18.11.2021 - 11:53 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Komponist Richard Strauss in Tirschenreuth

Am offenen Wagen, mit Ledermütze, lässt sich in den 1930er Jahren ein motorisierter Besucher vor dem „Gasthof zur Post“ ablichten. Es ist kein geringerer als der bekannte Komponist Richard Strauss.

Richard Strauss auf dem Tirschenreuther Maximilianplatz vor 1937. Der "Reber-Boder" knipst den weltbekannten deutschen Komponisten. Ob er wusste, wen er da vor sich hatte?
von Thomas SporrerProfil

Vor kurzem hat Jörg Kulzer, Geschäftsführer vom Möbelhaus Gleißner, mit einem alten Foto eine interessante Recherche angestoßen. Das Bild stammt von Kulzers Onkel aus Regensburg. Dieser hatte es von einem befreundeten Musiker erhalten. Die Nachforschungen von Thomas Sporrer haben ergeben, dass kein Geringerer als der weltbekannte deutsche Komponist Richard Strauss auf dem Tirschenreuther Marktplatz abgelichtet ist. Vermutlich hatte Strauss im ersten Hause am Platz, dem „Gasthof zur Post“, damals Hausnummer 368, logiert.

Aber, so fragte Jörg Kulzer, wer war der Fotograf und was machte der im oberbayerischen Garmisch sesshafte Strauss in Tirschenreuth? Sporrer nahm Kontakt mit Franz Krapf von Historischen Arbeitskreis auf , und der wusste sofort, wer der „Knipser“ war. Es handelt sich um den Hobby-Fotograf Amade Reber, der „Reber-Boder“. Der konnte wahrscheinlich sein Glück gar nicht fassen, als er den Promi vor die Linse bekam. Oder wusste er gar nicht, wen er da am unteren Marktplatz fotografierte? Jedenfalls landete die Aufnahme (auf einer Glasplatte) irgendwann bei Stadtheimatpfleger Eberhard Polland.

Da war die Info, wer da auf dem Bild zu sehen war, aber schon wieder weg. 2016 veröffentlichte Polland zwar das Bild in seinem Historischen Kalender mit alten Aufnahmen aus Tirschenreuth, aber lediglich mit dem Hinweis, dass im Gasthof zur Post nur die feineren Leute abstiegen. Dafür diente der ältere Herr mit Lederkappe als Beispiel, der Name aber war weg. „Wunderbar, Teil eins gelöst, es war der große deutsche Komponist Richard Strauss, in Tirschenreuth, fotografiert vom Reber-Boder“, konnte Sporrer eine Zwischenbilanz ziehen. Aber wann ist die Aufnahme entstanden und warum war Strauss in Tirschenreuth? Es muss vor 1937 gewesen sein. In dem Jahr erwirbt Ernst Gleißner das Gebäude, damit die Raumnot in der Schreinerei Gleißner, gleich gegenüber in der Hausnummer 247, endlich ein Ende hat. Das war das Aus für den „Gasthof zur Post“, der Besuch muss damit vorher gewesen sein.

Strauss half Bayreuth aus Patsche

Sporrer forscht in der Biografie des Musikers. Bereits 1889 dirigiert Strauss Wagner in Bayreuth, er freundet sich mit Cosima Wagner an. 1894 geht es aber im Streit auseinander. Strauss geht nach München, später nach Berlin und erringt Weltruhm. Was bleibt, ist eine lebenslange Wagner-Liebe. Erst 1933, also 39 Jahre später, kommt es aber wieder zu einer Annäherung. In dem Jahr hat der italienische Stardirigent Arturo Toscanini aus Protest gegen Antisemitismus und Diktatur kurzfristig sein Engagement in Bayreuth abgesagt. Die Aufführung war in Gefahr. Da sprang Richard Strauss ein – er geht bereits auf die 70 zu – und half Bayreuth aus der Patsche.

Nicht nur in diesen 1930er Jahren, sondern in der gesamten Nazi-Zeit spielte Richard Strauss eine durchaus widersprüchliche Rolle. Er selbst wurde 1933 zum Präsidenten der Reichsmusikkammer ernannt. Dieses Ehrenamt wird er aber zwei Jahre später wieder verlieren, weil er 1935 darauf besteht, dass sein jüdischer Textdichter Stefan Zweig mit auf dem Plakat zur Premiere der „Schweigsamen Frau“ in Dresden genannt wird. Goebbels misstraut ihn, seine Briefe werden von der Gestapo kontrolliert. Dennoch darf er 1936 für Berlin die Olympia-Hymne schreiben und sie auch selbst dirigieren.

