10.07.2020 - 13:32 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Kaffee kann die Welt verändern

Kaffee ist mit 163 Litern pro Kopf und Jahr das beliebteste Getränk in Deutschland. Fair gehandelt ist davon aber nur ein kleiner Bruchteil. Wer Fair-Trade-Produkte kauft, leistet damit Aufbauarbeit bei den Produzenten vor Ort.

Frisch gepflückte Kaffeekirschen: Kaffee ist ein Spekulationsgut, wird an der Börse gehandelt und unterliegt starken Schwankungen. Oft ist der Preis so niedrig, dass die Kaffeebauern damit nicht einmal ihre Produktionskosten decken können.
von Christa VoglProfil

"Das ist jetzt schon über 20 Jahre her", erzählt George Meister aus Sulzbach-Rosenberg. "Ich bin damals interessehalber in den Dritte-Welt-Laden in Amberg gegangen. Und dort habe ich ein Päckchen Bohnenkaffee gekauft." Die Erinnerung an diesen Einkauf prägte sich anscheinend tief in sein Gedächtnis ein - nicht ohne Grund: "Der Kaffee, zu Hause gemahlen und frisch aufgebrüht, schmeckte mir aber überhaupt nicht. Er war richtig bitter."

Getrunken habe er ihn dann aber trotzdem. Weil er sich sagte: "Da musst du jetzt durch, es ist ja für eine guten Zweck." Seitdem habe sich viel getan, erklärt der 62-jährige Pädagoge: Zum Beispiel ist aus dem Dritte-Welt-Laden längst der Eine-Welt-Laden geworden, das einst sehr übersichtliche Sortiment ist inzwischen breitgefächert, und die Qualität des Fairtrade-Kaffees nimmt heute im Kaffeeranking einen Spitzenplatz ein. Gleich geblieben sei allerdings die Sache mit dem "guten Zweck".

Genossenschaften gegründet

Meister, der seit 22 Jahren ehrenamtlich als Referent und Berater für fairen Handel in Bayern unterwegs ist, erklärt den Begriff Fairtrade sehr praxisnah: "Wir genießen hier bei uns Produkte, die einen bestimmten Wert haben. Aber die Produzenten, die dahinter stehen, also die Kleinbauern aus Südamerika, Afrika und auch Asien, bekommen dafür nicht den Lohn, der ihnen eigentlich zusteht." Die Organisation Fairtrade sorge dafür, dass "mehr Fairness ins Spiel kommt", dass also die Kleinbauern im sogenannten ,globalen Süden' ein gerechteres Einkommen erhalten.

Zum Beispiel durch den Anbau von Kaffee: Kaffee ist ein Spekulationsgut, wird an der Börse gehandelt und unterliegt starken Schwankungen. Doch oft ist der Preis so niedrig, dass die Kaffeebauern damit nicht einmal ihre Produktionskosten decken können. Ein anderes Problem: Der Markt wird von wenigen Röstern und Händlern beherrscht, von denen die Bauern abhängig sind. Diese nachteiligen Strukturen versucht der 1992 gegründete gemeinnützige Verein "TransFair" aufzubrechen: Die Kleinbauern schließen sich zu Genossenschaften zusammen, werden bei der Organisation und dem Absatz über den fairen Handel unterstützt und so in ihrer Position gestärkt. Mit einem Sicherheitsnetz aus Mindestpreisen, Prämien, Umweltkriterien, demokratischen Strukturen und Selbstbestimmung.

Bildung für Kinder

Dass sich durch das höhere und stabile Einkommen die Arbeits- und Lebensbedingungen innerhalb der Familien verbessern, habe die Erfahrung aus der Vergangenheit gezeigt, sagt Meister. Auch die Kinder würden davon profitieren: "Natürlich müssen auch in diesen Familien die Kinder immer mit anpacken. Sie kommen aus der Schule und arbeiten dann einige Stunden im Betrieb. Das ist ganz normal." Aber im Gegensatz zu anderen Kindern hätten die Kinder der Bauern, die in Fairtrade-Genossenschaften organisiert sind, die Chance, die Schule zu besuchen und "in den Genuss von Bildung zu kommen."

