25.07.2021 - 13:12 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Nach Flutkatastrophe: THW-Ortsgruppe Sulzbach-Rosenberg hilft in Stolberg

Eine sechsköpfige Gruppe der THW-Ortsgruppe Sulzbach-Rosenberg packte nach der Flutkatastrophe bei den Aufräumarbeiten im rheinländischen Stolberg mit an. Was die Helfer erlebten, ist erschütternd. Sogar mit Plünderern hatten sie zu tun.

Zeno Sager, Wolfgang Müllhofer, Harald Enßner, Steffen Rieger, Walter Schuster und Christoph Schneider (von links) halfen bei den Aufräumarbeiten in Stolberg nach der dortigen Flutkatastrophe mit.
von Heidi FranitzaProfil

„So eine Zerstörungswut habe ich mir nicht vorstellen können. Bilder und Fernsehnachrichten können die Realität nicht wiedergeben. Es war das erste Mal, dass ich in einem so großen Schadensgebiet eingesetzt wurde“, beschrieb Zeno Sager, der Jüngste der Sulzbach-Rosenberger THW-Einsatzgruppe in Stolberg, seine erste Begegnung mit dem von der Regenflut heimgesuchten Katastrophenort. Er war für ihn und seine Kollegen erschütternd, was sie sahen.

Harald Enßner, der kommissarische Ortsbeauftragte des THW, leitete den Einsatz. „Schon am Freitagmittag,16. Juli, ging von der Regionalstelle in Schwandorf eine Voralarmierung ein. Ich stellte für die Fachgruppe N (Notinstandsetzung), eine Mannschaft aus unterschiedlichen Berufen zusammen.“ Um 18.30 Uhr ging der Marschbefehl ein. Zusammen mit der Amberger THW-Fachgruppe Elektro fuhren sie nach Stolberg. Zur Nacherkundung und für Versorgungsfahrten hatte das Sulzbach-Rosenberger Hilfskommando auch einen Ford Ranger mitgenommen, dessen Anschaffung einst über den Helferverein finanziert wurde.

Viele Umleitungen

„Am Samstag, in der Nacht um 4.40 Uhr, erreichten wir Stolberg, aber erst nach fast vier Stunden und unzähligen Umleitungen den sogenannten Bereitstellungsraum“, erzählt Harald Enßner vom THW-Sulzbach-Rosenberg im Gespräch mit Oberpfalz-Medien über den Einsatz im Flut-Katstrophengebiet. „Nach wenigen Stunden Schlaf erhielten wir dann unseren Auftrag, unweit der restaurierten Burg im Steinweg, eine Stromversorgung mit unserem 50-kVA-Stromaggregat einzurichten. Obwohl der Einsatzort nur einen Kilometer Luftlinie entfernt liegt, brauchten wir rund drei Stunden. Straßen waren nicht mehr vorhanden oder unpassierbar.“

Pumpen und Ladepunkt für Handys

Wie auch in vielen anderen von der Katastrophe betroffenen Gebieten waren Strom- und Wasserversorgung sowie das Telefonnetz zusammengebrochen. Bei der Stromstation konnten nun Mobiltelefone geladen werden, so dass eine Kommunikation gewährleistet war. Zudem konnten Pumpen betrieben werden und stellenweise gab es wieder etwas Licht in manchen Gebäuden.

„Wir hatten aber noch weitaus mehr Aufgaben zu bewältigen, als nur Strom zu produzieren“, weiß Walter Schuster zu berichten, der seit 1989 aktiv im THW tätig ist und auch beim Elbe-Hochwasser 2002 vor Ort Hilfe leistete. „Wir waren Türöffner, Ersthelfer für Bevölkerung und THW-Kräfte, Unterstützer der Bundespolizei, Seelentröster und Vertreiber von Plünderern.“

Wichtige Stromstation errichtet

Die Stromstation der Sulzbach-Rosenberger THW-Ortsgruppe entwickelte sich schnell zu einer durchgehend erreichbaren Konstante im Katastrophengebiet. „Untergebracht wären wir eigentlich im Bereitstellungsraum gewesen. Aber dorthin wären wir drei Stunden unterwegs gewesen und das hätte nach unserer Auffassung den Auftrag gefährdet.“ Harald Enßner erinnert sich noch genau an die Geste des evangelischen Pfarrers Axel Neudorf. „Er drückte mir den Schlüssel der Finkenbergkirche in die Hand und meinte, wenigstens zum Gottesdienst am Sonntag sollten wir Matratzen und Schlafsäcke aufräumen. Die Sonntagsfeier fiel dann jedoch aus.“

Die 1660 erbaute Kirche konnten die THW-Helfer aus Sulzbach-Rosenberg in wenigen Minuten zu Fuß erreichen. Die Stromstation wurde im Schichtbetrieb immer mit zwei Mann bewacht. Plünderer zogen durch die Straßen. Jedoch scheuten sie das grelle Licht des Lichtmasts.