Begeisterter Autofahrer

„Aber zurück zu 1933, zu seinem überraschenden Comeback in Bayreuth. Aus dieser Zeit gibt es ein Gruppenfoto der Familie Wagner mit Richard Strauss“, berichtet Sporrer. „Wenn man nun den Strauss aus Tirschenreuth neben den Strauss aus Bayreuth stellt – was fotografisch ja mittlerweile mit ein paar Klicks zu machen ist – steht da wirklich und eindeutig derselbe Mann im gleichen Alter vor einem.“

Ob es ihn von Bayreuth nach Tirschenreuth verschlagen hat? Ob er sich auf dem Weg nach Bayreuth befand, als er kurz mal vor dem Reber-Boder einen Foto-Moment lang wartete? Eine Autobahn gab es damals jedenfalls noch nicht und Strauss war ein begeisterter Autofahrer, der gerne auch selbst am Steuer saß. Allein in der Zeit hat er 6 Reisen unternommen, die ihn nach Berlin, nach Dresden und eben nach Bayreuth geführt haben. Und ohne Autobahn war so ein Schlenker über Tirschenreuth, entlang der B 15 durchaus denkbar, da lag die Stiftland-Metropole quasi am Weg. „Oder hat er nach seinem Wagner einen Abstecher in das Stiftland gewagt? Oder war er auf den Weg in die Böhmischen Bäder?“

Die Familie von Strauss, die unter anderem auf der Homepage www.richardstrauss.at seine Biografie präsentiert, konnte da nicht weiterhelfen, das Richard-Strauß-Institut in Garmisch dagegen hat sich sofort auf die Suche gemacht, aber so bedeutend war dieser Besuch in der Biografie des Weltkünstlers dann doch nicht. Aber damit können wir gut leben.

Was bleibt ist, dass der weltbekannte Komponist und Dirigent Richard Strauss mal für eine Nacht im Hotel „Gasthof zur Post“, dem ersten Haus am Platze, unser Gast war. Da war schon 1786 Goethe auf seiner „Italienischen Reise“ vorgefahren. Oder war der doch beim „Schwaner-Wirt“, wie dort zumindest eine Info-Tafel verkündet? „Ja mei, unsere Heimat-Forscher – es gibt noch viel zu tun“, konstatiert auch Thomas Sporrer.

Auch Dichterfürst Goethe war Tirschenreuth nicht fremd

Tirschenreuth
Hintergrund:

Zur Person Richard Strauss

Geboren am 11.Juni 1864 in München, Vater Franz Josef Strauss (Musiker), Mutter Josefa stammte aus der Pschorr-Dynastie.

  • Mit sechs Jahren begann Richartd Strauss zu komponieren, mit 18 hatte er bereits 140 Musikstücke geschrieben.
  • 1889 dirigiert er erstmals Wagner in Bayreuth, fünf Jahre später veröffentlicht er seine erst Oper "Guntram".
  • 1920 begründet Strauss mit Regisseur Max Reinhard und Alfred Roller die Salzburger Festspiele.
  • 1933 wird Strauss, der selbst eine jüdische Schwiegertochter hat, zum Präsidenten der Reichsmusikkammer ernannt, zwei Jahre später verliert er dieses Ehrenamt wieder, wird von den Nazis als "unzuverlässig" eingestuft.
  • Im gleichen Jahr kehrt er nach 39 Jahren Abstinenz nach Bayreuth zurück und dirigiert Wagner. In der Zeit erfolgte der Abstecher nach Tirschenreuth.
  • 1945 flieht der Komponist mit seiner Frau in die Schweiz.
  • 1949 Rückkehr nach Garmisch, am 13. Juli dirigiert Strauss letztmals im Münchner Funkhaus die Mondscheinmusik aus seiner letzten Ober „Capriccio“.

Am 8. September 1949 stirbt Richard Strauss und wird in München am Ostfriedhof beigesetzt.

 

 

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