16.09.2020 - 15:47 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Keine Bewährung mehr für Angreifer

Wenn er Alkohol trinkt, rastet der Angeklagte regelmäßig aus. Seine Aggressionen richten sich dann bevorzugt gegen Polizisten, aber auch gegen die Ehefrau. Ein Vorfall führt ihn nun ins Gefängnis – nicht zum ersten Mal.

Das Strafgesetzbuch
von Michaela Kraus Kontakt Profil

Wegen gefährlicher Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte musste sich ein 46-Jähriger vor Gericht verantworten. Beim ersten Verhandlungstermin hatte er zugegeben, sich gegen die Polizisten kräftig gewehrt zu haben. Seine Frau habe er jedoch vorher nicht geschlagen. Ein Messer will er nur in der Hand gehalten haben, um sich etwas zum Essen zu machen.

Von ihrem Recht auf Aussageverweigerung machte die Ehefrau, die inzwischen getrennt von dem Mann lebt, keinen Gebrauch. Gefasst schilderte sie ihre Eindrücke von jenem Tag im März 2020. "Er kam betrunken nach Hause. Wir hatten eine Diskussion und er hat mir drei oder vier Mal mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen." Sie habe ihn aufgefordert, die Wohnung zu verlassen und sei mit der kleinen Tochter auf dem Arm in die Küche gegangen, wo ihr erwachsener Sohn saß. Dass die Mutter ein gerötetes Gesicht hatte, war nicht nur ihm, sondern später auch den Polizisten aufgefallen. Dennoch bestritt der Ehemann die Schläge und griff sich ein Messer von der Magnetleiste.

Zum Bericht vom ersten Verhandlungstag

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"Ich hatte Angst, dass er den Sohn angreift", schilderte die 42-Jährige. "Er stand da ganz still mit dem Messer in der Hand und hat gar nichts gesagt." Sie habe ihm dann das Messer aus der Hand geschlagen. Bei dieser Gelegenheit stieß ihr Mann sie weg, so dass sich später auf der Brust ein blauer Fleck zeigte. "Ich forderte ihn dann auf, zu gehen, bevor er es noch schlimmer macht."

Vor der Wohnung kamen dem Mann dann schon die alarmierten Polizisten entgegen. Er verhielt sich aggressiv, schlug nach einem Beamten und musste mit Handschellen gebändigt werden. Schon einige Monate vor diesem Ausraster hatte sich der 46-Jährige an eine Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie gewandt, um seine Stimmungsschwankungen in den Griff zu bekommen, die sich in Verbindung mit Alkohol oft in Aggression verwandelten.

Jetzt trinke er fast nichts mehr und habe auch zur Frau und zur Tochter ein viel besseres Verhältnis, erzählte er vor Gericht. Auch eine stationäre Entgiftung absolvierte er, was die Ärztin bestätigte. "Er hat sich um psychotherapeutische Hilfe bemüht, aber da einen Platz zu finden, ist sehr schwer", gab sie zu bedenken. Auch die Bewährungshelferin des Angeklagten schilderte ihn als zuverlässig und einsichtig in seine Problematik.

Doch diese Einsicht kam für eine erneute Bewährung, unter der der 46-Jährige schon zum Tatzeitpunkt stand, zu spät. 21 Vorstrafen - vom Diebstahl bis zur Körperverletzung und immer wieder Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte - wurden verlesen. Das letzte Urteil erging zwei Monate vor der Handgreiflichkeit gegen die Ehefrau wegen vorsätzlichen Vollrausches. Der Angeklagte hatte sich heftig gegen Notarzt, Sanitäter und Polizisten gewehrt und beleidigte sie.

Weil die Sache mit dem Messer wohl nicht so dramatisch war wie in der Anklageschrift angenommen, spielte gefährliche Körperverletzung in der Strafzumessung keine Rolle mehr. Es blieben vorsätzliche Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Staatsanwältin Vera Höcht glaubte dem Angeklagten nicht, der die Schläge gegen seine Frau bestritt. Den Widerstand gegen die Polizisten habe er ja selbst eingeräumt. Die vielen auch einschlägigen Vorstrafen wirkten sich negativ aus. Besonders die Tatsache, dass die Straftat nur zwei Monate nach dem letzten Urteil, gebe zu denken. Sie forderte neun Monate Gefängnis ohne Bewährung.

Verteidigerin Corinna Kaiser bezweifelte die Schläge ins Gesicht. Der Angeklagte habe seine Frau nur weggestoßen. Außerdem verwies sie auf die psychologische Behandlung und die Entschuldigung ihres Mandanten. Zwar habe er viele Vorstrafen, aber dazwischen auch immer wieder lange Zeiträume ohne Verurteilungen. Die Rechtsanwältin forderte acht Monate Haft mit Bewährung.

Zu einem anderen Ergebnis kam Richter Thomas Weiß. Er hielt es für erwiesen, dass der Mann zugeschlagen hat und sich erheblich gegen die Polizisten wehrte. Trotz 1,8 Promille sei der Angeklagte noch relativ ansprechbar gewesen, sah er keine verminderte Schuldfähigkeit. Weiß sprach von einer tickenden Zeitbombe: "Polizeibeamte sind offensichtlich ein rotes Tuch für ihn." Dass der 46-Jährige so schnell rückfällig wurde nach der letzten Gerichtsverhandlung, die mit Bewährung endete, sei besonders gravierend: "Bewährung gibt es eigentlich grundsätzlich nur ein Mal." Das Urteil lautete auf neun Monate Haft.

Weiterer Bericht von einer Verhandlung wegen Körperverletzung

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