Tradition seit über 700 Jahren

Seit zwei Jahren steht die alte Senkendorfer Mühle still. Dennoch kümmert sich Andrea Heining, Tochter des Müllers Hans Wopperer, mit viel Leidenschaft und Kreativität um das Fortbestehen.

von Lena Schulze Kontakt Profil

Erstmals erwähnt ist die Mühle in historischen Aufzeichnungen um 1283. In der über 700-jährigen Geschichte des Senkendorfer Anwesens betreibt die Familie Wopperer die Mühle „erst“ seit 1899 – der Name Wopperer ist seit drei Generationen mit der Mühle verbunden, mit Tochter Andrea Heining übernahm vor zwei Jahren nun die vierte Generation.

„Wir sind drei Mädels am Hof, beruflich durften wir lernen, was wir wollten“, sagt Andrea Heining. Die 42-Jährige ist eigentlich Bürokauffrau. Als der Renteneintritt ihres Vater immer näher rückte, kristallisierte sich mehr und mehr heraus, dass sie das Anwesen übernimmt. Von der Mühle und ihrer Heimat konnte sie sich nie trennen. „Ich wollte hier nie weg“, sagt die Mutter zweier Kinder. Deshalb bauten sie und ihr Mann auch gegenüber des elterlichen Anwesens ein Wohnhaus.

„Und plötzlich gehören einem eine Mühle, ein Wasserkraftwerk und eine Kapelle!“ Die Senkendorfer Kapelle gehört nämlich auch zum landwirtschaftlichen Hof. Diese hat Andrea Heining zum 180-jährigen Bestehen innen und außen aufwendig renoviert.

Mühle samt Landwirtschaft

„Der Fleck hier hat Tradition und Geschichte“, sagt der 68-jährige Vater. Er ist Müller und übernahm 1977 den Betrieb von seinem Vater. Bis 2017 betrieben er und seine Frau Maria nebst Mühle noch eine Landwirtschaft mit Getreideanbau, Rinderzucht, Hühnern und Enten. So wie Hans Wopperer auf dem Hof aufgewachsen ist und als 15-Jähriger schon Getreide- und Mehl-Säcke schleppte, ist auch Andrea Heining mit dem Klappern der Mühle und dem Rauschen der Turbine des Wasserkraftwerks aufgewachsen.

Die Mühlanlage mit Stahlwalzen statt Mahlstein erstreckt sich über drei Stockwerke. Die Körner wurden mit einem Elevator vom Erdgeschoss nach ganz oben befördert. „Dann geht es rauf und runter, rauf und runter, rauf und runter. Mindestens zehn Durchgänge – solange, bis das Mehl passt.“

Schluss nach 70 Jahren

Der Müller erzählt, wie früher Bulldogs mit tonnenweise Getreide am Hänger Schlange an der Laderampe standen. „Es ist ganz schön zugegangen!“ Doch letzten Endes konnte die vergleichsweise kleine Mühle, die noch kleinere Bäckereien in der Region mit Sackware belieferte, nicht mithalten. Mit der Übergabe des Betriebs standen die Wopperers vor der Entscheidung: Wachsen oder umstrukturieren. Mit dem Renteneintritt des Senkendorfer Müllers mahlte auch die über 70 Jahre alte Mühle, die Hans Wopperers Großvater nach dem Zweiten Weltkrieg angeschafft hatte, das letzte Mal.

Seit zwei Jahren steht die Mühle still: Walzstuhl, Mehlsiebanlage, Mahlmaschinen und Pneumatik. Trotz Staubsschichten und Spinnweben – funktionstüchtig wäre das alte Gerät allemal. Aber: „Nur wegen ein paar Zentnern schmeiß’ ich die Mühle nicht an.“ Selbst wenn der 68-Jährige alles reinigen würde, ist er sicher: „Die Qualität würde ich nicht mehr herkriegen.“ Und Qualität ist das Wichtigste. Auch wenn sie nicht mehr in Betrieb ist: „Die Mühle bleibt“, sagt Tochter Andrea.

