12.02.2021 - 18:35 Uhr
RiedenOberpfalz

Kult-Disco Kongo-Bar in Rieden: Willkommen im Dschungel

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In Rieden stand eine der ersten Discos der Region und lange die einzige zwischen Amberg und Regensburg. In der Kongo-Bar feierten und verliebten sich die Leute, manchmal gab’s Watschn. Und auch der „Handstand-Lucki“ trieb sich dort um.

Exotisch und kultig: Eine alte Postkarte der Kongo-Bar in Rieden.
von Julian Trager Kontakt Profil

Der Weg in den Dschungel führt über eine schmale, steile Treppe, durch eine schwere Tür. Drinnen an den Wänden gemalte Palmen, zwischen den Sitzbänken künstliche Palmen, Sträucher, Farne. Lichter blitzen durch die Blätter und den Kippen-Nebel. „I can’t get no satisfaction“, ächzt Mick Jagger aus den Boxen. An der Bar sitzt, wie immer, die Gang aus Kallmünz, Whisky und Asbach auf dem Tresen. An einer erhöhten Tischgruppe hocken die Jungs aus Hohenfels, irgendwo stehen die Bergsteiger. Beide Cliquen mustern, belauern sich, ein bisschen wie Tiger. Der Dschungel liegt in den 60er und 70er im Vilstal, in der Kongo-Bar in Rieden (Kreis Amberg-Sulzbach).

Die Kongo-Bar eröffnete vor fast genau 54 Jahren am 3. Februar 1967. Sie war eine der ersten Diskotheken im Kreis Amberg-Sulzbach und damals die einzige in der Gegend zwischen Amberg, Regensburg, Neumarkt und Schwandorf, heißt es. Am Wochenende war dann entsprechend viel los. Die Gäste kamen aus dem Vilstal, aus Hohenfels, aus Amberg, aus Franken. Selbst aus Mainz reisten welche an. Für viele gehörte die Disco zum Freitag wie die Arbeit zum Montag, war einfach Pflicht. Fußballtraining, Spielersitzung – und dann schnellstens in die Kongo-Bar. „Bei besonderen Anlässen war die Treppe schon kurz vor Acht voller Leute. Da konnte ich oft gar nicht mehr durch“, erinnert sich Karl-Heinz Graf.

Per Handstand in die Kongo-Bar

Graf, für viele nur der „Kongo-Kare“, führte die Disco neun Jahre lang, von 1971 bis 1979. Geschichten über Geschichten kann er aus der Zeit erzählen. Von Franzl Lang, damals eine bekannter Unterhalter, der nach dem Vilstalfest in der Kongo-Bar jodelte. Vom Kinderfasching mit einer frühen Version der Mini-Playback-Show und stockbesoffenen Vätern, „die halt auch Spaß hatten“. Der Sportlerball Mitte der 70er, Modenschau. Männer, die als Frauen verkleidet über den eigens gebauten Laufsteg stolzierten, bejubelt von einer johlenden Menge. „Da waren mindestens 300 Leute drin“, sagt Graf, „die haben nicht mal mehr stehen können.“

Bei anderen Anekdoten fehlen mittlerweile die Details. „Mei, es hat so viel gegeben, da kannst dich gar nicht mehr an alles erinnern“, sagt der heute 73-Jährige. Lang ist’s her.

Unsicher ist sich Graf vor allem bei der Geschichte mit Ludwig Hofmaier. Der „Handstand-Lucki“ soll die Kongo-Bar in den 80ern auch mal betrieben haben - angeblich. Nichts dran, meint Gotthard Färber, den im Vilstal alle „Kik“ nennen. Der Riedener Altbürgermeister weiß jedenfalls nichts davon. Und das heißt viel, bedeutet aber nicht, dass der „Handstand-Lucki“ nichts mit der Kongo-Bar zu tun hatte. Der frühere Turner, Wirt und jetzige Antiquitätenhändler, der aus dem Kreis Kelheim stammt, schaute ab und zu in der Riedener Disco vorbei. Einmal, vielleicht 1967 oder 68, erinnert sich der „Kik“, übernachtete Hofmaier im Fremdenzimmer der Familie Färber. Den Weg vom ersten Lokal des Abends in die Kongo-Bar habe der „Lucki“, natürlich, per Handstand zurückgelegt. Am nächsten Tag stemmte sich der 155 Zentimeter große Mann kopfüber mit den Händen die Treppe vom Färber-Fremdenzimmer im ersten Stock herunter. „Das weiß ich tausendprozentig“, sagt Gotthard Färber. Ob sich Hofmaier an Rieden erinnert, ist unklar. Auf eine Anfrage reagierte er nicht. Kann aber gut sein, dass ihn die Kongo-Bar prägte. Später betrieb er neben der Disco Apollo in Steinberg am See (Kreis Schwandorf) auch drei Lokale in Regensburg – unter anderem eine Kongo-Bar am Neupfarrplatz.

