12.10.2021 - 15:18 Uhr
VilseckOberpfalz

Premiere in der Heimat – Filmemacher Ludwig Wüst zu Gast bei "Kino.Kunst"

Ludwig Wüst kennt man gut bei den Hofer Filmtagen, sein „Aufbruch“ feierte bei der Berlinale Premiere. Für das Wochenende „Kino.Kunst“ kehrt er jetzt nach Vilseck zurück. Ein Gespräch über Heimat, Wurzeln und das Kino in schwierigen Zeiten.

Filmemacher Ludwig Wüst zeigt zwei seiner Arbeiten in Vilseck.
von Anke SchäferProfil

ONETZ: Herr Wüst, Herkunft, Fortgehen und Heimkommen spielen in Ihrem filmischen Werk immer wieder eine Rolle. Was bedeutet Ihnen Heimat?

Ludwig Wüst: Das ist schon eine wichtige, eine emotionale Sache, die auch mit Wurzeln zu tun hat. Das hat mir sehr geholfen in meiner Menschwerdung. Den Film „Das Haus meines Vaters“ zu drehen, war wichtig für mich. Ich lebe seit 34 Jahren in Wien, aber ich pflege den Kontakt zu meiner Heimat, bin 2 bis 3 Mal pro Jahr da. Das wird mit jedem Jahr wichtiger. Schlicht ist immer in mir.

ONETZ: Für die beiden Abende „Kino.Kunst“ kehren Sie zu Ihren Oberpfälzer Wurzeln zurück. Welche Gefühle begleiten Sie bei dieser Heimkehr?

Ludwig Wüst: Schöne Gefühle. Das ist eine spannende Sache und mit Aufregung verbunden, denn bisher weiß fast niemand in Schlicht und Vilseck, was ich in Wien so mache. Insofern ist es schon aufregend für mich, zu sagen: Hier, ich zeig euch meine Arbeit. Das ist eine echte Premiere in der Heimat.

ONETZ: Die Leinwand war nicht ihre erste berufliche Destination. War der Weg von der Schauspiel- und Gesangsausbildung zum Regisseur und Filmemacher eine logische Entwicklung?

Ludwig Wüst: Das war eine vollkommen logische Entwicklung. Ich bin ein Drilling, daher habe ich auch mindestens drei Berufe - Holzarbeit, Theater und Filmarbeit. Dazu kommt noch ein zusätzlicher Baustein: Ich war schon als Kind erkennbar malerisch begabt. Ein Malerei-Studium erschien mir aber nicht logisch, ich dachte, „das kannst ja schon“. Weil ich Schlicht eigentlich auch nicht verlassen wollte, beschloss ich mit 18 Jahren, Schreiner zu werden. Nach der sehr erfolgreichen Gesellenprüfung war da aber plötzlich der Gedanke, nach Wien zu gehen. Ich habe drei Mal in zwei Monaten geträumt, dass ich nach Wien gehe.

ONETZ: Das haben Sie dann auch tatsächlich getan?

Ludwig Wüst: Ja, ich wollte mich bei Bösendorfer (renommierte Traditions-Klavierfabrik, Anmerk.d.Red.) als Klavierbauer bewerben. Zufällig lernte ich aber schon am ersten Tag einen Studenten aus Bayern kennen, der mich in seine WG aufgenommen und dann zum Vorsingen für ein Musical eingeladen hat. Ich bin genommen worden, er nicht.

ONETZ: Und wie ging es weiter?

Ludwig Wüst: Ich habe mich dann an der Hochschule für die Fächer Musical, Schauspiel und Liedgesang beworben. Nach einem Jahr bin ich aber dort weg und habe privat Schauspiel und Gesang studiert. Nach meiner Abschlussprüfung 1990 bin ich zur Regie gewechselt, das andere konnte ich ja dann schon wieder. Damit war es für mich abgeschlossen. Bis 2000 war ich nur am Theater, parallel dazu habe ich in einem Atelier künstlerische Holzarbeiten gefertigt.

ONETZ: Wie kommen dann schließlich Kino und Film ins Spiel?

Ludwig Wüst: 1990 hat mich ein Besuch im Wiener Film-Museum so begeistert, dass ich zum Kinogänger wurde. 1998 gab mir meine Freundin das Buch „Der Fall Franza“ von Ingeborg Bachmann und sagte, lies es, das wird dein erster Film. Als ich dann nach Ägypten reiste, hatte ich das Buch dabei, las es tatsächlich und wie Saulus in der Wüste wurde ich zum Paulus des Kinos. 2001 reiste ich ein zweites Mal nach Ägypten, um nach dieser Vorlage „Ägyptische Finsternis“ zu drehen. Das war so ein starkes Erlebnis, da kam alles zusammen.