Plünderer unterwegs

Steffen Rieger, seit 2008 beim THW, erläuterte das Thema Plünderer am Beispiel eines Vorfalls: „Ein älterer Mann fragte uns, ob wir das Türschloss seines Hauses instand setzen könnten. Er war überglücklich, als wir es wieder gangbar machten. Er offenbarte uns, dass er nachts Angst vor Plünderern habe und keine Minute ruhig schlafen könne, wenn das Haus nicht abgeschlossen sei.“ Die Bundespolizei habe sogar einige Plünderer auf frischer Tat dingfest gemacht, so Rieger.

Obwohl das Flüsschen Vicht noch Hochwasser führte, aber nicht mehr die Stadt flutete, lag ständig eine ungesunde Duftnote in der Luft. „Es war ein allgegenwärtiger Gestank aus Öl, Faulgasen und Chemie. Kein angenehmer Geruch, wenn man ihn rund um die Uhr in der Nase hat“, beschrieb Walter Schuster den industriellen Hochwassermief im Einsatzgebiet.

Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien erwähnt Harald Enßner auch den oft sehr kritisch dargestellten Helfertourismus. „Viele Helfer sind per ja eigentlich nicht schlecht. Aber der Einsatz muss koordiniert werden, damit Hilfe an den richtigen Stellen ankommt und etwas bewirkt. In unserem Bereich haben das wir übernommen.“

Ablösung aus Roding

Am Mittwoch wurde die Sulzbach-Rosenberger THW-Gruppe vom Rodinger Ortsverband abgelöst. Christoph Schneider ist seit 2020 beim THW. Ihn beeindruckte die gegenseitige Hilfsbereitschaft der Bevölkerung, die Solidarität untereinander. Auch der Abschied von Stolberg wird ihm unvergesslich bleiben: „Die Bevölkerung hatte Tränen in den Augen und applaudierte, als wir uns verabschiedeten. Das vergisst man nicht.“

Enßner bringt es aus seiner Sicht auf den Punkt: „Es war uns eine Ehre, der Bevölkerung der Stadt Stolberg in dieser kritischen und katastrophalen Situation zur Seite gestanden zu sein und im Rahmen unserer Möglichkeiten geholfen zu haben.“

Am Samstag wurden Fahrzeuge und Ausrüstung wieder zuhause in Sulzbach-Rosenberg gewaschen und überprüft und auf Vordermann gebracht. Denn sollte erneut ein Hilfsauftrag eingehen, dann ist die THW-Ortgruppe Sulzbach-Rosenberg in kürzester Zeit wieder einsatzbereit.

Katastrophenszenario auch in Oberpfalz möglich

Oberpfalz
Hintergrund:

THW Fachgruppe N

  • Die Fachgruppe N definiert sich als Basis-Teileinheit für Notversorgung und Notinstandsetzung.
  • Neben erforderlichen Unterstützungsleistungen für andere Fachgruppen werden in dieser Teileinheit Fähigkeiten vorgehalten, die das Spektrum zwischen Bergungsgruppe und den jeweiligen Fachgruppen abdecken.
  • Aufgrund des breiten Aufgabenspektrums der Fachgruppe N kann nicht immer zwingend alle Ausstattung komplett eigenständig transportiert werden.
  • Der Einsatzzweck ergibt sich in der Regel aus der Anforderung, so dass in der Regel auch nicht alle Ausstattung mitgeführt werden muss. Dies dient insbesondere der Stärkung der Bereiche Notversorgung und Notinstandsetzung.
  • Für die Stromversorgung steht ein Anhänger mit einem 50 kVA-Stromerzeuger einschließlich Lichtmast zur Verfügung.

 

 

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