16.08.2019 - 16:28 Uhr
PfreimdOberpfalz

Familie Haas in Pfreimd: Von der Schmiede zur Kaufmanns-Dynastie

Mit dem Schmiedehandwerk begann der Aufstieg. Doch erst der Eisenhandel brachte den großen Geschäftserfolg für die Familie Haas. Eine Dynastie von Kaufleuten, mit der die Stadt Pfreimd unzählige Erinnerungen verknüpft.

So sah das Haas-Geschäftshaus mit der 1893/94 angebauten Schmiedewerkstatt (links) aus. Erst 1938 wurde die Ansicht im Nordosten durch einen Erker verändert.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Hasengitter und Bleikristall, Klobürste und Eisenrohr, frisch zugesägt: Wer in Erinnerungen an die Pfreimder Kaufmannsfamilie Haas kramt, stößt auf begeisterte Berichte von freundlichen Verkäufern, die einfach alles auf Lager haben oder zumindest bestellen können. Das Ende des Traditionsbetriebs in Pfreimd liegt schon über ein Jahrzehnt zurück. Vergessen aber sind der Laden und seine Inhaber noch lange nicht, auch wenn im Herbst ein Teil ihres "Imperiums" auf der Schutthalde landet.

Um das Jahr 1888 ist dieses Foto entstanden, das drei Generationen Haas zeigt: Andreas Haas (stehend) lebte von 1853 bis 1921, links seine Frau Maria Theresia mit Tochter Maria Magdalena, in der Mitte Michael Andreas (1883 bis 1951) und rechts Michael Haas (1819 bis 1892), der als Stammvater der Eisenwarenhandlung gilt.

Ein "Wirtschaftswunder"

Was der "Haas" zu bieten hatte, war über mehrere Lager und Anwesen in der Pfreimder Altstadt verstreut, konzentrierte sich allerdings in der eigentlichen Eisenwarenhandlung in der Leuchtenberger Straße. Heute ist das Geschäft ein Einzeldenkmal, nur ein später angefügter Neubau soll im Herbst weichen. Denkwürdig ist aber auch das "Wirtschaftswunder", das hier beispielhaft seine Spuren in der Stadtgeschichte hinterlassen hat. Helmut Friedl hat für den heimatkundlichen und historischen Arbeitskreis in Pfreimd eine Menge Details recherchiert, aber es mangelt auch nicht an Zeitzeugen, die beim Stichwort "Haas" ins Schwärmen geraten.

Der Sohn eines Schmieds, Andreas Haas, war es, der am 24. Februar 1881 offiziell das Gewerbe "Eisenhandel" bei der Stadt Pfreimd angemeldet hat. Als Stammvater allerdings gilt der 1819 im Nachbarort Stein geborene Michael Haas. Seine Schmiede florierte wohl auch deshalb so gut, weil seine Produktpalette beim Eisenbahnbau um die Mitte des 19. Jahrhunderts sehr gefragt war. Eine finanziell gut situierte Braut bringt zusätzlich eine stattliche Zahl von Gulden mit in die Ehe. Und im Rechnen waren die Mitglieder der Familie Haas wohl auch ganz gut, wie Heimatforscher Friedl herausgefunden hat. Jedenfalls glänzte wohl Andreas Haas in seiner Schulzeit von 1859 bis 1869 regelmäßig mit "Vorzüglich" (Note eins).

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Bereits in den Jahren um 1900 gab es nicht nur Eisen beim Haas zu kaufen, sondern ein umfangreiches und breitgefächertes Warenangebot für Haushalt, Landwirtschaft und allerlei Gewerbe. Geschäftstüchtig war die Familie aber auch beim Erwerb von diversen Häusern und Grundstücken, obwohl die Weltwirtschaftskrise an den Pfreimdern nicht spurlos vorbeiging. "Geldscheine bis in die Millionen- und Milliardenhöhe dienten zuletzt nur noch als Einmerk-Zettel für die Geschäftsbücher", so Helmut Friedl, der für den "Stadtturm" des Arbeitskreises, die Familiengeschichte für die Nachwelt festgehalten hat.

Pfundweise gab es früher im Universalgeschäft Baumaterial wie Gips zu kaufen.

