Die Krankenschwester aus der Oberpfalz ist seit dreißig Jahren in ihrem Beruf – und sie würde dies auch gerne weiterhin bleiben. Trotzdem hat sie sich schweren Herzens auf die Suche nach einem neuen Job gemacht. Der Grund: Die einrichtungsbezogene Impfpflicht im Gesundheitswesen.
Weniger als zwei Monate bleiben den Beschäftigten im Gesundheitswesen und im Sozialbereich noch. Dann müssen sie ihren Arbeitgeber informieren, ob sie vollständig gegen Corona geimpft sind, einen Genesenen-Nachweis haben oder ein ärztliches Zeugnis vorlegen, dass sie aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können. Stichtag ist der 15. März.
Impfpflicht eine Watsch'n für den Pflegebereich
Geimpft ist die Krankenschwester bislang nicht gegen Covid-19. Und sie will sich auch nicht impfen lassen. Zu groß sind die Zweifel am Impfstoff und der Ärger über die Aussagen, die aus der Politik kommen. Einiges passt nicht zum dem, was sie an ihrem Arbeitsplatz erlebt und beobachtet hat, erzählt sie. Und sie ärgert sich über die Art und Weise, wie im Gesundheitsbereich nun die Impfpflicht eingeführt wird.
Ärger, Empörung und auch Wut ist nicht nur bei ihr herauszuhören. Von einer Watsch'n spricht eine andere Oberpfälzer Pflegekraft. Sie beklagt, dass der Pflegebereich vergessen worden sei, vor und auch in der Pandemie. "Mit klatschen auf dem Balkon ist es nicht getan." Auch sie will sich nicht impfen lassen und sucht deshalb einen neuen Job. So wie eine andere Altenpflegerin, die selbst an Corona erkrankt war. Sie ist von der Impfung nicht überzeugt, sagt sie.
Ungewissheit, ob der Betrieb eingeschränkt werden muss
In der ambulanten Pflege sind es etliche Kräfte, die eine Impfung gegen Corona ablehnen, berichtet eine Pflegekraft. Ihre große Sorge ist, dass es nicht mehr gelingen könnte, alle Patienten ordentlich zu versorgen. Eine Sorge, die nicht aus der Luft gegriffen ist. Die Caritas berichtet, dass einige Pflegedienste keine neuen Kunden aufnehmen, weil sie nicht wissen, wie lange Ungeimpfte noch arbeiten dürfen. "Im Moment scheinen dies aber noch Einzelfälle zu sein", teilt der Diözesan-Verband auf Anfrage mit.
Der Anteil der vollständig geimpften Beschäftigten in Langzeitpflegeeinrichtungen lag Ende November laut der jüngsten Umfrage des Robert-Koch-Instituts (RKI) bundesweit im Durchschnitt bei 81,3 Prozent. Wobei die Spannweite pro Einrichtung zwischen 20 Prozent und 100 Prozent schwankt. Letzteren Wert schafft beinahe das Seniorenheim St. Barbara in Hirschau (Kreis Amberg-Sulzbach). Von 86 Mitarbeitern sind alle bis auf eine Mitarbeiterin geimpft. Diese Kraft werde nach rund zweieinhalb Jahren gehen, sagt Heimleiterin Astrid Geitner.
Von Corona schwer getroffen
Das Hirschauer BRK-Heim hatte es zu Beginn der Corona-Pandemie besonders hart getroffen. Fast zwei Dutzend Bewohner waren gestorben und zeitweise waren so viele Mitarbeiter erkrankt, dass Hilfe von außen kommen musste. Eine bittere Erfahrung, sagt Geitner. Auf knapp 90 Prozent schätzt Michaela Mösbauer, Verwaltungsleiterin des Alten- und Pflegeheims Oberviechtach (Kreis Schwandorf), die Impfquote. Sie fürchtet, gerade junge Kräfte wegen der Impfpflicht zu verlieren.
Die Caritas für die Diözese Regensburg spricht davon, dass rund 85 Prozent der rund 5500 Mitarbeiter in der Altenpflege geimpft oder genesen sind. Zu diesem Bereich zählen rund 50 Alten- und Pflegeheime sowie rund 60 Ambulante Pflegedienste. Das Bayerische Rote Kreuz (BRK) nennt eine Impfquote von bald 90 Prozent in den acht Seniorenheimen des Bezirksverbandes. Noch höher ist die Impfquote im Rettungsdienst. Das BRK spricht von annähernd 100 Prozent, die Malteser von 98 Prozent.
