23.03.2021 - 18:06 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Lieferengpässe: Das Wunschfahrrad bleibt oft nur ein Wunsch

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Fahrrad im Prospekt aussuchen, bestellen, in den Laden gehen, abholen. Das war einmal. Denn die Lager der Radhändler leeren sich jeden Tag mehr und es gibt auch keinen Nachschub mehr, wie eine Umfrage im Kreis Tirschenreuth zeigt.

Letzte Kontrolle vor der Auslieferung. Auch der Wiesauer Zweiradhändler Erich Göhl kann aufgrund von Lieferengpässen nicht alle Wünsche der Kunden erfüllten.
von Armin Eger Kontakt Profil

Seit Jahren ging es in der Fahrradbranche nur nach oben. Vor allem der E-Bike-Markt boomte. Aber voriges Jahr brachte Corona den Handel zum Saisonauftakt zum Erliegen. Jedoch wurden in den Monaten danach die Läden überrannt. Das bestätigen auch drei Händler aus dem Landkreis Tirschenreuth. "Überdurchschnittlich" sei der Absatz gewesen, sagt Elmar Beyerlein von Bike & More in Erbendorf.

Deutschlandweit stieg der Umsatz allein im ersten Halbjahr 2020 um 30 Prozent, wie der Verbund Service und Fahrrad (VSF) ermittelte. Es gab Lieferverzögerungen und Lieferengpässe. Die Lager der Hersteller waren im Frühjahr 2020 aber zum Glück gut gefüllt. Bis zum Dezember waren sie jedoch wieder leer und sind es immer noch. Alles ist bereits an die Händler ausgeliefert. Der Nachschub an Rädern ist ins Stocken geraten, und auch bei Teilen, wie Ketten, Kassetten, Rizeln oder Bremsbelägen gibt es derzeit keinen Nachschub.

"Der Weltmarktführer bei Fahrradkomponenten, Shimano mit Sitz in Japan, betreibt in Asien viele seiner Werke. Auch Fahrradrahmen kommen größtenteils aus China und Taiwan. Die produzierenden Firmen sind an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen", sagte VSF-Geschäftsführer Uwe Wöll kürzlich in einem Interview bei spiegel.de. Er führt das auf die weltweit gestiegene Nachfrage nach Fahrrädern und Teilen zurück. Seit etwa 20 Jahren habe die Branche nicht einen derart sprunghaften Anstieg erlebt.

Zweirad Göhl, Wiesau

Seit gut 25 Jahren ist Erich Göhl im Zweiradgeschäft. Aber eine Situation wie derzeit ist für ihn neu. "Es gibt keine Fahrräder und auch keine Teile mehr", sagt der Wiesauer. Die Fahrräder der Firma "Conway" mit Sitz in Weiden, die er voriges Jahr im Juli geordert hatte, sind bis auf einige wenige ausgeliefert. "Nachbestellen geht nicht", erklärt Göhl. 70 Prozent seiner Räder, die über den Ladentisch gehen, sind inzwischen E-Bikes.

Ein Riesenproblem seien zudem die Verschleißteile, die er für Reparaturen brauche, wie Ketten oder Kassetten. "Meine Vormittage verbringe ich damit, alles abzugreifen, wo ich noch etwas bekommen kann", so der Wiesauer. "Und das teilweise zu Horrorpreisen. Ich mache das, damit ich den Reparaturservice aufrecht erhalten kann." Etwa 8 bis 10 Tage ist derzeit die Wartezeit bei einem Radservice.

"Wer erst einige Tage überlegen will, ob er das vorhandene Fahrrad nimmt, nur weil vielleicht die Farbe nicht stimmt, kann Pech haben. Da warten schon andere drauf."

Erich Göhl von Zweirad Göhl Wiesau

Woran liegt es? "Corona zum einen", erklärt Göhl. "Shimano hat zwei Monate nicht gearbeitet und ist jetzt mit allem in Rückstand. Zum anderen habe ich gehört, dass in Asien die Container an die Höchstbietenden verkauft werden." Das alles führe zu Engpässen und Preissteigerungen. Durch die fehlenden Teile könnten auch Räder nicht komplett fertig montiert werden. "Ich kann meinen Kunden nur sagen: Was im Laden steht, kannst du haben. Das Wunsch-Bike aus dem Katalog kann ich nicht besorgen. Wer erst einige Tage überlegen will, ob er das vorhandene Fahrrad nimmt, nur weil vielleicht die Farbe nicht stimmt, kann Pech haben. Da warten schon andere drauf", so Göhl.