"Lucki" Hofmaier auf dem Flohmarkt in Weiden

Liebe und Hiebe

In den 50er Jahren war das Kongo-Bar-Gebäude als „Stelzerkeller“ bekannt, ein Tanzsaal. Es gehörte den Eltern eines guten Freundes von Karl-Heinz Graf. Mitte der 60er stand der Bau leer. Die jungen Karl-Heinz und Wolfgang, der Kumpel, nutzten einen kleinen Teil als Partyzimmer. „Da haben wir Limo und vielleicht gestohlenes Bier getrunken“, erzählt Graf und schmunzelt. „Sahara“ nannten sie die Ecke, die bald zu klein war. 1966 erlaubte man ihnen, eine Diskothek zu eröffnen. Karl-Heinz plante Einrichtung und Deko, Wolfgang führte die Disco die ersten Jahre. Grafs Bruder Andi übernahm den Job als erster DJ.

Später, die Kongo-Bar gab’s da schon nicht mehr, beheimatete das Gebäude das Funny, eine Kneipe. Irgendwann war dann endgültig Schluss. 2018 wurde das Gebäude abgerissen, in dem drei Generationen feierten, ihre ersten Räusche erlebten, ihre ersten Küsse austauschten, die erste Liebe fanden.

„Ich hab viele Ehen gestiftet“, sagt Karl-Heinz Graf. „Ist wirklich so.“ Mindestens 50 dürften es gewesen sein in seiner Zeit als Chef der Kongo-Bar und der Disco Flirt, die er später in den 80ern in Ebermannsdorf betrieb. Egal ob Hohenfelser oder Amberger, viele von ihnen heirateten ein Mädel aus dem Vilstal, blieben dort hängen – und wurden im Lauf der Zeit auch ruhiger.

Natürlich ging es manchmal auch in der Kongo-Bar wild zur Sache, wie fast überall damals. Stammgäste erinnern sich an Schlägereien vor allem zwischen den Cliquen aus Hohenfels und Bergsteig. „Mal waren die mehr, mal waren wir mehr“, meint einer, der öfter mittendrin war. Heute muss er darüber schmunzeln. Waren halt andere Zeiten. „Da sind Meinungsverschiedenheiten noch mit Watschn ausgetragen worden“, sagt Graf. Zum Glück sei das nicht allzu oft vorgekommen, und was Gravierendes sei auch nie passiert. „Da ist jetzt nie einer gestorben.“

Testlabor für Plattenfirmen

Meistens ging es dann doch zivilisierter zu. Die Leute feierten, tranken. Whisky zwei Mark fünfzig, Gspritzte zwei Mark. Die Leute sangen, tanzten. Andi Graf, Dulli und später die anderen Disc-Jockeys legten alles auf, was in den 60ern und 70ern angesagt war. Die Beatles, die Stones, Status Quo. Und natürlich Schlager. Marianne Rosenberg, Udo Jürgens, Drafi Deutscher.

Das lief früher in der Kongo-Bar

Die Kongo-Bar war Testlabor für Schallplattenfirmen, erzählt Graf. Die Platten bekam er von „Radio Eberle“ in Regensburg, nicht alle musste er bezahlen. „Da haben sie mir immer auch welche kostenlos mitgegeben. Um zu testen, wie das Publikum drauf anspringt.“ Die Platten durfte der „Kongo-Kare“ behalten, er musste nur einen Fragebogen zurückschicken. „Ich war der einzige im Landkreis, der so bestückt wurde.“

Auch wenn nicht alles immer super war, erinnert sich Karl-Heinz Graf gerne an die Zeit in der Kongo-Bar zurück. An seine Gäste, die ihn auch in München erkannten. An die Musik, die heute vor allem auf Bayern 1 läuft. An die schmale, steile Treppe, die in den Dschungel führte. Ja, die Treppe, Graf schaut nach oben, schüttelt kurz den Kopf, grinst und sagt: „Was sind die Leute da vor lauter Rausch runter gefallen.“

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