06.08.2021 - 18:32 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Anwälte sauer und sicher: Smartphone des Toten entlastet Mandanten

Rund 30 Beweisanträge haben die Verteidiger der drei Angeklagten im Flutkanal-Prozess bislang eingebracht. Die große Strafkammer des Landgerichts Weiden lehnte alle ab. Doch nie waren die Anwälte so empört wie beim letzten Mal.

Wann genau ertrank Moritz G. in diesem Bereich des Flutkanals? Diese Frage treibt vor allem die Anwälte der drei Angeklagten um.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Der 13. Verhandlungstag um den Tod des 21-jährigen Moritz G. im Weidener Flutkanal im September 2020 soll am Donnerstag eigentlich mit Plädoyers beginnen. Am 20. August ist die Urteilsverkündung angesetzt. Doch zu Beginn der Sitzung holen die Verteidiger noch einmal eine Karte aus dem Ärmel, die sie für ein Trumpf-Ass halten.

Eine Woche zuvor haben sie Kopien der Festplatte des Smartphones von Moritz G. angefordert und anschließend bekommen. Bei der Auswertung stießen die Verteidiger um den Regensburger Florian Münch dann auf etwas, das sie als Sensationsfund präsentieren: Die Gesundheits-App im I-Phone Xs von Moritz G. hat am 12. September 2020 zwischen 9.08 und 09.12 Uhr 152 Schritte aufgezeichnet. Dabei seien 120 Meter zurückgelegt und ein Stockwerk Höhenunterschied registriert worden.

Tod erst am Folgetag?

Damit sei der Fall klar: Moritz G. ist nicht am Abend zuvor innerhalb von drei bis fünf Minuten ertrunken, als er im Vollrausch gegen 22.21 Uhr in den Kanal fiel. Er habe am nächsten Tag noch gelebt. Das stütze die Aussage der Angeklagten Ariane I. (22), Alex B. (24) und Gerhard Z. (25), Moritz habe sich im Wasser schwimmend fortbewegen können, sei später sogar nochmal am Ufer gesessen und habe nicht mit nach Sulzbach nach Hause fahren wollen. Vielmehr habe Moritz am Ufer seinen Rausch ausgeschlafen und am nächsten Morgen versucht, die Uferböschung raufzusteigen und sei dabei ins Wasser gefallen. Daher sei die Verhandlung zu unterbrechen und ein externer Gutachter hinzuzuziehen, nämlich ein Ingenieur der Firma Apple, der das Bewegungsprofil im Smartphone genau erklären könne.

Als Verteidiger Jan Bockemühl dies vorträgt, wählt er die akademische Pose. Er zitiert Ikonen der deutschen Rechtsgeschichte: Max Alsberg, Ernst Beling. Auch Friedrich Nietzsche packt er drauf. Der Auftritt ist der Kontrapunkt zum Plädoyer von Staatsanwalt Bernhard Voit eine Woche zuvor. Der hatte sehr volkstümlich seine Forderung nach langen Haftstrafen formuliert: "Man hat einen Kumpel absaufen lassen."

Für den Fall, dass den Verteidigern ihre Trumpfkarte in Form einer Ablehnung aus der Hand genommen werden sollte, schickt Bockemühl eine Warnung in Richtung Richterbank: Wenn weiter mit aller Kraft alle Beweisanträge zurückgewiesen würden, gerate das ganze Strafprozesssystem ins Wanken. Überhaupt sei die Kammer um den Vorsitzenden Gerhard Heindl voreingenommen, weil sie sich an bestimmte Sachverhalte klammere und neue Beweismittel nicht zulasse. Bockemühl bemüht dazu einen Begriff aus der Psychologie: Die Richter hätten sich dem Inertia-Effekt (siehe Hintergund) ergeben.

Staatsanwalt bleibt skeptisch

Davon unbeeindruckt ist Oberstaatsanwalt Voit: Wenn Moritz tatsächlich am Ufer seinen Rausch ausgeschlafen hätte, sei es doch sehr verwunderlich, dass er ausgerechnet am Folgetag im halbwegs ausgenüchterten Zustand in den Kanal gestürzt und im flachen Wasser ertrunken sei. Die Atmosphäre ist gereizt. Bockemühl nennt Voits Argument "Taschenspielertrick". Moritz habe eine immense Promillezahl im Blut gehabt. Danach ist die Sitzung für vier Stunden unterbrochen.

