10.06.2020 - 14:37 Uhr
UrsensollenOberpfalz

Vor 100 Jahren muss die Brauerei Gehr in Ursensollen schließen

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Ausgetrunken, statt angezapft: Vor 100 Jahren macht die Brauerei Gehr in Ursensollen für immer zu. Aus dem Bierkeller wurde ein Fledermausquartier. Wie das alles so kam, klärt ein Blick in die Brauereigeschichte von Ursensollen.

Ein Detail aus einer Postkarte von 1916: Das alte Hofmarkschloss hieß bei den Ursensollner „Bräuhaus“. Das schöne Wirtshaus im Inneren war ein wunderbarer Treffpunkt. „Hier sitzen wir!“ , hat der Schreiber angefügt.
von Josef SchmaußerProfil

Üblicherweise besaßen die Hofmarken auch die Braugerechtigkeit. So wird es auch in der Hofmark Ursensollen der Fall gewesen sein, weiß Ortsheimatpfleger Josef Schmaußer. Erstmals wird mit der Witwe Franziska von Hetzendorf, kurfürstliche Hofkammerrätin von Sulzbach, ein schriftlicher Hinweis auf eine Brauerei in Ursensollen gegeben. Sie erwirbt am 3. März 1812 die niedere Jagdbarkeit auf den Hofmarksgründen von Ursensollen und das Brauhaus, Haus Nr. 51. Damit erwarb sie auch die reale Bräugerechtigkeit und die Brandweingerechtigkeit. Der nächste schriftliche Hinweis auf eine Brauerei in Ursensollen findet sich 1830. Laut Brief vom 21. Mai 1830 erwirbt der königliche Oberstleutnant Franz von Hötzendorf das Landgut oder die Hofmark Ursensollen "mit allen Zugehörigungen um 11 400 Gulden samt dem Acker ... und das Brauhaus mit den drei Kellern und sämtlichen Braurequisiten und Mobilienschaften ... um 1750 Gulden".

Die Ära Muggenthaler

Einige Aktenbündel des "Landgericht älterer Ordnung Nr. 2410" beschäftigen sich mit einer der interessantesten Familien, die im 19. Jahrhundert dieses ehemalige Hofmarkschloss bewohnte und die damalige Brauerei in Ursensollen prägte, der Familie Muggenthaler. Muggenthaler wurde 1823 in Waffenbrunn bei Cham geboren. Als 22-Jähriger fand er bei der hiesigen Schlossbrauerei eine Anstellung. Im Jahre 1845/46 wird in diesen Akten als Hofmarksbesitzer Regierungsdirektor Windwart genannt. Am 23. Juni 1845 findet sich in diesem Bündel das "Gesuch des Brauhauspächters Mathias Muggenthaler aus Waffenbrunn (Landkeis Cham), jetzt Ursensollen, um Ansässigmachung und Verehelichung mit Ursula Hofmann, Schneiderstochter von Ursensollen", verfasst beim Landgericht in Amberg. 851/52 wird Muggenthaler als Pächter des Brauhauses genannt. Der Schlossgarten, "Point" genannt, wird mit einem alten Keller ebenfalls gepachtet.

Das Umelsdorfer Kreuz ist etwas ganz Besonderes

Kastl im Landkreis Amberg-Sulzbach

Mathias Muggenthalers sozialer Aufstieg begann 1857. Er nahm eine hohe Hypothek auf sein Anwesen Haus-Nr. 50 in Ursensollen auf. Am 26. August 1857 kauft Mathias Muggenthaler um 16 350 fl (Gulden) die Hausnummer 51, das Schloss von der verwitweten Regierungsdirektiorenwitwe Therese von Windwart. Die Kaufkraft dieser Summe lässt sich auf heutige Verhältnisse schwerlich umrechnen. Ein "normales" Anwesen war damals schon für etwa 400 fl. zu erwerben. Mit diesem Kauf endete auch gleichzeitig eine Jahrhunderte lange Besitzergeschichte der Ursensollener Adelsgeschlechter. Mit Mathias Muggenthaler zog zum ersten Mal ein bürgerlicher Schlossherr in das Anwesen mit der Hausnummer 51 ein.

