15.09.2021 - 16:01 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Spaziergang wird tödlicher Ernst: Rehkitz-Retter appellieren an Hunde-Halter

Mehrere Tage liegt das Reh bei Eckeltshof verletzt im Gras, Maden fressen sich in die Bisswunde: Der Verein Rehkitzrettung Amberg-Sulzbach warnt erneut vor freilaufenden Hunden, die Wildtiere hetzen und reißen – gerade zu Herbstbeginn.

So ist es vorbildlich: Die Hunde auch in der freien Natur an die Leine genommen. In den vergangenen Monaten hat es in der Umgebung von Sulzbach-Rosenberg etliche Fälle von freilaufenden Hunden gegeben, die Wildtiere gehetzt und tödlich verletzt haben.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Er will eben doch nicht nur spielen. Auch, wenn viele Hundehalter ihre Vierbeiner von Zuhause nur als brave Haustiere kennen. „Im familiären Umfeld ist der Hund bestimmt gehorsam, dennoch wirken beim Gassi-Gehen interessante Reize, die im Hund schlummernde Jagd-Instinkte zum Vorschein bringen“, sagt Susanne Kunisch. Die Vorsitzende des Vereins Rehkitzrettung Amberg-Sulzbach kennt zahlreiche Fälle, bei denen in der Natur freilaufende Hunde Rehe gejagt und zu Tode gebissen haben. Dies nimmt die 54-Jährige zum Anlass, erneut an Hundehalter zu appellieren, ihre Tiere an die Leine zu nehmen.

Vor Angst aufgerissene Augen

Während einer Such- und Rettungsaktion von Rehkitzen bei Eckeltshof im Juni hat Kunisch eine Jagdszene sogar selbst miterlebt. „Wir waren mit circa 20 Helfern auf einer Ackerwiese unterwegs, weil wir Kitze gesucht haben, um sie vor dem Mähtod zu bewahren“, erinnert sich die Sulzbach-Rosenbergerin. Doch dann hätten die Ehrenamtlichen einem Kitz auf unerwartete Weise das Leben gerettet: „Es war lautes Bellen im Wald zu hören. Plötzlich ist ein Rehkitz mit weit aufgerissenen Augen an uns vorbeigelaufen und ein Mischling jagte hinterher. Wir haben sofort reagiert und eine Kette gebildet, um den Hund zu stoppen.“

Eine Jägerin, ebenfalls Teil der Gruppe, habe die Halterin belehrt. „Sie war einsichtig und hat gesagt, so etwas habe sie bei ihrem Hund noch nie erlebt“, berichtet Kunisch. „Das sagen sie alle, aber selbst der kleinste und süßeste Hund hat einen Jagdinstinkt.“

Ende Juli habe es bei Eckeltshof einen weiteren Fall gegeben – mit tödlichem Ausgang. „Ein Hund hat ein Rehkitz ins Hinterteil gebissen. Die blutige Wunde war offen und von Maden übersät.“ Das Tier habe mehrere Tage am Ackerrand gelegen, erst dann sei es gefunden und von einer Jagdpächterin erlöst worden, berichtet Kunisch.

Leinenzwang in der Wagensaß

Die medizinische Fachangestellte im St.-Anna-Krankenhaus lobt, dass in Edelsfeld, in Ammerthal und in Sulzbach-Rosenberg in der Wagensaß durch die Kommunen Schilder aufgestellt wurden mit dem Hinweis „Leinenzwang für Hunde“. Dennoch würden sich nicht alle daran halten. „Ich gehe in der Wagensaß oft joggen. Schon öfter ist es mir passiert, dass plötzlich Hunde vor mir standen – und ein Halter nirgends zu sehen war. Bei manchen kommt die Botschaft an, bei manchen einfach nie.“

Die Vorsitzende der Rehkitz-Rettung appelliert an Hundehalter, Verantwortung zu zeigen und ihre treuen Begleiter anzuleinen, gerne auch mit Schleppleinen. Denn: „Wenn freilaufende Hunde Wildtiere hetzen, ist das ein Verstoß gegen das Jagd- und Tierschutzgesetz“, sagt Kunisch. Ihr Aufruf zur Vorsicht richtet sich auch an Mountainbiker und früh- oder nachtaktive Jogger, die zum Beispiel mit Stirnlampen die Ruhe der Tier störten.

Fettreserven für Winter

Die Ruhe- und Schutzzonen der Tiere zu respektieren, sei gerade im beginnenden Herbst wichtig. „Die Rehe fressen sich momentan Fettreserven für den Winter an. Wenn sie dabei unterbrochen und aufgeschreckt werden, geraten sie schnell in Panik.“ Jede Bewegung koste Kraft, die den Tieren im Winter fehle. Komme dann noch ein schneereicher Winter wie zuletzt, gebe das vielen Tieren den Rest. Insbesondere Jungtiere seien solchen Belastungen nicht gewachsen. „Wälder und Wiesen sind nicht nur Erholungsflächen für Menschen, sondern auch der Lebensraum, das Wohnzimmer und die Kinderstube der Wildtiere.“

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Zwei junge Rehkitze folgen ihrer Mutter. Rehkitze werden mit offenen Augen und vollem Fell geboren und sind in der Lage, nach 10 Minuten zu stehen und nach 7 Stunden zu laufen. Gerade im ersten Lebensjahr sind die Kitze besonders verletzlich und leichte Beute für freilaufende Hunde.
Im Naherholungsgebiet Wagensaß hat die Stadt Sulzbach-Rosenberg inzwischen einen Leinenzwang erlassen. Doch noch immer scheinen sich nicht alle Hundehalter daran zu halten.
Hintergrund:

Verhaltensregeln in Wald und Wiese

  • Mountainbiker, Jogger und Gassi-Geher sollten Wege nicht verlassen, um die Schutz- und Ruhezonen der Tiere zu sichern
  • Hunde riechen Wildtiere früher als Menschen. Sie nehmen die Fährte auf, der Jagdinstinkt bricht durch. Deshalb sollten Hunde auch in der "freien Natur" angeleint werden.
  • Schleppleinen sind bis zu 15 Meter lang und ermöglichen dem Hund, herumzustöbern und zu streunen, ohne sich selbst überlassen zu sein.
  • Jagen, hetzen und/oder reißen freilaufende Hunde Wildtiere ist das ein Verstoß gegen das Jagd- und Tierschutzgesetz, der bestraft werden kann.

 

 

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