15.06.2020 - 14:11 Uhr
SchnaittenbachOberpfalz

Kaolinschlämmen rund um Schnaittenbach sind Geschichte

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In den vergangenen 185 Jahren gab es im Bereich Schnaittenbach, der wegen der vielen Abbaustellen teils einer Mondlandschaft glich, über zehn Kaolinschlämmen und -firmen. Sie sind, mit Ausnahme der Firma Eduard Kick, alle verschwunden.

Die erste einfache Kaolinschlämme, der Poppn-Stodl an der Ecke Auf der Loh/Dr.-Carl-Eibes-Straße, das spätere Rot-Kreuz-Haus, war 1833 der Geburtsort der Schnaittenbacher Kaolinindustrie.
von Autor SHProfil

2019 wurde mit dem Abbruch der Poppn-Schlemm auch die letzte Anlage dem Erdboden gleichgemacht. In etwa zweieinhalb Jahren Bauzeit fielen die Firmengebäude des 185 Jahre alten Kaolinwerks Eduard Kick dem Abrissbagger zum Opfer. Die Abbrucharbeiten sind beendet, die ehemalige Poppn-Schlemm ist nun endgültig ein Fall für die Geschichtsbücher.

Die ursprünglichen Bedenken der Schnaittenbacher, nach dem Verkauf der Firma Kick vor 25 Jahren an die AKW würde die Poppn-Schlemm als Firmenruine stehenbleiben, haben sich somit nicht bewahrheitet. Nichts ist übrig geblieben vom Stammwerk mit Quirl (Roherdeauflösung), Zyklonanlagen, Eindicker, Kesselhaus (Kraftwerk), Presserei, Bunkeranlagen, Sandtrocknung, Quarzmühle, Schlosserei, Elektrowerkstatt, Lehrwerkstatt und Verladung, das einmal mit etwa 400 Mitarbeitern Schnaittenbachs größter Arbeitgeber war.

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Schnaittenbach

Der Aufschwung der Kick'schen Unternehmungen rief andere Firmen auf den Plan. Der aus München stammende Apotheker Valta baute südlich des Marktes Schnaittenbach in Grundla, dem heutigen Valtahölzl, einen Schlämmbetrieb, der jedoch nicht lange existierte, sondern von Kick 1893 aufgekauft und später stillgelegt wurde. Das Gebäude wurde abgerissen. Das einzige Überbleibsel war ein rund 25 Meter hoher Kamin, der an die Zeit der Firma Valta erinnerte. Ende 1930 wurde auch er dem Erdboden gleichgemacht. Dagegen steht das Valta-Haus in der Wernberger Straße heute noch, es dient als Verwaltungs- und Wohnhaus und befindet sich im Besitz der Familie Hans Schorner.

Ihren Anfang nahm diese Epoche 1833, als sich der aus Biberach an der Riß stammende Daniel Christoph Eduard Kick der Gewinnung und Aufbereitung von Kaolin widmete und in Schnaittenbach die oberpfälzische Kaolinindustrie begründete. Die erste Kaolinschlämme richtete Kick im Poppschen-Stadel vor dem Lohtor, dem späteren Rot-Kreuz-Haus, ein. Dort war also die Geburtsstätte des Kaolinabbaus. Dieser in der ganzen Welt begehrte Rohstoffes wird etwa zur Herstellung von Papier, Porzellan, Keramik, Lacken und Farben verwandt. Nach Aufgabe dieses Standorts produzierte die Familie Heldmann vom übrigen Sandberg Betonsteine.

Schon 1840 erbaute Kick am Blemlhof an der Ecke der jetzigen Dr.-Carl-Eibes-Straße/Liborius-Gräßmann-Straße eine weitere Kaolinschlämme, die man die Obere Schlämme nannte. Etwas mehr als 50 Jahre war diese in Betrieb. In der Zeit um 1895 wurde sie zur Hälfte abgebrochen, während der Rest des Gebäudes als Wohnhaus genutzt wurde. Heute noch dort existierende kleine Sandhügel sind stumme Zeugen längst vergangener Tage der anfänglichen Kaolinschlämmung.