Normalerweise gibt es die neuen Kataloge für die nächste Saison im Juli, aber in diesem Jahr wahrscheinlich früher, vermutet Göhl. "Aber wenn keine Anbauteile da sind, frage ich mich, was macht das für einen Sinn. Die Hersteller können die neuen Modelle zum Jahresende erneut nicht liefern."

Bike & More Erbendorf

"Es war voriges Jahr schon schlecht, heuer ist es eine Katastrophe", umschreibt Elmar Beyerlein, Inhaber von Bike & More in Erbendorf, die Situation bei der Verfügbarkeit und Lieferfähigkeit der Räder. "Ich bin 18 Jahre im Geschäft, so krass war es noch nie. Ich hätte ein bestimmtes E-Bike für eine Kundin gebraucht und habe beim Großhändler angefragt. Keine Chance", erzählt Beyerlein, der verschiedene Marken vertreibt. "In drei Monaten soll noch eine Lieferung kommen", blickt er etwas optimistisch voraus.

Auch er ist Leidtragender der extremen Lieferprobleme bei den Teilen. "Voriges Jahr im Juli habe ich Schläuche bestellt, geliefert wurden sie jetzt im Februar. Obwohl Conti und Schwalbe deutsche Firmen sind, produzieren sie in Taiwan. Das ist das Problem, und natürlich dazu noch Corona." Ketten gebe es derzeit gar nicht, bei Bremsbelägen sei es schwierig. "Ich habe drei Großhändler angerufen. Es ist nichts aufzutreiben." Der Verkauf von Fahrrädern, bei ihm sind davon etwa die Hälfte E-Bikes, war im vorigen Jahr überdurchschnittlich. "Radtouren waren ja so ziemlich das einzige, was die Leute im Lockdown machen konnten", so seine Begründung für den hohen Absatz.

Bike-Station, Waldsassen

"Wer viel Zeit hat, kann eventuell noch zu seinem Wunsch-E-Bike kommen", sagt Stefan Persing von der Waldsassener Bike-Station. Er rechnet im Juni/Juli noch mit einer Lieferung. "Aber insgesamt sieht es schlecht mit Nachbestellungen aus", so der Ghost-Radhändler. 30 bis 40 Prozent der bei ihm verkauften Räder sind E-Bikes.

"Was nicht bestellt ist, gibt es nicht."

Stefan Persing von der Waldsassener Bike-Station

Er habe zwar gut vorgeordert, aber es seien davon wieder einige Bikes gestrichen worden. Grund sei, dass die Hersteller nicht so viel produzieren können, wie die Händler gerne hätten. Auch die Nähe zum Radhersteller Ghost bringe keine Vorteile. "Was nicht bestellt ist, gibt es nicht", so Persing.

Nachdem 2020 ein gutes Jahr gewesen sei, hätten die Fahrradgeschäfte natürlich für dieses Jahr viel mehr bestellt als sonst. Das Problem sei zudem, dass Großhändler 15 Monate auf Shimano-Teile, wie Schaltungen und Bremsen warten müssten. Was also an neuen Rädern für die Saison 2021/22 Ende diesen Jahres kommt, müsse man abwarten.

Bei den Reparaturen sei die Bike-Station noch gut aufgestellt. Persing: "Ich habe mich voriges Jahr mit Verschleißteilen eingedeckt." Derzeit müssten Kunden etwa mit einer Woche Wartezeiten beim Service für ihr Rad rechnen. "Das wird sicher länger, denn wenn das Wetter besser wird, bringen viele erst ihr Rad erst zu uns."

Fahrradhersteller Cube, Waldershof

Auf die Frage: "Sind in diesem Jahr überhaupt noch aktuelle Fahrräder zu bestellen?", antwortet Cube: "Wir haben versucht, unsere Stückzahlen trotz der schwierigen Situation bestmöglich anzupassen, wobei das aufgrund der geringen Verfügbarkeit und langen Lieferzeiten bei vielen Zulieferern nur bedingt möglich war. Unsere neue dritte Montagelinie an unserem Standort in Waldershof hilft uns in der aktuellen Situation, in der wir mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen haben, unsere Fachhändler bestmöglich zu bedienen. In Einzelfällen kann es aber dennoch zu längeren Lieferzeiten oder geringer Verfügbarkeit führen."

Cube baut weiter

Marktredwitz

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