09.01.2022 - 11:34 Uhr
PechbrunnOberpfalz

Interview mit dem Chef der Caritas im Bistum Regensburg, Michael Dreßel

Ein Stiftländer trägt große Verantwortung in der Diözese Regensburg: Michael Dreßel ist Leiter der Hauptabteilung Diözesane Caritas mit über 20.000 Mitarbeitern. Das hätte er sich bei der Priesterweihe vor 17 Jahren nie träumen lassen.

Besuche in der Heimat wie hier 2020 beim Resl-Gebetstag in Konnersreuth gehören für Michael Dreßel (45) dazu.
von Michaela Kraus Kontakt Profil

ONETZ: Hätten Sie sich als Schüler in Fockenfeld schon träumen lassen, dass Sie einmal Karriere im Bistum machen?

Michael Dreßel: Ich bin kein Freund des Begriffs Karriere; „übertragene Verantwortung“ ist mir lieber. Während meiner Schulzeit in Fockenfeld war das alles aber kein Thema für mich. Da ging es um die Vorbereitung auf das Abitur und dann um die Frage: Wie soll es danach mit mir weitergehen?

ONETZ: Welche weltlichen und religiösen Vorbilder haben Sie geprägt?

Michael Dreßel: Mir imponieren Menschen, die nicht mit den Wölfen heulen, sondern einen Standpunkt im Leben haben und zu ihren Überzeugungen stehen, auch wenn es Gegenwind gibt. Der heilige Johannes Paul II. ist für mich so jemand: ein Mann mit Weitblick, Standfestigkeit, Gottvertrauen und einem großen Herzen.

ONETZ: Wenn nicht gleich nach der ersten Kaplanstelle der Ruf ans Bischöfliche Ordinariat gekommen wäre: Hätten Sie gern eine eigene Pfarrei betreut?

Michael Dreßel: Selbstverständlich. Mit diesem Ziel bin ich 2004 Priester geworden. Dass es dann ganz anders gekommen ist, hätte ich mir nicht träumen lassen.

ONETZ: Fiel der Abschied aus dem Bischöflichen Sekretariat schwer? Kam der Ruf an die Spitze der Diözesanen Caritas überraschend?

Michael Dreßel: Die Jahre im Bischöflichen Sekretariat waren eine spannende Zeit. Ich konnte das Bistum Regensburg intensiv kennenlernen. Bei zwei Bischöfen „in die Lehre zu gehen“ und ihnen als Büroleiter unmittelbar zuzuarbeiten, ist Ehre und Herausforderung zugleich. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen. Nach 15 Jahren war aber der Zeitpunkt für eine Veränderung gekommen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches; auch ein Pfarrer ist gehalten, nach einer ähnlich langen Zeitspanne die Pfarrstelle zu wechseln. Die Hauptabteilung „Diözesane Caritas“ hatte ich aber nicht im Blick. Daher war ich zuerst überrascht, als Bischof Rudolf mit dieser Aufgabe auf mich zukam. Es motiviert natürlich sehr, wenn der Bischof einem sagt: „Ich traue Ihnen das zu.“ Daher habe ich nach einigen Tagen Bedenkzeit gern „Ja“ gesagt.

ONETZ: Der Bischof hat bei Ihrem Antritt gesagt, Sie brächten einen frischen Blick von außen mit. Wo legen Sie die Schwerpunkte in der Caritas-Arbeit?

Michael Dreßel: Der caritative Bereich ist ein Universum mit vielen Themen. Da poltert man als Neuer nicht hinein mit dem Anspruch, alles besser zu wissen. Intensive Einarbeitung, offene Augen und Ohren, viele Gespräche – das ist anfangs das Gebot der Stunde. Zentral ist sicherlich auch die Feier des Gottesdienstes. Nicht umsonst hat Bischof Rudolf wieder einen Priester mit der Leitung dieses wichtigen Bereichs betraut. Denn Caritas ist Kirche! Und der Gottesdienst ist die Motivations- und Kraftquelle für die anstehenden Aufgaben.

ONETZ: Für wie viele Einrichtungen mit wie vielen Mitarbeitern sind Sie jetzt zuständig?

Michael Dreßel: Unter dem weiten Dach der Caritas im Bistum Regensburg gibt es über 900 verschiedene Einrichtungen und Dienste: vom Krankenhaus über Behindertenwerkstätten und Beratungsstellen bis hin zum Seniorenheim. Ein breitgefächertes Angebot mit über 20.000 hauptamtlichen Mitarbeitenden. Pro Jahr werden rund 350.000 Menschen damit erreicht.

ONETZ: Haben Sie schon überall einen Antrittsbesuch geschafft?

Michael Dreßel: Oje, schön wär’s. Ich hatte mir gerade für die Adventszeit viel vorgenommen. Aber Corona hat mich leider ausgebremst.

ONETZ: Sie sind Vorsitzender des Caritas-Verbandes und der Katholischen Jugendfürsorge (KJF). Wie wichtig sind Einrichtungen wie die Behindertenwerkstätten in Mitterteich?

Michael Dreßel: In diesen Einrichtungen wird Menschen mit Behinderung und deren Familien unmittelbar geholfen. Das ist unverzichtbar und ein wichtiger Beitrag für das Gemeinwohl. Und es wird deutlich: Kirche ist Anwältin für das Leben, gerade auch für das schwache und behinderte. Und das nicht nur in der Theorie, sondern in der Praxis: in der tatkräftigen und kompetenten Hilfe für Menschen in Not auf dem Fundament des christlichen Glaubens. Dafür steht Caritas; dafür steht die KJF.

ONETZ: Kann im kirchlichen Bereich stets die Menschlichkeit über der Wirtschaftlichkeit stehen?