Natürlich schlägt sich die Förderung der Kleinbauern vor Ort auch auf den Verkaufspreis dieser Produkte nieder. Beim Kaffee beträgt aktuell der Preisunterschied zwischen einer 500-Gramm-Packung fair gehandeltem Kaffee und einer Packung der gleichen Größe aus dem konventionellem Handel im Schnitt ein bis zwei Euro. Das sei nicht besonders viel, gemessen daran, was durch den Kauf bewirkt werde, ist George Meister überzeugt. "Wenn ich so ein Päckchen Kaffee kaufe, dann tue ich wirklich etwas Gutes, um Aufbauarbeit zu leisten. Das ist keine Spende." Fair einzukaufen bedeute nämlich auch: Ich kaufe fair ein und leiste damit einen Beitrag, dass die Leute fair produzieren können, dass sie ihre Familien ernähren können. Und dass sie letztendlich ihre Heimat nicht verlassen müssen, um bei uns als Flüchtlinge, als Asylsuchende in Europa ein besseres Leben zu finden.

Tropfen auf den heißen Stein

Der Absatz von fair gehandeltem Kaffee hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. 2016 wurden 185 777 Tonnen Rohkaffee unter Fairtrade-Bedingungen verkauft. Ein großer Erfolg? "Ja, es ist eine Erfolgsgeschichte", sagt Meister, der im Auftrag von Fairtrade zum Beispiel auch Bildungseinrichtungen begleitet auf ihrem Weg zur Fairtrade-Schule. Doch einschränkend fügt er hinzu: "Trotzdem ist Fairtrade immer noch ein Tropfen auf den heißen Stein." In Deutschland liege der Marktanteil von Fairtrade-Kaffee bei gerade einmal 4,5 Prozent.

Und das, obwohl inzwischen Discounter und Supermärkte wie Lidl, Rewe oder Aldi - oft auch vertrieben unter Eigenmarken - fair gehandelten Kaffee in ihren Regalen liegen haben, weil sie dessen Potenzial erkannt haben. "Die Märkte haben Fairtrade-Kaffee in ihr Sortiment aufgenommen, weil sie sich damit abgrenzen konnten. Also aus wirtschaftlichen Interessen. Und wohl eher nicht, um den Kleinbauern zu helfen", sagt Meister, räumt dann aber ein, dass "erst durch das verstärkte Engagement dieser Discounter und Supermärkte" der Kaffeeabsatz aus fairer Produktion in den vergangenen Jahren drastisch in die Höhe gegangen sei.

Inzwischen muss sich George Meister also nicht mehr in den Eine-Welt-Laden begeben, um Kaffee aus fairem Anbau zu kaufen. Inzwischen gibt es in nahezu allen Märkten fair gehandelte Produkte. Nicht nur Kaffee, sondern auch Tee, Kakao, Rohrzucker, Bananen und vieles mehr.

Es liegt am Verbraucher, ob er zugreift oder nicht. "Mit jedem unserer Einkäufe gestalten wir die Politik und die Wirtschaft. Wir entscheiden, was künftig in den Regalen der Märkte liegt. Der Kunde hat die Macht, das System zu verändern", ist Meister überzeugt.

Doch wo genau fängt man mit der Systemveränderung an? "Am besten beim nächsten Einkauf im Supermarkt: einfach mal schauen, wo sich im Kaffee-Regal der Bohnenkaffee mit dem markanten Fairtrade-Siegel befindet. Und einfach ein oder zwei Päckchen davon in den Einkaufswagen legen."

Der Sulzbach-Rosenberger George Meister ist seit 22 Jahren ehrenamtlich als Referent und Berater für fairen Handel in Bayern unterwegs.
Kaffee ist der Pionier unter den Fairtrade-Produkten.
Hintergrund:

Fairer Handel

Hinter allen Fairtrade-Produkten stehen Menschen und ihre Geschichten: Mit dem Fairtrade-Code können sich Verbraucher auf eine virtuelle Reise begeben - vom Regal im Supermarkt bis zu den Produzenten in den Anbauländern.

Verbraucher geben den Code auf der Fairtrade-Website (www.fairtrade-deutschland.de) ein und werden dann mit der Produkt-Seite auf der Website www.fairtrade-code.de verbunden. Die Webseite informiert über das Produkt und die Produzenten. Zum Beispiel für welche Projekte die Fairtrade-Prämie verwendet wurde.

Das Verbrauchermagazin Ökotest (Öko-Test 10/19) hat 22 Espresso-Sorten in einem umfangreichen Test unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Nur fünf Sorten werden empfohlen - allesamt fair gehandelt und biologisch produziert. (cvl)

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