Kleine Mühle sichert Betrieb

Eine Mühle gibt es am Hof trotzdem noch. Für Andrea Heining war klar, dass ein Mühlenladen ohne ein Angebot an verschiedenen Mehlsorten nicht geht. „Das darf nicht einschlafen.“ Die 42-Jährige entschied sich, in eine kleine Gewerbemühle aus Osttirol zu investieren. So werden weiterhin Roggen, Weizen und Dinkel selbst zu Vollkornmehl gemahlen, mit erheblich weniger Kraftaufwand. Die kleine Mühle bedient ihr Vater. „Ich bin keine Müllerin. Aber in den Mühlenbetrieb wächst man rein“, sagt die engagierte Frau. „Da ist nicht viel dabei“, erklärt ihr Vater. Obwohl er sich auch er erst auf die Mühle einstellen musste. Der Müller testete und testete. „Die Ausbeute könnte größer sein“, sagt er über die kleine Mühle mit einer Stundenleistung von etwa 100 Kilo. Bei der Produktion spezialisierte er sich schließlich auf Vollkornprodukte. Viele Kunden – aus Auerbach, Bayreuth, Pegnitz oder Weiden – kommen mittlerweile extra wegen des „Oberkulmer“. Jahrzehntelang haben die Wopperers diese Ur-Dinkel-Sorte selbst angebaut.

"Verrückte" mit Herzblut

Die neue „Mahlstube“ fand ihren Platz in der umgebauten Doppelgarage direkt neben dem Mühlenladen. Diesen gibt es 2020 seit 25 Jahren. Der Verkauf gehört zu den Hauptaufgaben von Andrea Heining. Drei Tage die Woche arbeitet sie noch vormittags als Bürokauffrau, nachmittags betreut sie den Laden. Dort verkauft sie sorgfältig ausgewählte Produkte. „Nur Sachen, die voll zu uns reinpassen.“ In der Region gebe es „Verrückte“ – im positiven Sinn. „Leute, die mit Herzblut machen, was sie machen.“ Genau wie Heining selbst. Seit 2018 wächst der Laden ständig. Ein Stüberl schließt sich dem nächsten an. Auch das Amt für Ländliche Entwicklung fördert die Ausbaumaßnahmen im Mühlenanwesen und unterstützt die Heimatunternehmerin. Mit ihrem Hof hat die Senkendorferin viel vor. „Ich habe so viele Ideen im Kopf.“ Sie denkt an Mühlenführungen, an ein verpackungsfreies Angebot und träumt von einer kleine Gastronomie. Sie möchte die Geschichte des Anwesens spürbar und erfahrbar machen. „Der Hof gibt’s her.“ Mit der Umsetzung will sich die zweifache Mutter Zeit lassen, nichts überstürzen. „Wenn ich das mache, muss es sitzen.“ Aber in ihrer Vorstellung ist alles schon fertig.

Info:

Öffnungszeiten

Der Mühlenladen der Senkendorfer Mühle ist jeweils Dienstag, Donnerstag und Freitag von 15 bis 18 Uhr geöffnet sowie samstags von 7.30 bis 14 Uhr.

Hintergrund:

Adventsnachmittag

Schon zum fünften Mal richtet die Familie im Hof bei der Senkendorfer Mühle einen Adventsnachmittag aus. Der Platz wird mit Lichtern geschmückt und weihnachtlich dekoriert, die Besucher können sich an Feuertonnen wärmen. Mit Dinkelbierbratwürsten und Dinkelbier-sowie Quittenpunsch gibt es hausgemachte Schmankerln. „Die ganze Familie ist auf den Beinen auch Freund und Bekannte müssen mit ran“, verrät Andrea Heining. Heuer findet der Adventsnachmittag am Freitag, 13. Dezember statt. Der Erlös wird gespendet.

Zur Sanierung der Dorfkapelle:

Mehr zum Thema Heimatunternehmer:

Pressmitteilung des ALE:

Amt für Ländliche Entwicklung unterstützt Senkendorfer Mühle

Das Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) Oberpfalz hat die einfache Dorferneuerung Senkendorf in der Gemeinde Kastl eingeleitet und fördert Ausbaumaßnahmen im Mühlenanwesen. Die Senkendorfer Mühle ist aus kulturhistorischer Sicht für die Ortschaft von besonderer Bedeutung. Heute betreibt dort die Heimatunternehmerin Andrea Heining einen Mühlenladen mit regionalen Naturkostprodukten. Die frühere Scheune soll nun als „Mühlstodl“ und „Gmiasgarage“ ausgebaut werden. Damit kann das Angebot des Mühlenladens erheblich erweitert werden. Heinings Betrieb verbessert die Daseinsvorsorge in Senkendorf und in der Umgebung. Thomas Gollwitzer, der Leiter des ALE Oberpfalz, freut sich über das Projekt. „Wir fördern im Rahmen der Initiative Heimatunternehmen im Landkreis Tirschenreuth kreative und unternehmerische Menschen, die ihr Umfeld wirksam gestalten und dabei regionale Werte schaffen.“ Mittlerweile gibt es im Landkreis Tirschenreuth über 30 Heimatunternehmer, zu diesem Kreis gehört auch die 42-Jährige Senkendorferin.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.