ONETZ: In „Aufbruch“ sind Sie männlicher Hauptdarsteller und Regisseur in Personalunion – ist es für Sie ein besonderer Spagat, zu agieren und sich dabei selbst quasi von außen zu beobachten?

Ludwig Wüst: Das war ein ganz schwieriger Spagat. Ursprünglich sollte ich nicht die Hauptrolle spielen, aber drei Monate vor Drehbeginn fiel der Hauptdarsteller aus. Zum Glück bestand großes Vertrauen zwischen mir, der Produzentin, dem Kameramann und der Hauptdarstellerin Claudia Martini. Wir haben jede Szene zu viert erarbeitet. Dadurch konnte ich alles sehen, korrigieren, weiterdenken. Das war eine einmalige Erfahrung. Mittlerweile habe ich mit Markus Schramm wieder einen genialen Schauspieler. Ich stehe lieber hinter der Kamera.

ONETZ: Das Kino hat ja schwere Zeiten hinter sich – wie haben Sie es erlebt und wie hat das Einfluss auf Ihre Arbeit genommen?

Ludwig Wüst: Diese Zeit ist noch nicht vorbei. Ich glaube auch nicht, dass es wieder so wird wie früher. Es war heftig. Aber ich hatte zwei Standbeine und Rituale: Jeden Morgen habe ich zwei Stunden an einem neuen Film geschrieben, danach habe ich Holzarbeiten im Atelier gemacht – das hat mich gerettet. Außerdem bin ich es gewöhnt, aus mir heraus schöpferisch zu sein. Ich glaube auch, dass die Pandemie eine Bewusstseinserweiterung bei den Leuten bewirkt hat, sie sind achtsamer geworden. Die Leute haben Sehnsucht nach Begegnung, aber die Angst steckt ihnen noch in den Knochen.

ONETZ: So langsam kommt wieder Bewegung in die Branche – auch für Autorenfilme oder doch vorwiegend nur für Blockbuster à la James Bond?

Ludwig Wüst: Bond ist ein Selbstläufer, aber ich glaube, auch da werden weniger kommen als üblich. Für das Autorenkino wird es noch schwieriger. Das Problem ist aber hausgemacht und begann schon früher: Seit zehn Jahren setzen die Verleiher verstärkt auf Kommerz und Komödie, selbst der Gewinner der Goldenen Palme (Preis der Filmfestspiele von Cannes, Anmerk.d.Red.) läuft gerade einmal eine Woche im Kino. Nötig wären aber Minimum vier Wochen. Corona hat diese Entwicklung nur brutal beschleunigt.

ONETZ: Könnten Arbeiten für Streaming-Dienste wie Netflix, Sky und Co. zukünftig Ihr Portfolio ergänzen oder kommt das überhaupt nicht in Frage?

Ludwig Wüst: Das hat sich ergeben, dass die Leute lieber zuhause auf ihren Riesenbildschirmen schauen. Ich habe auch so einen Riesenbildschirm. Aber das Erlebnis des Kinos ist nicht zu ersetzen. Bei meinem 2018 erschienenen Film „Aufbruch“ folgte auf die Uraufführung bei der Berlinale das Streaming durch den Verleiher. Der 2009 erschienene Film „Koma“ lief übrigens schon seinerzeit als erster Film beim Streaming-Dienst „Mubi“ als Video-on-Demand. Und auch „3.30 PM“ wird es als Streaming geben. Die Antwort lautet also : Ja, das kommt in Frage.

TV-Film "Geliefert": Dreh in Weiden

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Zu Person und Veranstaltung

  • Ludwig Wüst, geboren in Schlicht, lebt seit 1987 in Wien, seit 1990 arbeitet er als Regisseur, Autor, Schauspieler, seit 1999 als Filmemacher
  • für Theater und Oper hat er 40 Produktionen in Wien, Leipzig, Berlin, München und Frankfurt gemacht, seine Filmographie umfasst 12 Filme
  • bei den Hofer Filmtagen und der Berlinale mit Beiträgen vertreten
  • Programm "Kino.Kunst": Freitag, 22. Oktober, 20 Uhr "Das Haus meines Vaters" mit Gespräch mit Hofer-Filmtage-Intendant Thorsten Schaumann , Samstag, 23. Oktober, 20 Uhr "Aufbruch", jeweils im Kulturkasten Burg Dagestein Vilseck
  • Tickets www.nt-tickets.de
In seinem Film "Aufbruch" versammelt Ludwig Wüst seine drei Berufe: Schreiner, Schauspieler und Regisseur.

 

 

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