Michael Dreßel: Die Caritas schwebt nicht irgendwo über den Wolken, sondern steht mittendrin in der Realität mit ihren politischen und auch wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Als Arbeitgeberin hat sie Verantwortung für die vielen Mitarbeitenden. Deswegen muss auch die wirtschaftliche Seite stimmen. Aber das ist kein Selbstzweck. Es geht nicht um Gewinnmaximierung. Im Mittelpunkt steht der Mensch in Not. Maßstab sind die Prinzipien der katholischen Soziallehre: Personalität, Subsidiarität, Solidarität und Gemeinwohl. Darum versteht sich die verbandliche Caritas auch als Anwältin für diejenigen, die kein Sprachrohr und keine Lobby haben.

ONETZ: Braucht es auch im "normalen" Wirtschaftsleben mehr Barmherzigkeit, mehr Nächstenliebe?

Michael Dreßel : Wir sehen es doch in vielen Bereichen: Gewinnmaximierung allein oder gar die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen taugen auf Dauer nicht als Grundlage für ein gutes gesellschaftliches Miteinander. Auch hier setzt die katholische Soziallehre wertvolle Impulse.

ONETZ: Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch kirchliche Würdenträger wühlt viele Gläubige auf. Was sagen Sie ihnen?

Michael Dreßel: Ich kann gut verstehen, wenn viele aufgewühlt sind; mir geht es nicht anders. Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist ein himmelschreiendes Verbrechen und – theologisch gesprochen – eine schwere Sünde. Da gilt es nichts zu beschönigen. Wie aber damit umgehen? Mehrere Aspekte sind wichtig: 1. Die Betroffenen stehen im Mittelpunkt. Ihnen gilt es zu helfen und so weit wie nur möglich gerecht zu werden. 2. Die Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden. 3. Die Aufarbeitung der Vergangenheit, um aus Fehlern für die Zukunft zu lernen. 4. Prävention: also durch Schulungsprogramme, die Förderung einer Kultur der Achtsamkeit, die Erarbeitung von Schutzkonzepten usw. das Menschenmögliche tun, um Missbrauch künftig zu vermeiden. Ein weites Feld für ein kurzes Interview... Auf seiner Homepage informiert das Bistum detailliert über seine Anstrengungen zu diesen Themen.

ONETZ: Wie bewältigen Sie die Herausforderungen des neuen Amtes, was gibt Ihnen Kraft?

Michael Dreßel: Ich muss es ja nicht allein machen, sondern bin Teil eines großen Teams. Ohne die Kompetenz und Mitarbeit vieler ginge es nicht. Wenn ich sehe, mit wie viel Herzblut – manchmal bis an die eigenen Grenzen – in der Coronapandemie viele mithelfen, damit die Schwächsten nicht auf der Strecke bleiben, dann kann ich nur dankbar den Hut ziehen.

ONETZ: Bleibt noch Freizeit übrig und wenn ja, wie nutzen Sie die?

Michael Dreßel: Freie Zeiten zum Durchschnaufen braucht jeder. Ich nutze die freie Zeit gern zum Lesen, vor allem von Dingen, die ich nicht für die Vorbereitung der nächsten Predigt oder Sitzung brauche. Musik entspannt. Und: Ich bin gern an der frischen Luft unterwegs.

ONETZ: Im November waren Sie Prediger bei der Monatswallfahrt in Tirschenreuth. Wie oft kommen Sie auch privat noch in die nördliche Oberpfalz?

Michael Dreßel: Meine Eltern leben in Pechbrunn. Darum sind regelmäßige Besuche dort eine Selbstverständlichkeit für mich.

ONETZ: Wenn Sie an das Wort Heimat denken, was kommt Ihnen in den Sinn?

Michael Dreßel: Während meiner Studienzeit in Rom habe ich versucht, einen befreundeten Priester aus Irland, der gut deutsch sprach, in die Geheimnisse des Oberpfälzer Dialekts einzuführen. Wir haben Tränen gelacht. Damals ist mir aufgegangen, wie eng Heimat mit Kultur und Sprache, besonders auch mit dem eigenen Dialekt verbunden ist. Und natürlich ebenso eng mit den Menschen, die einem nahestehen. Bei einem Blick auf die Landkarte ist Heimat für mich natürlich das Stiftland mit seinem rauen Charme, aber auch Regensburg, wo ich seit vielen Jahren lebe.

In Tirschenreuth betreibt die KJF eine Beratungsstelle für Jugendliche und Eltern

Tirschenreuth

Die KJF-Behindertenwerkstätte in Mitterteich wurde erweitert

Mitterteich
Hintergrund:

Zur Person: Michael Dreßel

  • 1976 geboren in Marktredwitz, aufgewachsen in Pechbrunn mit zwei Geschwistern in einem christlich geprägten Elternhaus, als Ministrant und in der Pfarrjugend aktiv.
  • Nach der Realschule Marktredwitz Besuch des Wirtschaftszweigs an der Fachoberschule Weiden, Wechsel ans Spätberufenen-Seminar Fockenfeld.
  • Nach dem Abitur in Fockenfeld 2003 Abschluss des Theologiestudiums.
  • Nach einem pastoralen Praktikum in Kümmersbruck Diakonweihe in Amberg.
  • 2004 Priesterweihe in Regensburg.
  • Erste Kaplanstelle in Nittenau.
  • 2006 Ernennung zum Bischöflichen Kaplan mit Leitung des Sekretariats von Bischof Gerhard Ludwig Müller.
  • 2013 in dieser Aufgabe von Bischof Rudolf Voderholzer bestätigt.
  • 2021 Ernennung zum Leiter der Hauptabteilung „Diözesane Caritas" im Bistum Regensburg, gleichzeitig Vorsitz des Diözesancaritasverbandes und der Katholischen Jugendfürsorge.

 

 

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