Übrig vom Kaolinabbau am Valtahölzl ist ein ausgebeutetes, hügeliges Gelände, das mit Berg- und Talbahnen zum Radfahren und Schlittenfahren bis in die 1980er-Jahre ein Spielparadies für Kinder war. Um dieselbe Zeit errichtete Joseph Dorfner aus Hirschau bei den Pfalterweihern, oberhalb des Blemlhofs gelegen, eine Kaolinschlämmfabrik, die mehrmals niederbrannte und um die Jahrhundertwende schon wieder einging. 1946 siedelte sich dort das Betonwerk Hans Pröls an, das den Sandberg, der aus der Zeit des Dorfner'schen Kaolinwerks übrig geblieben war, zu Hohlblocksteinen verarbeitet.

1840 wurde auch der praktizierende Arzt Besold aus Hirschau in dieser Richtung aktiv. Gemeinsam mit dem Tafernwirt Jakob Reiß aus Schnaittenbach und Martin Dorfner, dem Bärnwirt aus Hirschau, erbaute er eine Erdschlämme, die ebenso nach wenigen Jahren wieder ihren Betrieb einstellte. Um 1870 errichtete der gutsherrliche Oberförster Lösche aus Sachsen die Sachsenschlämm, im Volksmund bekannt als Sachsenbau. Auch diese Schlämme existierte nicht lange. Gebäude und Grundstücke erwarb die Familie Kick-Rasel. Ende der 1920er-Jahre diente die Mittelhalle als Turnhalle. 1933 ließ die Firma Kick dort einen Werkraum, in dem Großveranstaltungen und Theateraufführungen abgehalten wurden.

Im Zweiten Weltkrieg diente das Gebäude als Gefangenenlager, später fand die Familie Eibes (Firma Kerb-Konus) zunächst Unterschlupf. Dann nutzte ein Ingenieur die Halle als Experimentierhalle für Erfindungen auf dem Gebiet der Filtersteine und des porösen Vollrohres, ehe der Sachsenbau an den Metzgermeister und Pferdehändler Nowak verkauft wurde. Von ihm erwarb die Stadt Schnaittenbach 1961/62 das Gelände, auf dem sich heute die Grund- und Mittelschule mit Turnhalle befindet. Bis Mitte der 60er-Jahre erinnerte eine weiße Sandhalde an diese Kaolinproduktionsstätte, die Ende des vergangenen Jahrhunderts eingestellt und in ein Betonwerk zur Herstellung von Rohren und Platten umfunktioniert wurde. Die Glasl-Alm, eine kleine Blockhütte, die Alfons Rasel in den 1950er-Jahren dort bauen ließ, stand auf einem Sandhügel aus dieser Zeit.

Oberförster Lösche errichtete desweiteren die Erdschlämme in Gütschidorf, dem heutigen Standort der Firma Kick. Auch diese wurde nach einiger Zeit von Kick aufgekauft. Kick benannte damals die Sachsenbauschlämme in Werk I und die Anlage in Gütschidorf in Werk II um. Eine weitere Schlämm entstand um 1890 in der vorderen Krausöd am Tobershof, errichtet von Dorfner aus Hirschau. Es dürfte sich dabei um die Faberschlämm gehandelt haben. Die Kaolinproduktion wurde in den 1930er-Jahren stillgelegt, die Gebäude wurden später zu einem Wohnhaus umgebaut. Von der Faberschlämm aus bestand mehrere Jahre eine Feldbahngleisverbindung zum jetzigen Werk der Gebrüder Dorfner, deren Gründung auf das Jahr 1895 zurückgeht.

Zwei Betriebe bildeten bei Dorfner die Grundlage des heutigen Unternehmens. Einmal die Kaolinanlage Auf der Haidmühl (Besitzer: Davidsohn) und jene auf dem Scharhof, die bereits im Besitz von Dorfner war. Kaolin wurde um 1900 auch im Bereich des Otterweihers unterhalb von Kemnath am Buchberg abgebaut, aber nur für kurze Zeit. Schiffer, der Gründer von AKW, war an den dortigen Grundstücken interessiert.

