03.12.2021 - 16:08 Uhr
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Oberviechtacher Kommandeur leitet deutsches Ausbildungskontingent in Mali

Oberstleutnant Andreas Bleek übernimmt die Führung der deutschen Soldaten bei der EU-Ausbildungsmission in Mali. Eine Stunde vor dem Übergabeappell erzählt er den Oberpfalz-Medien, was ihn erwartet und wie Weihnachten im Camp verläuft.

Bei der EU-Ausbildungsmission in Mali übergab Oberst Mathias Hell (rechts) die Führung über das deutsche Einsatzkontingent an Oberstleutnant Andreas Bleek (links). Die Übergabe leitete Brigadegeneral Jochen Deuer.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Während sich in der Oberpfalz Schnee und Regen abwechseln, strahlt in Westafrika die Sonne vom Himmel. Am Abend des 1. Dezember liegen die Temperaturen in Mali noch bei knapp 30 Grad Celsius. Für den Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 122, Oberstleutnant Andreas Bleek (42), endet der Tag mit einer besonderen Aufgabe: Er übernimmt die Führung des deutschen Kontingents bei der europäischen Ausbildungsmission in Mali (EUTM Mali) als Nachfolger von Oberst Mathias Hell. Kurz bevor Brigadegeneral Jochen Deuer mit dem Hubschrauber zum Übergabeappell im Ausbildungszentrum in Koulikoro landet, berichtet Bleek im Ferngespräch mit der Oberpfalz-Medien-Redaktion, was ihn und seine Soldaten die nächsten vier Monate erwartet.

Das Panzergrenadierbataillon 122 ist der Leitverband beim 27. Kontingent. Mitte September wurden in der Grenzlandkaserne 23 Soldaten verabschiedet, die – mit ihrer persönlichen Schutzausrüstung im Gepäck – nach Mali flogen. Bis Ende März ist Bleek für 140 deutsche Kräfte verantwortlich. Die meisten davon leben, schlafen und leisten ihren Dienst im EU-Ausbildungszentrum in Koulikoro. 30 Soldaten sind in der 60 Kilometer entfernten Hauptstadt Bamako im Generalstab und Ministerium tätig, weitere sind als Trainer über das ganze Land verteilt. Beim Einsatz geht es darum, das Krisenland zu stabilisieren. "Der wesentliche Unterschied zu Afghanistan ist der, dass wir nur ein Mandat für die Ausbildung haben", sagt der Oberstleutnant. "Wir sorgen nicht mit Waffen für Sicherheit und unterstützen auch nicht die malische Polizei, sondern wir bilden in einem gesicherten Bereich aus."

Von der Front ins Camp

Das Standardtraining dauert etwa vier Wochen. "Die malischen Soldaten kommen von der Front, also aus dem Hinterland wo sie die islamistischen Terroristen bekämpfen. Und sie werden danach gleich wieder dort eingesetzt", stellt Bleek fest. Wichtigstes Thema der Ausbildung ist die Abwehr von vergrabenen Sprengsätzen: "Die Malier werden sensibilisiert im Auffinden und im Umgang mit terroristischen Sprengsätzen." Dazu kommt die klassische Gefechtsausbildung, "wie am Standortübungsplatz in Oberviechtach", und humanitäres Völkerrecht.

Die Oberpfälzer Panzergrenadiere haben laut dem Kommandeur "überall die Finger drin": Oberviechtach stellt Ausbilder und Kräfte für die Versorgungskompanie (Feldpost, frische Uniformen, sanitätsdienstliche Versorgung) und auch für den multinationalen Stab. Seit seiner Ankunft am 4. November ist Andreas Bleek als Programm-Officer Teil des multinationalen Stabes, und zuständig für die Planung und Koordination der Kurse und Lehrgänge für das Training der malischen Soldaten. Diese Aufgabe wird er auch weiterhin - neben der Führung des deutschen Kontingents - wahrnehmen. Obwohl die Situation im Land nach zwei Militärputschen als gefährlich gilt, hat Andreas Bleek in Koulikoro "gar nicht das Gefühl, dass eine Anspannung herrscht". Denn das Ausbildungszentrum werde gut abgesichert: "Zuständig sind die Spanier und Tschechen, die einen sehr professionellen Auftrag erledigen". Der Oberstleutnant ergänzt: "Bei meinen Einsätzen in Afghanistan und auf dem Balkan habe ich deutlich mehr Bauchgrummeln gehabt als hier."

Wie er weiter ausführt, ist die EU-Ausbildungsmission in einer malischen Kaserne zu Gast. Hier haben die einheimischen Soldaten ihre Familien bei sich: "Da fahren Kinder mit kleinen Eselskarren Holz durch die Kaserne und die Damen tragen das Essen auf dem Kopf." So wie man es von Bildern aus Afrika kennt. "Wir kriegen diese Kultur ganz nah mit und fühlen uns sicher." Die Verständigung klappt zum Teil per Übersetzer oder in der Landessprache Französisch. "Wenn man aus dem Fenster schaut, ist der Niger nur einen Steinwurf weit entfernt", freut sich Andreas Bleek und berichtet von einer interessanten Flora und Fauna. Während Warane (Großechsen) durch das Lager spazieren, gibt es auch jede Menge Geckos, so dass die Unterkunft der Deutschen nur noch "Camp Gecko" genannt wird. Beim EU-Ausbildungseinsatz in Koulikoro sind neben einigen anderen Ländern aktuell auch Irland, Finnland, Österreich, Frankreich und Portugal vertreten.

