14.02.2021 - 14:43 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Angst als täglicher Begleiter: Eine Sulzbach-Rosenberger Altenpflegerin im Kampf mit Corona

Nur wenige junge Menschen wollen Altenpfleger werden. Sabine Schmid versteht das. Lange ging es ihr genauso. Inzwischen arbeitet sie seit 16 Jahren für die Sozialstation – der Job erfüllt sie. Der Auftakt unserer Serie „Corona-Helden“.

Bis zu 80 Kilometer ist Sabine Schmid täglich auf der Birglandtour unterwegs. Als ambulante Pflegerin für die ökumenische Sozialstation ist sie für viele Senioren ein Teil der Familie geworden. Doch es gibt etliche Missstände.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Seit 16 Jahren ist Sabine Schmid als ambulante Altenpflegerin der ökumenischen Sozialstation Sulzbach-Rosenberg in der Stadt und dem Umlang unterwegs. Die heute 57-Jährige aus Fichtelbrunn (Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg) lernte Maschinenbauerin, zog drei Kinder groß, arbeitete als Putzkraft und entdeckte dann ihre ausgeprägte soziale Ader. Ihre Arbeit mit alten und pflegebedürftigen Menschen fordert sie täglich – körperlich, psychisch, seelisch. Zu einer mäßigen Bezahlung kommen in der Corona-Krise enorme Zusatzherausforderungen, die belasten und Angst machen.

ONETZ: Frau Schmid, bitte beschreiben Sie uns Ihren Berufsalltag.

Sabine Schmid: Sabine Schmid: Ich bin alleine auf der Birglandtour unterwegs, um unsere Patienten zu versorgen. Das sind täglich bis zu 80 Kilometer. Jetzt im Winter kommen viel Schnee, Dunkelheit und enge Straßen als Zusatz-Herausforderung hinzu. Bei den Senioren mache ich die Grundpflege: Waschen, Anziehen, Frühstücken. Ich gebe Medikamente, verabreiche Injektionen, und vor allem – ich bin einfach da. Gerade jetzt in der Pandemie kommt fast kein Besuch. Für viele bin ich der einzige Mensch am Tag, den sie sehen. Das ist ein Highlight.

ONETZ: Was hat sich durch Corona verändert?

Hygiene ist oberste Priorität. Ich komme nur mit Mundschutz, Handschuhen, Desinfektionsmittel.
Vor Corona fürchte ich mich selbst nicht wirklich. Aber meine größte Angst ist, dass ich mich unwissentlich infiziere und es weitertrage. Ich besuche täglich Hochbetagte, chronisch Kranke, Sterbenskranke mit einem massiv eingeschränkten Immunsystem. Da macht man sich viele Gedanken. Es belastet mich, oft nicht zu wissen, wer die Patienten besucht und ob ich dann nicht das Virus vom einen zum anderen trage.

„Wir vom ambulanten Dienst sind immer eine Randerscheinung. Doch wenn es uns nicht gäbe, würden Heime und Krankenhäuser zusammenbrechen.“

Sabine Schmid, Altenpflegerin

ONETZ: Was sind die dringendsten Nöte in der Pandemie?

Für mich das Allerschlimmste? Dass ich kein Schutzmaterial bekomme! Ich bin in der Sozialstation für den Einkauf für 60 Mitarbeiter zuständig. Wir brauchen Masken, Blutzucker-Teststreifen, Desinfektionsmittel und Handschuhe. Pro Woche bekommen wir nur 3000 Handschuhe. Das reicht hinten und vorne nicht. Wir bräuchten Tausende mehr, weil wir sie nach jedem Besuch wegwerfen müssen. Der Markt ist leer und die Qualität ist schlechter geworden. Mich ärgert, dass alles nach China ausgelagert und über die halbe Welt verschifft wird. Das gehört sich wie früher in Deutschland produziert. Auch die Preise sind unverschämt explodiert. Kosteten früher 100 Stück 2,50 Euro, sind es jetzt bis zu 13.

ONETZ: Was waren zuletzt Ihre einschneidendsten Erlebnisse im Berufsleben?

