05.10.2021 - 13:23 Uhr
VilseckOberpfalz

Auf den Spuren des Nachtwächters in Vilseck

Seit 27 Jahren ist Josef Eierer als Nachtwächter Tschung in Vilseck unterwegs. Trotz hohen Alters und gesundheitlichen Einschränkungen gibt er Führungen durch die historische Altstadt. Nur Corona bremste den 87-Jährigen etwas ein.

Nachwächter Tschung vor dem Wünneberghaus in Vilseck.
von Mareike Schwab Kontakt Profil

Langsam und leicht gebückt bringt Josef Eierer seinen Rollator in Position. Dann richtet er sich stolz auf und rückt seinen braunen Filzhut zurecht. Hinter ihm ragt der Vogelturm von Vilseck empor. Die Abzeichen an seiner ärmellosen Weste glitzern in der Sonne. Energisch pustet er in das kleine metallene Horn, das um seinen Hals hängt – das Nachtwächterhorn. Ein lauter Ton schallt über den Marktplatz. Dieses Signal kennt in Vilseck jedes Kind. Es bedeutet, dass Nachtwächter Tschung wieder Besucher durch die historische Altstadt von Vilseck führt.

Schon seit 27 Jahren zieht Josef Eierer als Nachtwächter durch die Stadt. Früher natürlich noch ohne Rollator. Aber auch ein Nachtwächter wird älter. 87 Jahre ist Tschung. Gesundheitlich mittlerweile etwas eingeschränkt. Doch an Aufhören sei nicht zu denken. Kurzerhand funktionierte er seinen Rollator in einen Nachtwächter-Wagen um. Vorne im Korb ist seine Laterne verstaut. Ein Draht an der Seite hält seine Hellebarde, eine mittelalterliche Waffe, in der Gehstock-Halterung. So läuft er von Tor zu Tor und von Turm zu Turm. Immer auf den Spuren des Nachtwächters. Dabei erzählt er Anekdoten aus der Geschichte von Vilseck und sagt Gstanzl oder Witze auf. Immer im tiefsten Oberpfälzer Dialekt. "Er hat ein Mundwerk wie ein Junger", scherzt eine Passantin im Vorbeigehen.

Vilsecker Urgestein

In Vilseck kenne jeder jeden. Und vor allem kenne jeder Tschung. Er ist ein Vilsecker Urgestein, sagt die Passantin. Das wird auch klar, als der 87-Jährige in die Herrengasse weiterzieht. Ein Servus hier. Ein flapsiger Spruch da. Keiner wundert sich, dass in der strahlenden Mittagssonne ein Nachtwächter durch Vilseck geht.

Vor 27 Jahren hat Tschung mit zwei Führungen pro Jahr gestartet. Eine zu Fasching und eine zu Silvester. Vor Corona war der Vilsecker oft mehrmals die Woche unterwegs, auch tagsüber. Der 87-Jährige passt sich gerne zeitlich an sein Publikum an. "Als Rentner hab ich Zeit", sagt Tschung. Auch die in Vilseck stationierten US-Soldaten kennen den Nachtwächter. Zusammen mit der Übersetzerin Christa Zeilmann gibt Tschung Führungen auf Englisch. Die Wappen und Anstecker an seiner Weste hat er größtenteils von Soldaten der US-Armee, die ihm begeistert lauschten. In diesem Jahr hatte er nur selten die Möglichkeit, eine Führung zu geben. Wegen Corona. Aber so langsam kann er wieder starten.

Spitzname aus der Jugend

Doch warum Nachtwächter Tschung? Nicht Josef oder Sepp? "Ich war einer der besten Tormänner, die Vilseck je gesehen hat. Ich war gern ein Flieger", setzt Tschung zur Erklärung an. Immer wenn der Ball Richtung Tor geflogen sei, dann haben die Zuschauer Tschuuung gerufen. Das sei dem Geräusch des Balles nachempfunden, wenn dieser an den Leuten vorbei sauste. "Wie Wummm oder Bumm", sagt der 87-Jährige. Irgendwann hieß Josef Eierer nicht mehr nur auf dem Fußballplatz Tschung. Seit seiner Jugend wurde er den Namen nicht mehr los. "Die Leute wissen oft gar nicht, wie ich richtig heiße", sagt der Nachtwächter und lacht.