Deren Besitzer machten jedoch den Verkauf von dem um die Jahrhundertwende von Lokalbahnkomitees beider Gemeinden betriebenen Weiterbau der Eisenbahn von Schnaittenbach nach Wernberg abhängig, der eine wesentliche Verbilligung der Frachtsätze zur Folge gehabt hätte. Die Reaktion von Schiffer war: „Ich baue euch keine Bahn, und andere können euch auch keine bauen.“ Die Grundstückseigentümer vertrauten jedoch auf die Zusagen des Sägewerksbesitzers Heinrich Weinberger aus Hirschau, der, nachdem er die Kaolinfelder besaß, zwar zügig das Projekt anpackte, doch bald in seinen Bemühungen steckenblieb. Der Bahnweiterbau scheiterte 1906 endgültig. Der Betrieb Weinbergers wurde mangels Kapital nie fertiggestellt. Die Betonruinen in einem Waldgrundstück am Otterweiher zeugen als die einzigen aller einmal existierenden Kaolinfirmen in der Region noch heute davon.

Als letztes Kaolinunternehmen wurden am 1. August 1923 die Schnaittenbacherf Kaolinwerke AG gegründet mit dem Ziel der Herstellung von Porzellan- und Papierkaolin. Produktions- und Betriebsstätte befanden sich auf der Wilpa, das Verwaltungsgebäude in der Wernberger Straße, aus dem später das Gasthaus Georg Fischer wurde. Besitzer war die Porzellanfabrik Bavaria aus Ullersricht. Am 19. Februar 1931, also nach nur siebeneinhalbjährigem Bestehen, wurde die Werksanlage auf der Wilpa stillgelegt, was das Ende der Schnaittenbacher Kaolinwerke AG bedeutete. Die Weltwirtschaftskrise wurde diesem Unternehmen zum Verhängnis. Als Wilpaschlemm ging dieses Werk in die Geschichte Schnaittenbachs ein. Der Wilpaweiher und die bis 1999 stehenden Ruinen gaben ein Zeugnis von dieser ehemaligen Kaolinproduktuionsstätte, die auch von der Firma Kick aufgekauft wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren auf der Wilpa noch die Steinmetzbetriebe Voith und Kohl sowie das Baugeschäft Eckstein ansässig. Die ehemalige Kaolingrube war Jahrzehnte lang ein beliebter Badeweiher für Jung und Alt und der einzige größere Angelweiher.

Von all diesen über zehn ehemaligen Kaolinstätten gibt es nur noch die AKW-Kaolinabbaugruben im Süden Schnaittenbachs, die momentan noch in Betrieb befindliche Alu-Silika an der Kaolinstraße und das 2015/16 in der Grube errichtete moderne und zukunftsträchtige Sand- und Kieswerk. So findet das bedeutende Lebenswerk von Daniel Christoph Eduard Kick und seiner Nachfolger noch für Jahrzehnte seine Fortsetzung als wichtiger gesamtwirtschaftlicher Beitrag.

Die im Jahr 1931 stillgelegte Wilpaschlemm der Firma Schnaittenbacher Kaolinwerke AG, deren Ruinen einige Male den Besitzer wechselten, bis sie im Jahre 1999 von der Firma Kick aufgekauft und abgebrochen wurden. Heute befindet sich hier das Ostfeld II.
Wo einst die Kaolinschlämme am Sachsenbau war, steht heute die Schnaittenbacher Schule.
Das einzig übrige Kaolindenkmal am Otterweiher, das nach dem Abbruch der Firma Eduard Kick noch an die ehemals über zehn Kaolinschlämmen im Schnaittenbacher Gebiet erinnert.
1840 baute Kick am "Blemlhof", Ecke Dr. Carl-Eibes-Straße/Liborius-Gräßmann-Strraße, die sog. "Obere Schlämme", die etwas mehr als 50 Jahre in Betrieb war und in den 90-er Jahren größtenteile abgebrochen wurde

 

 

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