09.11.2020 - 15:20 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Schnelle Pinselstriche voller Hass

Von den Folgen der Pogromnacht im November 1938 gibt es ein erschütterndes Foto: Die Außenfront des "Kaufhaus Adolf Klein" wurde mit Parolen beschmiert. Harald Fähnrich hat zur Geschichte des Rassenhass-Fotos nachgeforscht.

Rassenhass-Spuren am Kaufhaus Klein/Pick (beim Klettnersturm). Zerstörungswut der „Judenaktion“ von 10. Nov. 1939 – fotografiert tags drauf von einem Jungnazi.
von Externer BeitragProfil

In Kopien wandert das Beweisfoto in den 80er Jahren geheim durch "das ältere Tirschenreuth". Für den Heimatforscher war es schwierig, eine der Kopien, die jetzt im Staatsarchiv Amberg liegt, zu bekommen. Über den Fotografen wird geschwiegen. "Schämten sich nun alte Leute über ihre belastende Nazi-Jugendzeit?", spekuliert Fähnrich. Dennoch sei das Foto aber nicht vernichtet worden.

Anklage der Spruchkammer

Das Foto zeigt nicht identifizierbare weiße Dinge auf dem Gehsteig, über der Eingangstür ist das Firmenschild weggerissen. In großen Lettern dann die widerlichen Nazi-Schmierereien, die wohl nur ein Fachmann so ausführen könnte. 1946, so ermittelt Fähnrich, hätte die Spruchkammer, deshalb den Malermeister im Ort angeklagt. Der beliebter Tirschenreuther und aufrechte Katholik war entsetzt, hatte er doch beste Beziehungen seit jeher zu den hiesigen Juden. Doch wie sollte er den Verdacht widerlegen?

Brief im Staatsarchiv

Im vergangenen Jahr erst wurde ein Brief im Staatsarchiv gefunden, der wichtige Erkenntnisse zu den Vorgängen liefert. So hat die Spruchkammer Tirschenreuth einen Brief aus München, datiert "6. November 1946", erhalten. Darin erklärt Hans Kammerer, ein Mitarbeiter des Malermeisters, 1938 "die Beschriftung der Rollläden sowie der Deckel an den Schaukästen des Kaufhauses Adolf Klein, Inh. Max Pick," vorgenommen zu haben. Den Auftrag hätte ihm der Architekten der Sparkasse Tirschenreuth, Herrn Höllein aus Nürnberg, erteilt "Jede gegenteilige Behauptung ist unwahr", hat Kammerer damals unterschrieben.

Mit den zurückliegenden 70 Jahren befasst sich die neueste Tirschenreuther Chronik

Tirschenreuth

Für den Heimatforscher ist folgende Situation denkbar: Beim Neubau der Sparkasse 1938 war Kammerer, so wie jeden Tag, auch am 11. November bei der Arbeit, allerdings ohne Chef. Architekt Höllein, ein eingefleischter Nazi und Judenhasser, bot ihm Geld für den ungewöhnlichen Auftrag. Ein Sonderlohn, der den Handwerker schließlich überzeugte. Beide gingen zum "Juden Pick", Höllein gab die Texte vor, der Handwerker erledigte den Auftrag mit zügigen Pinselstrichen. Unmittelbar danach könnte ein Jungnazi vorbeigekommen sein und knipste das Foto.

Anordnung durch Landratsamt

Nachgeforscht hat Fähnrich auch zum Ablauf der Reichskristallnacht der NSDAP am Abend des 9. Novembers. Der reichsweite Vollzug war am 10. November von den gleichgeschalteten Medien hinausposaunt worden. An diesem Vormittag hätte ein erzürnter Kriminaloberkommissar der Gestapo aus Regensburg mit zwei Sturmführern des paramilitärische NS-Kraftfahrer-Korps dem Nazi-Bürgermeister und Ortsgruppenleiter Gustav Meyer "den Marsch geblasen". Stunden später ordnet das Weisung gebende Landratsamt bei den Stadtpolizisten Hecht und Böhm an: "5 Uhr ist Judenaktion [der SA], Polizei beteiligt sich in Zivil, aber nicht eingreifen. Der Kaufladen von Max Pick, der als Tscheche (noch) Ausländer ist, ist auszusparen." Theoretisch. Abends am Marktplatz instruiert Meyer instruiert: "Fenster einwerfen, nicht plündern!"

Nachbarn entsetzt

Am 10. November abends, einen Tag später als reichsweit, hatte die Nazi-Horde die Wohnungen und Geschäfte der Grüner, Klein und Weiß heimgesucht. Nachbarn sind entsetzt von Zerstörungen und Plünderungen. Weiter hat Fähnrich herausgefunden: Schulrektor Bergler, der Landkreis-Goebbels für Propaganda, schickt am 11.November die Hitlerjugend hin: "Schaut, so gehen wir mit jüdischen Volksschädlingen um." Wieder fliegen Steine.

Verbot in Erbendorf

Der Heimatforscher weist aber auch von Vorfällen in Waldsassen und Erbendorf. In Waldsassen spricht Fähnrich von "Verdrängen und Vergessen" - bis heute. 1938 sei ein Transparent "Juda verrecke" über die Straße gespannt worden. Beim "Bäcker-Jud" und beim "Kaufhaus" wurden Scheiben eingeschlagen. Ganz anders in Erbendorf: Heinrich Tretter, Uralt-Parteimitglied, Bürgermeister der Stadt, einer der höchsten SA-Führer der Oberpfalz, verbietet seiner SA die Judenaktion. Er ist Gegner der Rassenlehre. Und die Befehlsverweigerung bleibt folgenlos.

Im Blickpunkt:

"Reichskristallnacht" im November 1938

Ursache: 7. November 1938 – Ermordung des Botschaftssekretärs E. von Rath in Paris durch den polnischen Juden Herzel Grynszpan. Anlass: Persönliche Rache; das Deutsche Reich hatte alle jüdischen polnischen Staatsbürger nach Polen ausgewiesen. Doch der polnische Staat nahm sie nicht auf. Die Eltern des Attentäters H. Grynszpan müssen im Grenzniemandsland dazwischen hausen… Reichsweiter Rassenhass – Kollektivstrafe wegen dieses Einzeltäters! Organisator – die NSDAP. 91 Menschen fanden den Tod, mehr als 30 000 wurden verhaftet und viele in Konzentrationslager eingeliefert. Synagogen und jüdische Friedhöfe, Wohn- und Geschäftshäuser beschädigt bzw. zerstört… Sondersteuer von einer Milliarde Reichsmark auf jüdisches Vermögen! Aus der „Judenbuße“ werden u.a. die Zugtransporte der KZ-Häftlinge bezahlt.)

(Auszüge aus Brockhaus Enzyklopädie, Mannheim 1990)

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