Nachtwächter gibt es laut Tschung schon so lange wie es Vilseck gibt – über 1000 Jahre. Der Nachtwächter sei früher mit der wichtigste Mann der Stadt gewesen. "Er war verantwortlich für Mensch und Tier, für Hab und Gut", erklärt Tschung. Jeden Tag lief er von neun Uhr abends bis drei Uhr in der Früh durch die Straßen. Jede Stunde musste er seinen Nachtwächterspruch aufsagen. "Ein Vierzeiler, wie ein Gebet. Er wird halb geschrien, halb gesprochen und halb gesungen", sagt Tschung. Er müsse so laut sein, damit ihn auch die schlafenden Menschen in den Häusern hören. So wussten die Bewohner, wie spät es ist. Es habe nämlich noch keine Uhren gegeben und viele Bauern mussten schon früh raus, um ihre Tiere zu versorgen, erklärt Tschung. "Hört ihr Leut´ und lasst euch sagen die Glocken am Vogelturm ham Neune geschlagen", ruft Tschung auf seinem Weg zur Burg Dagestein.

Trinksprüche, Fakten und Gstanzl

Über die jährliche Burg-Kirwa kann Tschung viele Geschichten erzählen. "Was da im Stodl scho gesoffen worden is, da kannst den halben Turm mit Bier füllen", scherzt er. Dann sagt er routiniert, mit melodischer Stimme einen Spruch über den Nachtwächterturm auf. "Ich hör jetzt auf zum dichten, ich muss nämlich mein Freibier a no vernichten", endet Tschung fehlerfrei mit seinem zwei Minuten langem Gstanzl.

Der Nachtwächter kennt aber nicht nur Trinksprüche und witzige Geschichten, er kann auch historische Zahlen und Fakten rund um die Stadt wiedergeben. Alles was Tschung auf seiner Führung erzählt, habe er aus der Stadtchronik. "Ich hab' mir das alles angeeignet. Wenn man sich das dreimal durchliest, dann hat man das schon drinnen", sagt Tschung. Zum Teil habe er die Geschichten auch selbst miterlebt. Sein Vater und sein Großvater waren Totengräber in Vilseck. Der Friedhof war quasi Tschungs Kinderspielplatz, erzählt er auf seinem Weg durch die Stadt.

Erst, wenn es gar nicht mehr geht

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Vilseck 16 Wirtshäuser. "Der Goldene Hahn, Der blecherne Reiter, Café Hemd hoch", erinnert sich Tschung. Zur Rock-´n´-Roll-Zeit sei damals in der Stadt einiges los gewesen. Auch Tschung tanzte oft zusammen mit seiner Frau die Nächte durch.

Auch in seinen späteren Jahren, als Nachtwächter, sei er viel unterwegs gewesen. Auf Messen in Nürnberg und Regensburg und auf zahlreichen Burgfesten in der Region. Das gehe heute nicht mehr so. Der 87-Jährige höre aber erst auf, Nachtwächterführungen zu geben, wenn es gesundheitlich gar nicht mehr geht, oder wenn mit der Familie etwas sei. Sonst fühle er sich daheim unausgelastet. "Wenn ich kriechen muss, dann krieche ich auch noch rum. Weil die Leute das wollen. Mir gefällt es auch", sagt Tschung lachend.

Vilseck - Eine Stadt, umgeben von Sagen, Mythen und Heavy Metal

Vilseck
Josef Eierer als Nachtwächter Tschung in Vilseck.

"Wenn ich kriechen muss, dann krieche ich auch noch rum. Weil die Leute das wollen."

Josef Eierer

Service:

Nachtwächterführung buchen

"Hört ihr Leut´ und lasst euch sagen ..." heißt die Führung mit Nachtwächter Tschung durch die mittelalterliche Altstadt von Vilseck. Interessierte können die Führung ganz einfach für Klassentreffen, Familienfeiern und Vereinsfeste über das Tourismusbüro der Stadt Vilseck (09662/9916) buchen. Zusammen mit einer Dolmetscherin gibt Tschung auch Touren auf Englisch. Ein Rundgang durch die Stadt dauert circa eine Stunde.

 

 

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