In der ersten Welle haben viele Angehörigen völlig überraschend zu mir gesagt, ich brauche jetzt gar nicht mehr zu kommen wegen der Ansteckungsgefahr. Das war ein Schock.
Auch das permanente Arbeiten mit Maske ist eine Belastung – für mich und die Patienten. Die Leute hören schlecht, mit der Maske verstehen sie mich oft noch schlechter. Bei neuen Patienten ist es ganz schlimm, wenn sie mein Gesicht nicht sehen, erkennen sie gar nicht, wer sie da pflegt. Und für mich ist es auch körperlich anstrengend, stundenlang mit Maske zu arbeiten. In den Bädern der Wohnungen ist es oft stickig und schwül, man kommt schnell ins Schwitzen. Wenn ich dann höre, dass viele schimpfen, nur weil sie kurz beim Einkaufen Maske tragen müssen, kann ich das nicht verstehen.

Sie fühlte sich vom Staat betrogen: Eine Pflegerin wendet sich an Oberpfalz-Medien

Amberg

ONETZ: Viele Altenpfleger klagen über schlechte Bezahlung und wenig Wertschätzung bei harter Arbeit. Warum haben Sie den Beruf gewählt? Bereuen Sie es?

Ich habe früher als Putzfrau im Altenheim gearbeitet und dabei die Pflege mitbekommen. Ich habe schnell festgestellt, es macht Spaß mit alten Menschen zu arbeiten. Ich möchte nie in einem Heim arbeiten, die Atmosphäre dort ist anders. Das Schöne an der ambulanten Pflege ist: Wir kommen zu Besuch, wir sind bei den Leuten Gäste im Haus, wir werden ganz anders empfangen. Bei langjährigen Patienten gehören wir ein Stück weit zur Familie. Ich würde es auf jeden Fall wieder machen. Einfach, weil es erfüllend ist. Dennoch nehme ich es mit nach Hause, wenn Menschen schwer krank sind oder im Sterben liegen. Das kann man nicht an der Haustür ablegen.

ONETZ: Was wünschen Sie sich für sich selbst und Ihre Patienten?

Dass es endlich mit dem Impfen klappt, schneller geht und auch wirklich hilft. Für uns Pfleger wünsche ich mir mehr Wertschätzung, gerade auch für die ambulante Pflege. Alle schauen vor allem auf die Heime und Krankenhäuser. Wir Ambulanten sind immer eine Randerscheinung. Doch wenn es uns nicht gäbe, würden Heime und Krankenhäuser zusammenbrechen.

ONETZ: Der Freistaat zahlte allen Pflegern 500 Euro Corona-Bonus. Reicht Ihnen das als Anerkennung?

Das ist ein nettes Pölsterchen. Aber ehrlich: Altenpflege rangiert im Ranking der beliebtesten Berufe doch noch hinter der Putzkraft. Wenn die Leute am Balkon klatschen, hilft uns das gar nichts. Wir haben enorm viel Verantwortung und einen belastenden Beruf, das muss ordentlich bezahlt werden. Gerade auch in den privaten Einrichtungen. Bei uns in der Sozialstation wird zum Glück der Caritas-Tarif gezahlt, das ist in Ordnung. Aber die Bezahlung muss auch schon in der Ausbildung besser werden, damit sich mehr junge Menschen für die Pflege entscheiden. Wir haben einen bundesweiten Pflegenotstand, die Situation ist schlimm. Jens Spahn kündigt zwar gerne an 30.000 neue Stellen zu schaffen. Doch wo sollen die herkommen? Der redet sich leicht.

Der Sulzbach-Rosenberger Arzt Klaus Gebel über die Corona-Helden-Kür des Lions-Clubs

Sulzbach-Rosenberg
Serie:

Oberpfalz-Medien und Lions-Club küren „Corona-Helden“

Menschen in sozialen Berufen, die sich tagtäglich für ihre Mitbürger einsetzen und in der Pandemie dabei teils auch ihre eigene körperliche oder seelische Gesundheit gefährden: Solche „Corona-Helden“ gibt es auch in Sulzbach-Rosenberg. Der Lions-Club will sie aus der Anonymität holen, ihnen ein Gesicht geben und schlägt dafür ausgewählte Mitarbeiter für ein Zeitungsinterview vor.

Die Serie mit Oberpfalz-Medien soll ihnen öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Sorgen und Nöte bringen, aber auch Respekt zollen für den Dienst an Menschen und Gesellschaft – gerade in Pandemiezeiten. In den folgenden Wochen kommen in losen Abständen weitere „Helden“ aus diesen sozialen Einrichtungen in Sulzbach-Rosenberg zu Wort:

  • Caritas-Altenheim St. Barbara
  • Notaufnahme des Krankenhauses St. Anna
  • Diakonisches Werk
  • KfH-Dialysezentrum

 

 

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