21.01.2021 - 10:10 Uhr
UrsensollenOberpfalz

50 Jahre als Magd in der Landwirtschaft

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Ihr ganzes Arbeitsleben steht Margaretha Lehmeier in Diensten. Eine schwere Jugend, folgt einer entbehrungsreichen Kindheit. Am 2. Februar 1949 kommt sie auf den Michlbauernhof. Ihre beste Zeit beginnt, wie sie ein halbes Jahrhundert später schildert.

Die Hochzeit von Fanny und Erwin Lachner im Herbst 1953. Die Magd Margaretha Lehmeier ist am Bildrand ganz links zu erkennen.
von Josef SchmaußerProfil

Ein sehr seltenes Jubiläum feierte am Lichtmesstag 1999 Margaretha Lehmeier. Seit dem 2. Februar 1949 war der "Michlbauernhof" in Stockau (Gemeinde Ursensollen) die Heimat der ehemaligen Magd. Mariä Lichtmess war früher einer der wichtigsten Tage im bäuerlichen Jahreslauf. Noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg war der 2. Februar der traditionelle Termin, an dem Dienstboten ihr Arbeitsverhältnis ändern konnten. 1949 wechselte die damals 28-jährige Magd auf den Hof von Franziska und Johann Feigl in der ehemaligen Gemeinde Zant.

Barfuß zur Kommunion

Margarethas Kindheits- und Jugendjahre sind ein tragisches Stück Lebensgeschichte, die einmal mehr die oft idealisierende Rückschau auf die "gute, alte Zeit" ad absurdum führen. Am 7. August 1921 erblickte Margaretha in Zapfl bei Utzenhofen das Licht der Welt. Ihre Eltern betrieben dort eine kleine Landwirtschaft. Als die Kleine eineinhalb Jahre alt war, verstarb ihre Mutter. Das neunjährige Mädchen musste erleben, dass die Familie das Elternhaus verlor. Der Vater fand eine kärgliche Anstellung als Hirte in Wirsfeld im Birgland.

Bezeichnend für die Armut in der Familie war, so erzählte die ehemalige Magd, dass sie bei ihrer Erstkommunion in Illschwang mit einem geliehenen Kommunionkleid und barfuß vor den Altar treten musste. Bald wurde Margaretha als Kindsmagd nach Wolfsfeld vermittelt. Zur Schule nach Kastl gingen die Kinder zu Fuß. Nach der Schule galt es, vier kleine Kinder zu beaufsichtigen und nebenbei Butter auszurühren. Das Butterfass war an einem Stuhl festgebunden, damit sie beide Hände zum Stampfen frei hatte und auch schnell die Kinder an die Hand nehmen konnte.

Nach ein paar Jahren kletterte das heranwachsende Mädchen auf die nächste Sprosse der Dienstbotenleiter hoch. Sie wurde als "Hüitmoidl" nach Heimhof vermittelt. Dort blieb sie bis zu ihrem 16. Lebensjahr. An Mariä Lichtmess 1938 wechselte sie als "ordentliche Magd" nach Freischweibach. Dort war sie die nächsten acht Jahre "verdingt".

"Nix zum Anzejhgn"

Die Zeiten waren schwierig. Lichtmess war auch Zahltag. Mit einem Teil ihres knappen Lohnes unterstützte sie noch ihre Familie, erzählt die ehemalige Magd ohne Bitternis in der Stimme. Es war einfach so. Auch sonst war dies ihre schwerste Zeit: "I hob fast nix zum Anzejhgn g'hat!" ("Ich hatte fast keine Kleidung.") Und der Bürgermeister gab ihr auf ihren Bezugsschein lange nicht die dringend benötigten Schuhe.

Nach dem Krieg diente Margaretha ein Jahr in Amberg. An Mariä Lichtmess vermittelte sie ihre Arbeitgeberin an ihren Bruder Johann Feigl auf den "Michlbauernhof" in Stockau. Es gab nun einen fest vereinbarten Jahreslohn und an Michaeli (29. September) ein "Drangeld" von 20 DM.

Was Heimat bedeutet

Auf dem "Michlbauernhof" gab es natürlich auch viel Arbeit, doch für die nun 28-Jährige begann jetzt ihr "schönstes Stückl vom Leb'n". Endlich durfte sie erleben, was Heimat bedeuten kann. Sie war nun nicht nur Magd, sondern wurde bis zu ihrem Tode am 29. November 2004 zum Familienmitglied. "Ich bleib da und ich will da auch absterb'n!", so erzählte sich bei einem Gespräch im Februar 1999.

Franziska (2. Januar 1928 bis 2. Januar 2020) und Erwin Lachner (21. Dezember 1927 bis 20. Mai 2012), die nächste Generation, nickten zustimmend. Im Herbst 1953 hatten die beiden geheiratet und Hof und wie selbstverständlich auch die "Gretl" mitübernommen. Genauso wurde es beim nächsten Besitzerwechsel am 1. Januar 1979 gehalten, als der Neffe Hans Meier mit seiner Frau von Tante und Onkel den Hof überschrieben bekam.

In dieser Zeit war Margaretha Lehmeier auch Zeugin des Strukturwandels in der Landwirtschaft. Trotz des schon 1953 angeschafften Traktors wurden auf dem Hof bis 1971 die Felder noch teilweise mit Rössern bestellt. Als die Lachners 2000 in Hohenkemnath ihr "Ausnahmshaus" bauten, zog die Gretl natürlich auch mit. "Iatz hom as wenigstens nimma so weit in 'd Kircha!", war ein Argument für den Ortswechsel.

Nichts vermisst

"As Heirat'n wär mir glei gôua niert eig'fall'n!", lachte die Gretl, als sie auf die Ehe angesprochen wurde. "I war nie auf da Musi. Und später war Krieg, dou hot's koa Musi geb'm!" Und überhaupt: "Wer hot denn schou so an ormen Teif'l ming?" Nein, sie vermisse wirklich nichts, beteuerte die damals 78-Jährige.

Franziska und Erwin Lachner und ihre "Gretl" traten immer im "Dreierpack" auf. Ob beim Kirchenbesuch, auf einer Kirchweih oder bei den Bergfesten. Auch die Mahlzeiten wurden gemeinsam eingenommen. "Ob wir fier zwoa oder fier drei kocha, des macht doch nu wirklich koan Unterschied." Ihre Hobbys am Lebensabend waren Lesen und Fernsehen. "Gibt es auch noch Wünsche für die Zukunft?" Bei dieser Frage musste die ehemalige Dienstbotin, die eben von einem dreiwöchigen Krankenhausaufenthalt heimkam, nicht lange überlegen: "Wieder ganz g'sund werd'n und nu a poar z'fried'ne Jôaha!" Diese waren der bescheidenen und beeindruckenden Persönlichkeit bis zu ihrem Sterbetag am 29. November 2004 vergönnt.

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Margaretha Lehmeier: „As Heirat’n wär mir glei gôua niert eig’fall’n. I war nie auf da Musi. Und später war Krieg, dou hot’s koa Musi geb’m.“
Franziska (rechts) und Erwin Lachner und ihre „Gretl“ traten immer im „Dreierpack“ auf: ob beim Kirchenbesuch, auf einer Kirchweih oder bei den Bergfesten.

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