Ehrgeizig ging der neue Brauereibesitzer daran das inzwischen marode gewordene Anwesen wieder aufzuwerten. Die Errichtung einer Bierwirtschaft im Schloss und der Bau einer Kegelbahn waren richtungsweisend. Ebenso war er in den Folgejahren stets bemüht, das erworbenen Anwesen durch Grundstückserwerbungen ständig zu erweitern. Selbst sein soziales Engagement in Form von finanziellen Zuwendungen zum Bau des Expositurhauses in Ursensollen 1860 war nicht unerheblich.

Sozialer Aufstieg

Wie nahe auch in dieser Familie Freud und Leid zusammen lagen, zeigt das Jahr 1868. Im Februar dieses Jahres gebar Ursula Muggenthaler ihr 13. und letztes Kind. Ihr ältestes Kind, die Tochter Maria Elisabeth, brachte im März des gleichen Jahres ihr erstes Kind zur Welt. Doch schon wenige Wochen später mussten sowohl die Mutter als auch die Tochter ihr Kind zu Grabe tragen. Der Fahrtweg hinunter "zum herrschaftlichen Felsenkeller", heute "Kellerhäusl" genannt, gehört seit dem 24. März 1862 nun ebenfalls dem neuen Schlossbesitzer. Am 3. Dezember 1878 übergibt Mathias Muggenthaler seinem Sohn Josef Muggenthaler und dessen Braut Anna Holler die Anwesen 50, 51, 52 um den Betrag von 49 200 RM. Am 10. Januar 1879 heiratete Joseph Muggenthaler seine Braut Anna Holler, Bauerstochter aus Viehberg. Das Glück des jungen Paares sollte nicht lange dauern. Die Ehe blieb kinderlos, und Joseph verstarb bereits im Oktober des Jahres 1892. Nach der Notarsurkunde vom 22. Oktober 1892 übernimmt nach dem Ableben von Josef Muggenthaler seine Witwe Anna Muggenthaler als Eigentümerin den riesigen Besitz. Mathias Muggenthaler stirbt am 20. April 1887 im Alter von 64 Jahren in Ursensollen. Seine Frau Ursula überlebt ihren Mann bis wenigsten 1889, da bis dahin kein Sterbeeintrag festgestellt werden konnte.

Am 13. Juni 1901 heiratete die Witwe Anna Muggenthaler den Brauer Wolfgang Gehr aus Pfaffenhofen.Er hatte bei seinem Onkel Johann Baptist Gehr in Heimhof das Brauerhandwerk gelernt. Die Familie Gehr sind eine alte Brauersdynastie. 1847 kommen sie von Lauterhofen nach Pfaffenhofen. In Lauterhofen gab es die Brauerei Stepper-Gehr. Wolfgang Gehr war dreimal verheiratet. In 2. Ehe heiratete er am 13. Juni 1904 Maria Hofmann aus Flügelsbuch. Mit ihr hatte er acht Kinder. Nach dem Ersten Weltkrieg musste die Familie 1920 den Braubetrieb einstellen. Der 1907 geborene Sohn Max Gehr erbte die Brauerei. Er nahm den Betrieb nicht mehr auf.

Bäckerei eröffnet

Freud und Leid

Er eröffnete die Bäckerei Gehr. Der Bruder Karl Gehr wurde Braumeister bei der Brauerei Thurn und Taxis in Regensburg. Nach der Eröffnung der Lokalbahn Amberg-Lauterhofen im Dezember 1903 erlebte das Ursensollener Bier seinen letzten Triumph. Viele Gäste reisten mit der Lokalbahn an und genossen den süffigen, dunklen Trunk.

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