10.01.2020 - 15:04 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Vorbestrafter OB-Kandidat

Die Inszenierung stimmte: Rund 80 Gäste im Saal, ein Minister-Auftritt und 90 Prozent Zustimmung: Die Freien Wähler küren Ferdi Eraslan zu ihrem Schwandorfer Oberbürgermeister-Kandidaten. Dennoch liegt ein Schatten auf der Entscheidung.

Ferdi Eraslan (Mitte) ist Oberbürgermeisterkandidat der Freien Wähler Schwandorf. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (rechts) und FW-Kreisvorsitzender Dieter Jäger (links) gratulierten ihm zur Nominierung.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Als Wahlleiter Bastian Stephan am Donnerstagabend die Versammlung zu Vorschlägen für einen OB-Kandidaten aufruft, legen sich einige Sekunden Stille über den Konrad-Max-Kunz-Saal. Erst dann schlägt der Vize-Vorsitzende der Freien Wähler Schwandorf, Florian Spiegler, nach "Mehrheitsbeschluss des Ortsvorstands" Stadtrat Ferdi Eraslan vor. Applaus brandet auf. Der sichtlich angespannte Eraslan wirkt erleichtert. Gegenkandidaten gibt es nicht.

Seine Vorstellung fällt kurz aus: Der 35-Jährige ist verheirateter Vater einer Tochter, arbeitet als Elektriker. Seit 1988 lebt er in Schwandorf. Seine Familie verlor beim Brandanschlag eines Neonazis auf das Habermeierhaus ihre Wohnung. Damals hätten viele Menschen geholfen. "Ich will der Gesellschaft zurückgeben, was sie mir gegeben hat", sagt Eraslan, erwähnt seinen ehrenamtlichen Einsatz im Sportverein. Er wolle die Stadt weiterentwickeln, den Weg der Freien Wähler weitergehen. Konkrete Ziele nennt er vor dem Wahlgang nicht.

63 von 70 Stimmen

Es dauert ein paar Minuten, ehe das Wahlergebnis feststeht: Ferdi Eraslan erhält 63 von 70 abgegeben Stimmen. Neben einem ungültigen Votum und einer Enthaltung werden fünf Nein-Stimmen gezählt. Im Galopp prescht Eraslan dann durch die Ziele der Freien Wähler. Dazu zählt die Aufwertung des Stadtparks, der zum Anlaufpunkt für Familien werden soll, auch mit einer Eisbahn. Er will sich für eine barrierefreie Stadt einsetzen, vor allem der Bahnhof müsse endlich entsprechend ausgebaut werden. Mit 500 000 Euro will Eraslan hier anschieben. Eine zusätzliche Autobahnausfahrt an der Steinberger Straße soll das interkommunale Gewerbegebiet erschließen und gleichzeitig die Stadt vom Verkehr entlasten. "Eine Fußgängerzone gibt es nur mit uns", sagt der OB-Kandidat.

Mit einem Supermarkt soll die Grundversorgung in Fronberg verbessert werden, mit einer städtischen Wohnbaugesellschaft wollen die Freien Wähler für günstigen Wohnraum sorgen. Das City-Bus-Netz will Eraslan mit kleineren Bussen attraktiver machen. Er schlägt außerdem eine zentrale Stelle zur Vergabe von Kindergarten- und Krippenplätzen vor. Und schließlich: Die Freien Wähler wollen die Straßenreinigungsgebühren abschaffen, die in Teilen der Kernstadt fällig werden. Er spricht von Kosten von 100 000 Euro.

Elf Monate auf Bewährung

Allerhand Themen also. Nur zu seiner ehemaligen Tätigkeit als Unternehmer sagt Eraslan nichts. Die hat ihm zwei Anklagen vor Gericht eingebracht; er steht unter laufender Bewährung. 2017 wurde er wegen Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelts verurteilt, weil Mitarbeiter in seinen damaligen Dönerbuden nicht angemeldet waren. Ende vergangenen Jahres folgte eine rechtskräftige Verurteilung wegen Hinterziehung von über 150 000 Euro an Steuern. Das Strafmaß: Elf Monate Haft zur Bewährung und eine Geldstrafe von 400 Tagessätzen zu 35 Euro. Bei einem Urteil über zwölf Monate wäre Eraslan nicht mehr wählbar geworden. Von alledem fällt kein Satz bei der Nominierung. Entsprechend ungetrübt fallen auch die Unterstützungsreden für den OB-Kandidaten von der FW-Prominenz aus.

Landtagsabgeordneter Joachim Hanisch gratuliert zum "tollen Ergebnis". Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger, mit der FW-Landtagsfraktion derzeit auf Klausur in Schwarzenfeld, macht einen Abstecher nach Schwandorf und spricht von einer "tollen Veranstaltung", bei der "nicht nur Parteisoldaten" eine Stimme hätten. Die "Probleme der kleinen Leute" seien Sache der Freien Wähler, er spricht die Abschaffung der Straßenausbaubeiträge an und Zuschüsse zu Kindergarten-und Krippengebühren.

"Hirnrissig" nennt Aiwanger die Bonpflicht: "Ich bin gespannt, ob es beim Oktoberfest für jede Mass Bier und jede Bratwurst einen Kassenzettel gibt". Diese Pflicht möchte Aiwanger rasch abschaffen, dafür den Mittelstand unterstützen. Der Minister wünscht Eraslan "ein gutes Wahlergebnis - und dass du die Dinge richtig anpackst".

Die Gerichtsverhandlungen

Schwandorf

https://www.onetz.de/schwandorf/vermischtes/hohe-geldstrafe-fuer-imbiss-betreiber-schwarzarbeit-am-doenerstand-d1749567.html

FW-Stadtratskandidat zieht zurück

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