Der Einsatz der Oberviechtacher in Westafrika dauert fünf Monate. Ein Heimaturlaub ist nicht eingeplant: "Wir sind ein kleines Kontingent, wo jeder Spezialist nur einmal vertreten ist." Die lange Trennung von der Familie und Freunden beinhaltet auch ein Weihnachtsfest fern der Heimat. Für die Familie Bleek, mit vier kleinen Kindern im Bundesland Hessen, ist es das erste Weihnachten, wo der Papa nicht zu Hause ist. Ein Lichtblick: "Mittlerweile funktioniert das drahtlose Netzwerk richtig gut." Die Soldaten können sich deshalb zur Video- oder Internettelefonie gesichert einloggen. "Ich hab meine Familie jeden Morgen am Bildschirm."

Weihnachtsgeschenke hat der Kommandeur vor dem Auslandseinsatz nicht mehr besorgt. Wie er verrät, können sich seine Lieben über malische Schnitzarbeiten per Feldpost freuen. Im adventlich geschmückten Camp ist schon ein großes Paket vom Oberviechtacher Bataillon angekommen. "Das öffnen wir erst an Weihnachten und dann werden die Sachen feierlich verteilt", gibt der Chef vor. Auch auf Traditionen müssen seine Soldaten nicht verzichten: "Wir werden einen Baum aufstellen, eine Andacht machen und am Heiligen Abend gemeinsam deutsche Weihnachtslieder singen. Ich glaube schon, dass ein wenig Weihnachtsstimmung aufkommt." Wie er betont, kann jeder individuell feiern, "gemeinsam mit den Kameraden oder ohne Trubel alleine".

Der Staat gefordert

Die Frage nach der größten Herausforderung für ihn als Vorgesetzten, beantwortet Bleek dahingehend, dass er alle Männer und Frauen heil nach Hause bringen will: "Daran arbeite ich mit aller Kraft." Weiter wünsche er sich, "dass der Einsatz dazu beiträgt, das Land auf die Beine zu bringen". Denn mit den Maliern gehe es voran, "wir machen einen guten Job". Doch Bleek sieht auch die Grenzen: "Das Militär kann nur für Sicherheit sorgen, aber nicht das Land alleine aufbauen." Und er ergänzt: "In Bereichen, in denen die Terroristen verdrängt wurden, muss die Staatlichkeit reinkommen und das Vakuum füllen." Die Ausbildung jedenfalls "saugen die malischen Soldaten wie ein Schwamm auf". Das sei Motivation für alle Beteiligten.

Ziemlich bald nach der Rückkehr in Oberviechtach wird Oberstleutnant Andreas Bleek das Kommando über das Panzergrenadierbataillon 122 abgeben. Es wird ein Abschied, ohne dass der Kommandeur einen Neujahrsempfang von Stadt und Bundeswehr erlebt hat: Zum Termin in 2020 wurde sein viertes Kind geboren, 2021 kam die Corona-Pandemie und 2022 ist er noch in Mali.

Oberviechtacher Kommandeur Andreas Bleek informiert über bevorstehenden Einsatz in Mali

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Oberstleutnant Andreas Bleek ist der neue Chef in der Grenzlandkaserne Oberviechtach

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Hintergrund:

Ausbildungsmission der Europäischen Union in Mali

  • Die Bundeswehr beginnt im April 2013 mit der Ausbildung von Soldaten im westafrikanischen Krisenstaat Mali. Im Januar 2013 hatte der Rat der Europäischen Union die EU-Militärmission zur Ausbildung der malischen Streitkräfte (European Union Training Mission/EUTM Mali) beschlossen.
  • Deutschland hat am 7. Juli 2021 die Führung der Ausbildungsmission "EUTM Mali" übernommen. Das Kommando über rund 950 Soldaten hat Brigadegeneral Jochen Deuer.
  • Von Dezember 2021 bis März 2022 läuft das 27. Kontingent. Leitverband ist das Panzergrenadierbataillon 122. Die Führung der rund 140 deutschen Soldaten übernimmt ab 1. Dezember Oberstleutnant Andreas Bleek.
  • Das EU-Ausbildungszentrum ist in einer Kaserne in Koulikoro untergebracht. Die Stadt liegt am Ufer des Flusses Niger und ist 60 Kilometer von der Hauptstadt Bamako entfernt.
  • Zum Einsatz in Mali gibt es vermehrt kritische Stimmen in der Politik. Es kursieren Gerüchte, dass die regierende Militärjunta eine Zusammenarbeit mit der russischen Söldnertruppe Wagner anstrebt, die auch die Ausbildung des Militärs übernehmen könnte.
  • Neben der europäischen Ausbildungsmission (EUTM Mali) hat Deutschland derzeit rund 880 Soldaten als Teil der UN-Truppe "Minusma" in Mali stationiert.

 

 

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