16.10.2020 - 11:17 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Sexangebot an 13-Jährigen: Eltern verhindern Schlimmeres

Früher waren es vielleicht Bonbons am Spielplatz, heute kommen Sexualstraftäter ihren jungen Opfern im Netz nahe. Ein 13-Jähriger hat Glück, dass seine Eltern Verdacht schöpfen. Der 20-jährige Verführer wird verurteilt.

Ein Mann bedient einen Laptop. Über Nachrichten in einem Messengerdienst versuchte ein 20-Jähriger, einen 13-Jährigen zu einem Treffen und Sex zu überreden. Das Schwandorfer Jugendgericht verhandelte den Fall.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Aufmerksame Eltern und Geschwister: Ein Trumpf, der einen 13-Jährigen wohl vor einem schlimmeren Schicksal bewahrte. Beinahe wäre er einem heute 20-Jährigen ins Netz gegangen, dessen sexuelle Vorlieben sich auf junge Buben richten. Der einschlägig Vorbestrafte musste sich am Donnerstag vor dem Schwandorfer Jugendgericht verantworten.

Tatort Internet: Der 20-Jährige aus dem Landkreis Schwandorf trat als "Clanchef" bei einem Kriegsspiel im Netz auf, erschlich sich so im Jahr 2019 die Freundschaft zu einem Buben, der rund 330 Kilometer entfernt lebt. Aus dem Spiel verlagerten sich die Chats in einen Messenger-Dienst - nichts ungewöhnliches. Allerdings hatte der heute 20-Jährige anderes im Sinn, als Spiel-Taktiken zu besprechen: Er forderte den Buben auf, Nacktbilder zu senden, zunächst noch in Unterhose, dann ganz unbekleidet. Eindeutige Aufforderungen zum Sex kamen hinzu, schließlich die Abmachung zu einem Treffen. Der 20-Jährige aus dem Landkreis Schwandorf reiste dazu ach Baden-Württemberg an.

Der 13-Jährige log seinen Eltern am Tag des Treffens vor, er wolle mit einem Schulfreund zelten - bei Regen. "Ich merkte, da stimmt was nicht", sagte der Vater vor Gericht. Ein Bruder des Buben nahm schließlich dessen Handy - und entdeckte die Chatnachrichten. Der Vater und zwei Brüder stellten den 20-Jährigen auf einem Parkplatz. "Ich merkte schnell, das ist unseriös," sagte der Vater. Unmissverständlich machten sie dem 20-Jährigen klar, dass er verschwinden und sich nicht mehr blicken lassen soll. "Dann sind wir zur Polizei." Die hatte den 20-Jährigen dank notiertem Kennzeichen schnell ermittelt.

Nicht ausgestanden

Für die Familie und den jungen Buben war die Geschichte nicht ausgestanden. Der 13-Jährige bekam Probleme, musste die Schule wechseln. Erst im Nachhinein wurde der Familie und den Lehrern klar, was der Auslöser war. "Im Kopf war er ganz wo anders", sagte der Vater in seiner eindrucksvollen Zeugenaussage vor Amtsgerichtsdirektorin Petra Froschauer. "Auch der Bub hat erst danach realisiert, in was er da hineingeschlittert ist." Bei jedem Treffen mit Schulfreunden plage die Eltern jetzt Misstrauen. "Das zieht einem den Boden weg", sagte der Vater im Gespräch am Rande der Verhandlung.

Der 13-jährige Bub musste nicht als Zeuge aussagen. Das ersparte ihm das Geständnis des 20-Jährigen, der sofort reinen Tisch machte und erklärte, er sei bereit, sich einer Sexualtherapie zu unterziehen. Das bisherige Leben des jungen Täters ist von einem zerrüttetem Elternhaus und Heimaufenthalten geprägt. Aus seiner sexuellen Neigung macht er keinen Hehl: Gegenüber der psychiatrischen Gutachterin Dr. Anna-Christina Wunder-Lippert gab er zu, dass er sich zu jungen Buben kurz vor oder in der Pubertät hingezogen fühlt. Ihm sei aber bewusst, dass das verboten ist. Die Gutachterin attestierte dem 20-Jährigen eine gestörte Sexualpräferenz. Pädophilie und Hebephilie (siehe Hintergrund) stehen im Raum. Der 20-Jährige brauche eine Therapie - denn es bestehe hohe Wiederholungsgefahr.

Keine Kontakte zu Kindern

Es war nicht das erste Mal, dass sich der 20-Jährige über das Netz an einen Buben heranmachte. Deshalb flog er aus einem Heim, musste in eine andere Einrichtung verlegt werden, wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Warnschuss wirkte nicht, zwei Jahre später kam der Kontakt zu dem 13-Jährigen. Das legte Staatsanwalt Holger Bluhm dem 20-Jährigen auch besonders zur Last, ebenso die Auswirkungen auf das Opfer und dessen Familie. Immerhin habe der Angeklagte dem Buben die Aussage erspart. Dennoch: Ein halbes Jahr Jugendstrafe, ausgesetzt zur Bewährung, müsse sein. Außerdem forderte Bluhm, dem 20-Jährigen Gespräche bei einem Sexualtherapeuten aufzuerlegen und eine Geldstrafe von 800 Euro - einem halben Monatsgehalt des Angeklagten. Und: Dem 20-Jährigen sollen Kontakte zu Kindern verboten werden. Verteidiger Manfred Müller (Schwandorf) hielt eine Jugendstrafe zwar für nicht unbedingt notwendig, die weiteren Forderungen des Staatsanwalts stellte er nicht infrage. Der 20-Jährige entschuldigte sich bei der Familie des Opfers.

Vorsitzende Petra Froschauer folgte in ihrem Urteil den Forderungen des Staatsanwalts, verurteilte den 20-Jährigen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und legte die Bewährungszeit auf zwei Jahre fest. Sie stellte dem 20-Jährigen einen Bewährungshelfer zur Seite. Auch das Kontaktverbot und die Weisung zu Therapeuten-Gesprächen legte sie dem Angeklagten auf. Die Amtsgerichtsdirektorin hob besonders das schnelle Handeln der Eltern und die Folgen für die Familie des Opfers hervor. Das Urteil wurde noch im Gerichtssaal rechtskräftig.

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Schwandorf

Das Dilemma: Auch wenn im Gerichtssaal klar wurde, dass der 20-Jährige dringend eine (geschlossene) Sexualtherapie braucht, um ihn vor weiteren Straftaten und potenzielle Opfer zu schützen, die Aussichten darauf sind gering. Platz bekommt nur der, gegen den kein Verfahren mehr läuft. Über dem 20-Jährigen schweben aber Ermittlungen wegen Vergewaltigung eines 16-jährigen Jungen. Der jetzt Verurteilte sagt, der Sex sei einvernehmlich gewesen. Über den Vorwurf wird wohl demnächst ein Gericht entscheiden.

Hintergrund:

Hebephilie

Hebephilie wird die sexuelle Präferenz von Erwachsenen für pubertierende Jungen oder Mädchen bezeichnet. Die sexuellen Präferenzen von Pädophilen dagegen richten sich auf Kinder vor der Pubertät. Hebephilie ist nicht in die Klassifikation für Krankheiten aufgenommen, was nichts an der Strafbarkeit ändert: Sexuelle Handlungen oder die Aufforderungen dazu gegenüber Kindern (unter 14 Jahren) sind strafbar. Ebenso bestraft wird unter anderem, wer Kinder über das Netz zu sexuellen Handlungen bringt oder bringen will. (ch)

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