29.07.2021 - 15:29 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

"Ich bin stolz auf die Uniform": Polizeischüler über die Ausbildung während Corona

Lea und David haben einen Traum: Polizist zu werden. Im Interview reden die Anwärter in Sulzbach-Rosenberg über Konflikte unter Kollegen, Schusswaffeneinsatz und die Frage, ob sie Freunde bei einer Polizeikontrolle durchwinken würden.

Auch eine Verkehrskontrolle will geübt sein: Auf dem Gelände der Bereitschaftspolizei in Sulzbach-Rosenberg werden Polizeischüler auf möglichst realitätsnah auf den Streifendienst vorbereitet.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

ONETZ: Überstunden, zunehmende Gewalt, mittelmäßige Bezahlung und eine harte Ausbildung: Warum tust du dir das an und willst Polizist werden?

Polizeioberwachtmeister David Müller: Mein Traum war es schon immer, Polizist zu werden. Ich wollte etwas Aktives, etwas Praktisches machen. Ein Bürojob wäre für mich unvorstellbar. Mein Papa war auch bei der Polizei, das prägt. Und klar kann es auch Gewalt geben, aber dafür werden wir ausgebildet.

ONETZ: Die Ausbildung besteht aus viel Praxis: Wie lässt sich das mit Corona und Homeoffice vereinbaren? Ist eure Ausbildung schlechter?

Polizeioberwachtmeisterin Lea Otte: Wir haben im März 2020 noch mit Präsenzunterricht angefangen, kurz darauf kam der Lockdown, wir wurden ins Homeoffice geschickt. Es war für uns alle nicht einfach, stundenlang Zuhause zu lernen, nur mit Online-Meetings – das kostet Überwindung. Später wurde Blockunterricht mit halben Klassen gemacht, für Training in Selbstverteidigung durften wir in die Kaserne. Aber unser Ausbilder hat zu mir gesagt, wir sind auf dem gleichen Stand wie Polizisten vor Corona. Ich fühle mich nicht schlechter ausgebildet und sehe keinen Nachteil.

ONETZ: In der Ausbildung treffen Schüler aus ganz Bayern aufeinander. Ihr kennt euch nicht und wohnt eng in Zwei-Bett-Zimmern zusammen: Gibt es Konflikte?

David Müller: Es stimmt, man weiß nicht, mit wem man zusammenkommt. Man ist nervös und will sich mit dem Zimmerpartner ja auch verstehen. Aber ich hatte bislang noch nie einen Streit mit meinem Kollegen, und ich hoffe, das bleibt so. Teamwork wird groß geschrieben. Wir machen alles zusammen, das Lernen, den Sport, lösen gemeinsam Aufgaben. Da entsteht eine Gemeinschaft fürs Leben.

Lea Otte im Interview: Frauen bei der Polizei

ONETZ: Nach einem Jahr, im 3. Ausbildungsabschnitt, steht ein mehrmonatiges Praktikum im Streifendienst an: Wie fühlte sich der erste reale Polizeieinsatz an?

Lea Otte: Ich habe mein Praktikum in meiner Heimatstadt in Lauf gemacht. Mein Praxisbegleiter hat mir immer geholfen. Überfordert war ich nicht. Aber ein Erlebnis hat sich eingebrannt: Wir wurden zu einem Einsatz gerufen, ein Mann stand unter Drogen und hat mit einer Statue nach uns geworfen. Seine Wohnung war komplett vermüllt. Ich hab die Abgründe eines Abhängigen erlebt. Er ist ausgeflippt und geflüchtet, wir haben Verstärkung geholt und ihn mit sechs Streifenbesatzungen verfolgt und zu Boden bringen und fixieren müssen. Der Streifendienst ist ganz anders als die Ausbildung. Du riechst die Menschen, sie verhalten sich anders, alles ist realer.

ONETZ: Die Ausbildung zum Polizeimeister dauert zweieinhalb Jahre. Ihr lernt und schlaft von montags bis freitags in der Polizeikaserne. Wie haben Eltern und Freunde auf deine Entscheidung reagiert, zur Polizei zu gehen?

David Müller: Mit der Freundin war es am Anfang schwierig (schmunzelt). Sie war beleidigt, weil ich nicht jeden Tag heimgekommen bin. Aber das hat sich inzwischen gelegt. Ein Problem ist aber, dass wegen Corona keine Besucher in den Standort kommen dürfen. Meine Eltern hingegen haben es locker aufgefasst und befürwortet.

ONETZ: Das 72. Ausbildungsseminar besteht aus 129 jungen Teilnehmern, 41 davon sind Frauen – eine Quote von 32 Prozent. Wie kommst du in einer Männerdomäne klar? Gibt es zweideutige Sprüche oder gar Belästigungen?

Lea Otte: Nein. Das habe ich noch nie erlebt. Es kommen keine Anspielungen. Ich war im Streifendienst sogar nur mit Männern unterwegs. Sie waren manchmal schroff, aber immer hilfsbereit. Wir Frauen werden mehr im Polizeidienst, und das ist auch wichtig. Wenn ein Streifenteam gemischtgeschlechtlich unterwegs ist, ist das besser. Frauen sind ruhiger, oft einfühlsamer. Und es gibt einen Gleichgeschlechtlichkeitsgrundsatz: Eine Frau darf nur von einer Polizisten abgetastet und durchsucht werden. Auch im Fall von häuslicher Gewalt würde sich eine Betroffene mit als Frau gegenüber sicherlich leichter öffnen als meinen Kollegen.

