12.07.2020 - 18:09 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Auffahr-Krimi vor Gericht: Wer hat provoziert?

Auffahren, Mittelfinger, Verfolgung, Fotos mit Blitz: Eine Frau aus dem Landkreis Tirschenreuth beschuldigte ein Ehepaar, sie im Straßenverkehr genötigt zu haben. Die gleiche Geschichte erzählte das Paar vor dem Amtsgericht - nur umgekehrt.

Justiz
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

„Wir haben nichts gemacht“, sagt das ältere Ehepaar aus dem westlichen Landkreis vor Richter Thomas Weiß mehrfach. Schüttelt immer wieder den Kopf bei den Ausführungen des Opfers. Die beiden Verteidiger Markus Ziesche und Elisabeth Zwickenpflug plädieren auf Einstellung des Verfahrens. Dagegen erzählen Opfer und Zeuge, wie bedrohlich die Situation gewesen sein soll an jenem Abend am 16. Dezember 2019. Dass sogar die kleine Tochter des Opfers, die mit im Auto saß, zitterte und Angst hatte.

Das Opfer hatte vor Prozessbeginn darum gebeten, nicht ihre Adresse nennen zu müssen, weil ihr noch immer "mulmig" sei. Während ihrer Aussage vermeidet sie den Blick zu den Angeklagten, verlässt direkt danach den Saal.

Doch was war passiert? Ihre kleine Tochter habe sie damals zum Gesangsunterricht fahren wollen. „Oh nein, schon wieder ein Langsamer vor uns“, habe sie sich an jenem Dezemberabend gedacht und das voranfahrende Auto der beiden Angeklagten überholt. Kurz darauf habe das Fahrzeug sie knapp überholt, sagt sie. „Da hab ich die Krise gekriegt.“

"Tochter hat Panik gekriegt"

An einer Engstelle in der Stadt habe das Auto schließlich mit Warnblinklicht vor ihr angehalten - Vorbeifahren wegen des Gegenverkehrs: unmöglich. Der Angeklagte sei ausgestiegen, auf Mutter und Kind zugelaufen und habe die Scheibenwischer-Geste gezeigt. „Die Tochter hat total Panik gekriegt“, schildert das Opfer. Sie habe von innen die Tür verriegelt.

Das Opfer konnte schließlich weiterfahren, die Situation war damit aber noch nicht beendet. An einer Rechtsabbiegerspur habe sie gestanden, das Auto der beiden Angeklagten habe links neben ihr gehalten. Als die junge Frau nach links spähte, habe ihr die angeklagte Ehefrau den Mittelfinger gezeigt. Direkt von der Linksabbiegerspur aus sei das Paar vor das Opfer auf die andere Spur ausgeschert.

Immer wieder habe sie ihre panische Tochter im Auto beruhigen müssen. Schließlich sei das Ehepaar auf der Bundesstraße wieder langsamer gefahren. Ganz bewusst, vermutet das Opfer vor Gericht. Die junge Frau überholte wieder. „Das Auto klebte mir danach an der Stoßstange.“ So sehr, dass nicht einmal die Lichter zu erkennen waren.

Die Pandemie verändert auch die Arbeit am Amtsgericht:

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"Mama, die fotografieren uns"

Das Auto der Angeklagten sei stellenweise auf der Gegenfahrbahn neben dem des Opfers gefahren, die Tochter habe gesagt: „Mama, die fotografieren uns.“ Bis zum Gebäude, wo der Gesangsunterricht stattfand, sei das Ehepaar dem Opfer gefolgt. Die junge Frau habe schließlich die Gesangslehrerin angerufen, gesagt, dass sie verfolgt werde und darum gebeten, direkt auf den Hof fahren zu dürfen.

Dort habe das Auto der beiden Angeklagten so dicht am Fahrzeug des Opfers geparkt, dass die Tochter nicht aussteigen konnte. Weitere Fotos seien gemacht worden - das bestätigt auch ein anderer Gesangsschüler, der als Zeuge vor Gericht geladen ist und gemeinsam mit der Lehrerin an jenem Abend das Opfer und die Tochter vor dem Gebäude abgeholt haben. Danach war der Spuk vorbei: Das Ehepaar sei weggefahren.

Das Opfer habe provoziert

Die angeklagte Ehefrau verzichtet auf eine Aussage vor Gericht. Ihr Mann dagegen verliest seine Sicht der Dinge auf einem karierten Block, handnotiert. Die stimmt zwar von den Vorgängen her mit den Aussagen des Opfers überein. Doch er sagt: Das Opfer hätte provoziert. Mit ihrem Auto sei sie „herangeschossen“, mehrfach habe der Mann wegen gefährlicher Situationen so stark abbremsen müssen, dass sogar die ABS-Leuchte angegangen sei. Das Opfer habe stellenweise gefährlich überholt, sei ganz knapp eingeschert. Mit beiden Händen habe sie gar den Mittelfinger gezeigt. Gefolgt seien sie der jungen Frau, weil sie einfach nur ihr Gesicht sehen wollten nach den gefährlichen Manövern. Den Mittelfinger habe seine Frau nie gezeigt.

Diesen skurrilen Fall behandelte das Gericht kürzlich:

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Keine Hilfe bei der Polizei

Warum aber ging das Ehepaar, beide nicht vorbestraft, dann nicht zur Polizei? Schon mehrfach hätten sie erlebt, schildert der Mann, dass man bei der Polizei keine Hilfe erfahren würde. Auch habe das Opfer einen höheren Bildungsgrad - sie mit Abitur und Studium, er ein früherer Krankenpflegehelfer in Rente. „Sie kann das doch ganz anders rüberbringen bei der Polizei.“

Die Frage, die die Verteidigung bei den sich entgegenstehenden Aussagen aufwarf, war: Wie nimmt eine Person einen Überholvorgang wahr? „Mein Mandant hat es als unangemessen aufgefasst, weil es sehr knapp war.“ Provoziert habe er sich davon gefühlt, vielleicht auch gefährdet. Außerdem sei die junge Frau offenbar selbst in Eile gewesen. Bei der Situation vor der Schule sei es nicht um Maßregelung gegangen, sein Mandant sei nicht aus dem Auto gestiegen. Vielmehr habe er Beweise sichern wollen, „nichts anderes wurde gemacht“. Danach sei das Ehepaar auch sofort wieder gefahren.

Am Ende verurteilt Richter Thomas Weiß den Angeklagten zur einer Geldstrafe von 750 Euro und verhängt ein einmonatiges Fahrverbot. Die Ehefrau wird zu einer Geldstrafe von 350 Euro verurteilt. „Wer sich so im Straßenverkehr verhält“, sagt Weiß, „verstößt erheblich gegen seine Pflichten im Straßenverkehr.“ Die Angeklagten nehmen das Urteil mit Kopfschütteln auf und schlagen die Hände vor das Gesicht.

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