Höhere Impfquote in Krankenhäusern
In den Krankenhäusern waren Mitte November bundesweit im Durchschnitt 92 Prozent des Personals geimpft, ergab eine Anfang Januar veröffentlichte RKI-Befragung. Ähnliche Werte berichten auch Krankenhäuser in der Oberpfalz. Das Klinikum St. Marien in Amberg spricht von einer Impfquote von 94 Prozent. "Bisher hat es im Klinikum aufgrund der einrichtungsbezogenen Impfpflicht noch keine Kündigungen gegeben", sagt Sprecherin Sandra Dietl. Im Krankenhaus St. Barbara in Schwandorf liegt die Impfquote derzeit bei 90 Prozent – über alle Berufsgruppen hinweg. Bei Ärzten und Ärztinnen beträgt sie in Schwandorf hundert Prozent. Generell ist die Impfbereitschaft in pflege- und medizinfernen Bereichen niedriger. Doch auch Techniker und Verwaltungskräfte oder Reinigungspersonal müssen geimpft sein.
Krankenhäuser und Kliniken werben weiterhin fürs Impfen und bieten interne Impfaktionen für Mitarbeiter an. Darauf setzen auch Organisationen wie die Caritas, das BRK oder die Malteser. Die Hoffnung ist, dass sich möglichst viele doch noch impfen lassen. Manchmal ist aber alles Bemühen vergebens – nicht jeder lässt sich überzeugen.
Zweifel an Technologie und Furcht vor Nebenwirkungen
Viele, die sich nicht oder noch nicht impfen lassen wollen, treibt die Furcht vor bleibenden Schäden um, sie haben die Sorge, dass die neuen Impftechnologien nicht sicher sein könnten. Dazu kommt die Furcht vor starken Nebenwirkungen. Dass Experten wie etwa der Leiter der Forschungsgruppe für Infektionsimmunologie und Impfstoff-Forschung der Berliner Charité, Leif Erik Sander, sagen, dass es inzwischen eine gute Datenlage gebe, um zu sagen der Impfstoff ist sicher, überzeugt sie nicht.
Auch der Wunsch, noch abwarten zu wollen, ist in Gesprächen zu hören. Einige warten auf den Novavax-Impfstoff, berichtet der Geschäftsführer der Diakonie Weiden, Diakon Karl Rühl. Er verweist darauf, dass rechtlich noch vieles ungeklärt sei. Letztlich gehe es bei denen, die sich nicht impfen lassen um gute Arbeitskräfte, die sich nichts zuschulden kommen lassen haben. Aber am Ende werden diese Menschen ihren Beruf nicht mehr ausüben können.
Die Impfpflicht "bedeutet einen unglaublichen Druck auf die Personen, die seit inzwischen zwei Jahren der Pandemie die Stirn bieten", heißt es bei der Caritas. "Nun steht ihre berufliche Existenz auf dem Spiel", sagt Sprecher Harry Landauer. Andererseits werde jeder, der wegen der Impfpflicht ausscheidet, eine große Lücke hinterlassen. "In der Pflege, insbesondere in der Altenhilfe und auch in der Behindertenhilfe herrscht seit Jahren ein gravierender Personalnotstand." Für die Caritas und das Rote Kreuz ist das Impfen ein Akt der Solidarität. Dies dürfe nicht auf einzelne Berufsgruppen abgewälzt werden. Durch die Impfpflicht würden Mitarbeiter stigmatisiert, sagt BRK-Bezirksgeschäftsführer Mario Drexler.
Zerrissenheit zwischen Liebe zum Beruf und Ärger über Impfpflicht
Wer mit Pflegekräften spricht, die wegen der Impfpflicht den Beruf wechseln wollen, kann hören, dass sie mit der Zerrissenheit zwischen Ablehnung der Corona-Impfung und der Liebe zum Beruf sowie dem Verantwortungsgefühl den Patienten gegenüber kämpfen. Manchmal fällt auch das Wort Signal, das man setzen wolle. Die Politik solle sehen, dass sie der Pflege nicht alles zumuten könne. Den eigenen Namen will keine in der Zeitung lesen, aus Sorgen vor etwaigen Folgen.
Die eingangs erwähnte Oberpfälzer Krankenschwester überlegt nun, sich doch impfen zu lassen. Sie will auch wieder am Leben teilnehmen und reisen. Zudem hat sie keinen anderen Job gefunden – und am liebsten will sie ohnehin bei ihrer Arbeit im Krankenhaus bleiben. Ihre Hoffnung ist, dass "es schon gut gehen" wird. Eine Pflegekraft sagt, wenn es eine allgemeine Impfpflicht geben sollte, dann müsse auch sie in den sauren Apfel beißen.
„Sich impfen oder boostern zu lassen, die Regeln zu beachten und Kontakte einzuschränken, ist keine Privatangelegenheit mehr, sondern eine Frage der Solidarität. Solidarität mit den Menschen, die dringend eine Behandlung brauchen, Solidarität mit denen, die zu Risikogruppen gehören und Solidarität mit Mitarbeitenden, die am Limit sind.“


























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