In der Zwischenzeit macht sich eine leicht triumphalistische Stimmung auf der Angeklagten- und Verteidigerseite breit. In ersten Interviews ist von "Paukenschlag" und "Wende" im Prozess die Rede.

Nach der Pause schlägt diese Stimmung in Empörung um, denn die Kammer lässt den Antrag abblitzen. Neben einem formellen Fehler liefert sie mehrere Begründungen: Das Smartphone habe einen Wasserschaden gehabt. Als es der Polizei übergeben wurde, sei es in "undefinierbarem Betriebszustand" gewesen, folglich sei es wahrscheinlich, dass Systemzeit und Realzeit nicht übereinstimmten. Ferner könnten die Schritte in der Polizeidienststelle aufgezeichnet worden sein, als die Daten extrahiert wurden. Außerdem sei das Gerät repariert worden. Dabei wurden offenbar Teile ausgewechselt. Ein neuer Sachverständiger könne wenig zur Klärung beitragen, da er den Fall nicht kenne. Somit werde diese Forderung ebenfalls abgelehnt.

Apple-Experte soll kommen

Die Verteidigerseite ist entsetzt. "Rechtswidrig", schimpft Bockemühl. "Das kann man nicht machen", protestiert Burkhard Schulze. Von Ariane I. ist "Justizskandal" zu hören. In abgeänderter Form versuchen die Anwälte erneut, den Stich zu machen. Sie wollen IT-Forensiker Kai Himmelhuber vom Polizeipräsidium Regensburg und Gerichtsmediziner Dr. Peter Betz im Saal sehen, um sie vor allen zu befragen. Auf diese beiden Experten stützen die Richter ihre Begründung der Ablehnung.

Dass ihnen diese Befragung verwehrt wird, löst weiteres Kopfschütteln bei den Advokaten aus. Noch mehr aber die Verweigerung des Apple-Ingenieurs als Gutachter. "Herr Himmelhuber hat selbst gesagt, dass ein Apple-Techniker Genaueres aus dem Smartphone herauslesen kann als er", beschwert sich Tobias Konze.

Die Anwälte bohren nach Ungereimtheiten. Das moderne Smartphone unterscheide bei Bewegungen zwischen Gehen, Schwimmen und Joggen. Außerdem würde ein lebloser Körper untergehen und nicht Bewegungen erzeugen. Warum sei sich also der Gerichtsmediziner sicher, dass Moritz unmittelbar nach dem Sturz ertrunken sei, das Gerät aber Stunden später noch Schritte aufzeichne?

Dass Moritz mit irgendwelchen Fremden weitergesoffen oder Cannabis zu sich genommen habe, nachdem ihn seine "Freunde" zurückgelassen hatten, sei keineswegs ausgeschlossen, erklärt Schulze. Der junge Mann habe trotz seiner Diabetes regelmäßig harte Sachen hinuntergestürzt.

Dass die Richter dies alles anders bewerten, veranlasst Bockemühl zu einer Ankündigung: Die Sache werde ein Fall für den Strafsenat des Bundesgerichtshofs in Leipzig, sprich Revision. Am 13. August wird die Verhandlung fortgesetzt. Mit den Plädoyers der Verteidiger - oder mit neuen Beweisanträgen.

Die Plädoyers im Flutkanal-Prozess

Weiden in der Oberpfalz
Jan Bockemühl vertritt die weibliche Angeklagte im Flutkanal-Prozess.
Hintergrund:

Inertia-Effekt

Die Strafverteidiger im Flutkanal-Prozess werfen Richtern und Staatsanwalt vor, den Inertia- oder Trägheitseffekt zu zeigen. Damit bezeichnet man das psychologische Phänomen, dass einmal getroffene Entscheidungen von Menschen auch gegen widersprechende Informationen weitgehend immun bleiben. Dabei wird der Wert von Informationen, die der präferierten Alternative oder Hypothese entsprechen, überschätzt, während der Wert entgegengerichteter Informationen unterschätzt wird. Zustande kommt dieser Trägheitseffekt durch die Anpassung von subjektiven Wahrscheinlichkeiten. Statistisch betrachtet werden durch den Trägheitseffekt meist bei einer Verknüpfung von Wahrscheinlichkeiten falsche Resultate hervorgebracht.

Quelle: Stangl, W. (2021). Stichwort: 'Inertia-Effekt - Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik'. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. https://lexikon.stangl.eu/19187/inertia-effekt/(2021-08-06)

 

 

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