sogenannte Schlauchliner im Jahr 2000 saniert. Damals hatte die Kamera wegen eines Rohreinbruchs nicht mehr durchgepasst. Wolfrum: „Sie sind nach 20 Jahren immer noch topp mit topp Hausanschlüssen.“ Die seien an anderen Stellen ein Riesenproblem. „In Neustadt gibt es Kanäle, die in Ordnung sind bis auf die Hausanschlüsse.“ Er rate dringend davon ab, dass Häuslebauer das selbst machen. Seine Empfehlung: „Eine Vorgabe der Stadt, dass am Kanal nur eine Fachfirma werkeln darf.“

Für den Stadtsäckel und damit auch für die Bürger kommt noch ein weiteres Problem dazu: Ist das Kanalnetz, beziehungsweise die einzelnen Leitungen den Belastungen durch heftige Niederschläge, wie sie auch in Folge des Klimawandels häufiger und intensiver zu erwarten sind, überhaupt gewachsen? Das hat inklusive der vom Gesetzgeber angepassten Vorgaben Auswirkungen nicht nur bei Kanalerneuerungen, sondern auch bei Reparaturen, die ohne Aufgrabungen aber auf Kosten von Verengungen erledigt werden können. Grundlage, was geht und was nicht, ist eine hydraulische Berechnung. Die ist auch für geplante Neubaugebiete nötig.

Auch wenn eine Kanalisation nicht für Extremereignisse ausgelegt sein wird, fließen Auswertungen von starken Regenfällen aus 52 Jahren mit in diese Berechnungen ein. Wolfrum: Die Ingenieurleistung zu dieser Berechnung koste keinen sechsstelligen Betrag. Aber was baulich dabei herauskomme, könne er nicht sagen. „Das wäre ein Blick in die Glaskugel.“

Armin Aichinger (CSU) sprach sich für eine enge Zeitschiene beim weiteren Vorgehen aus. „Wenn die Vorplanung abgeschlossen ist, könnte man nächstes Jahr loslegen.“ Damit folgte er Wolfrums Appell an die Stadt: „Das Thema Sanierungsplanung muss eine Herzensangelegenheit werden.“

Investition in Neustädter Wasserversorgung

Neustadt an der Waldnaab
Hintergrund:

40 Kilometer Entwässerungsnetz

  • 37.328 Meter Mischwasserkanal
  • 2.169 Meter Regenwasserkanal
  • 804 Meter Schmutzwasserkanal
  • 1360 Schachtbauwerke

"Der Kanal schickt keine Postkarte, wenn er nicht mehr kann. Der bricht einfach zusammen"

Kanalsanierungsberater Jürgen Wolfrum

Das Neustädter Abwassersystem weist je nach Anforderung ganz verschiedene Formen, wie auch dieses voll intakte Eiprofil auf.
Risse und Scherben machen bei diesem Steinzeugrohr eine Kanalsanierung nötig.
Dieses unbeschädigte Kanalrohr mit einem sogenannten Drachenprofil dient als Stauraumkanal.

 

 

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