Fundgrube für Historiker

Doch untergegangen ist der Laden nie, auch nicht im Zweiten Weltkrieg als Ware oft knapp war. "Die Geschäftsleute sind auch noch in einer Zeit beliefert worden, als gerade kriegswürdiges Material ausgesprochen knapp war", hat Friedl festgestellt. Belege dafür gab es genug, denn weggeworfen wurde wenig in dieser Familie von tüchtigen Kaufleuten. "Da gab es Kartons in der Größe von Waschmaschinen voller Kontoauszüge und Lieferscheine", weiß der Heimatforscher. Kaufurkunden von 1820, Ausbildungsunterlagen von 1890 und Schulhefte aus den 30er Jahren mit Aufsätzen zu Hitlers Geburtstag: All das ist eine gigantische Fundgrube für Hobby-Historiker. Dazu kam zu Blütezeiten ein enormes Warenlager und das entsprechende Personal. "Da hätte ein Baumarkt nicht mithalten können", meint Friedl, der Geschichten kennt, wie der letzte Inhaber Ulrich Haas noch Wochen nach einer Anfrage den gewünschten Schelllack oder die ganz speziellen Gewinde-Schrauben aufgetrieben hat.

Noch in den 70er Jahren wurden schwere, sechs Meter lange Eisenstangen im Gummiwagen über die nach dem Geschäftsinhaber benannte "Haas-Kreuzung" gekarrt und auf die vom Kunden gewünschte Länge zurecht gesägt. "Wir hatten damals sogar noch Sarg-Griffe auf Lager", erinnert sich Johann Maier an seine Lehrzeit beim "Uli". Die Ochseneisen allerdings wurden damals schon zum Besohlen der Schuhe zweckentfremdet. Und jedes Ding hatte seinen Platz. "Ich erinnere mich noch ganz genau an das Schüberl oben rechts, da waren die Mausefallen drin", so Maier. "Die gesamte Logistik lief in den Köpfen des Verkaufspersonals ab", bestätigt Friedl. "Der Verkaufsraum war museal, aber enorm effektiv."

Farbpigmente lagerten in hölzernen Schubladen.

Ein gusseiserner Ofen heizte den über Jahrzehnte nicht getünchten Raum. "Das Weißen war dem Chef einfach zu aufwendig", meint Hans Paulus, der Ende der 60er Jahre dort eine der begehrten Lehrstellen ergattert hatte und ebenso wie Maier "nie ein böses Wort" vom Lehrherrn hörte. "Da wurde den Angestellten zum Geburtstag und zum Namenstag gratuliert, es gab sogenannte Hochzeitstische für Brautleute und pfundweise Gips oder Farbpigmente", erinnert sich Paulus und erzählt von vielen Handwerkern, die regelmäßig zum Einkauf nach Pfreimd gepilgert sind. "Und wenn nichts los war, haben wir einfach Brotzeit gemacht." Fast schon zum Pflichtprogramm gehörte der tägliche Nachmittagstee im Hinterzimmer, zu dem Ulrich Haas und seine für Büroarbeiten zuständige Schwester Theresia Hössl Marmeladenbrote reichten.

Nicht immer war das Sammelsurium im Neubau und rund um den Magazinschrank im Altbau für die Kunden einfach zu durchschauen, doch hinter dem scheinbaren Chaos steckte laut Paulus eine penible Ordnung. Auch fachlich gab es viel zu lernen beim "Haas". "Gerade in Sachen Haushalt, da war der Uli fit, der wusste was eine Sauciere ist", berichtet Maier voller Respekt für den 2004 verstorbenen Geschäftsinhaber, dem zwei Jahre später auch seine Schwester Theresia folgte. Ihr bereits 1997 verstorbener Sohn Ulrich Hössl hätte das Geschäft eigentlich übernehmen sollen. Die Erben hatten dann andere Pläne. Wer fortan Schrauben, Dübel, Spielzeug oder einen Spaten suchte, musste in die 1954 eröffnete "Filiale" nach Nabburg fahren, wo der frühere Lehrling Johann Maier zusammen mit Hans Selch noch bis Ende November die Stellung hält.

Wer heute nach dem Erfolgsmodell der Familie Haas fragt, bekommt immer die gleiche Antwort: "Da gab es einfach alles, und was nicht auf Lager war, wurde bestellt." Dass gerade das Bestellen, das jetzt in Zeiten des Internets viel einfacher ist, dem Erfolg ein Ende setzt, hätten sich Ulrich Haas und seine Vorfahren wohl nicht träumen lassen.

Heute ist der Altbau der Familie Haas ein Einzeldenkmal, das kurz vor der Sanierung steht. So manches Inventar ist allerdings ein Fall fürs Museum.
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