ONETZ: Was würdest du tun, wenn bei einer Verkehrskontrolle zufällig ein alter Freund von dir mit 0,8 Promille Alkohol im Blut gestoppt würde. Die Versuchung, hier ausnahmsweise beide Augen zuzudrücken, ist doch groß, oder?

David Müller: (Breites Schmunzeln) Meine Kumpels haben zu diesem Fall tatsächlich schon doofe Sprüche gebracht: "Du hälts mich doch dann nicht auf, oder?" Aber, was soll ich machen? Ich würde ihn trotzdem kontrollieren und auch keine Gnade walten lassen. Ganz ehrlich, wenn er 0,8 Promille im Blut hat, ist er selber schuld und muss mit den Konsequenzen klar kommen.

ONETZ: Polizisten werden an der Pistole und der Maschinenpistole ausgebildet. Im schlimmsten Fall musst du auf Menschen schießen...

Lea Otte: Ja, mindestens einmal pro Woche ist Schießtraining. Ich hatte zuvor nie etwas mit Waffen zu tun und ich war beim ersten Kontakt schon nervös. Mir ist klar, dass sich damit viel anrichten lässt. Wir lernen zuerst die Trockenhandgriffe, und ich hatte am Anfang große Probleme mit dem genauen Zielen. Aber wenn man langsam besser wird, macht es irgendwann Spaß, auch das Schießen mit der Maschinenpistole.

ONETZ: Wie fühlst du dich in deiner Uniform? Verändert sich die Eigenwahrnehmung?

David Müller: Ich bin stolz auf die Uniform. Wenn wir im Streifenwagen draußen unterwegs sind – jeder schaut einen an, das ist ungewohnt. Mit der Uniform fühlt man sich richtig zugehörig. Aber ich hab´ mich auch schon dran gewöhnt, sie jeden Morgen anzuziehen.

Die Polizeiausbildung als Knochenjob mit Spaßfaktor

ONETZ: Du trägst inzwischen den ersten blauen Stern auf den Schultern. Wie geht es weiter?

Lea Otte: Die Beförderung zur Polizeioberwachtmeisterin war ein gutes Gefühl, wir haben ja auch viel dafür geleistet. Das Tragen von Uniform, es macht was mit einem. Wir werden selbstbewusster. Ich will nach der Ausbildung zur Einsatzhundertschaft nach München. Ich bin ja noch jung und will erst mal raus und Erfahrungen sammeln. Und wer weiß, vielleicht klappt es später ja mit dem gehobenen Dienst.

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Hintergrund:

Voraussetzungen und Inhalte der Polizeiausbildung: Der Weg zum Polizeimeister

  • Voraussetzung für den Einstieg in den mittleren Polizeivollzugsdienst (2. Qualifikationsebene): Deutscher Staatsbürger, mindestens 165 cm groß, zwischen 17 und 30 Jahren und ohne Vorstrafen, mittlerer Bildungsabschluss oder höher, Bestehen des polizeilichen Einstellungstests
  • Fünf Ausbildungsabschnitte, aufgeteilt auf insgesamt 5000 Unterrichtseinheiten in zweieinhalb Jahren
  • Ausbildungsinhalte zur Hälfte praktisch und theoretisch, darunter Fahr-, Waffen- und Schießausbildung sowie Rechtsunterricht und soziale Kompetenzen im Interkulturellen Bereich, Konfliktdeeskalation, Kommunikation und Berufsethik
  • Nach einem Jahr Ausbildung (2. Abschnitt) Beförderung zum Polizeioberwachtmeister (ein blauer Stern) und damit Erreichen des Status eines Polizeivollzugsbeamten, am Ende der Ausbildung nach zweieinhalb Jahren (5. Abschnitt) Beförderung zum Polizeimeister (zwei blaue Sterne)
  • Die VII. Bereitschaftspolizeiabteilung in Sulzbach-Rosenberg mit einer Außenstelle in Nabburg ist die größte Polizeidienststelle Bayerns. Über 1500 Beschäftigte arbeiten hier, davon sind 1100 Beamte in Ausbildung. Insgesamt sind hier ein Fünftel der gesamten bayerischen Bereitschaftspolizei stationiert.

"Ich hab die Abgründe eines Abhängigen erlebt. Er ist ausgeflippt und geflüchtet. Wir mussten ihn mit sechs Streifen wieder einfangen und am Boden fixieren Der Streifendienst ist ganz anders als die Ausbildung. Du riechst die Menschen, sie verhalten sich anders, alles ist realer.

Polizeioberwachtmeisterin Lea Otte (20) über ihre Praktikums-Erfahrungen im Streifendienst

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"Teamwork wird groß geschrieben. Wir machen alles zusammen, das Lernen, den Sport, lösen gemeinsam Aufgaben. Da entsteht eine Gemeinschaft fürs Leben."

Polizeioberwachtmeister David Müller (19) über seinen Zimmerkollegen

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