Weiden in der Oberpfalz
30.06.2022 - 15:06 Uhr
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Autokennzeichen sind für viele Oberpfälzer ein Bekenntnis zur Heimat

Nabburger oder Schwandorfer? Eschenbacherin oder Neustädterin? In der Oberpfalz wird die Kennzeichen-Wahl schnell zu einem Bekenntnis zur Heimat. Nummernschilder sind Aushängeschilder – das berichtet auch Kennzeichendrucker Dieter Held.

Dieter Held steht in seinem Imbiss am ZOB, gerade holt er die fertigen Pommes aus der Fritteuse, dann geht's für ihn eine Haustür weiter: Es müssen neue Kennzeichen gedruckt werden. "So in etwa schaut mein Arbeitsalltag aus, ja", antwortet Held. Der 55-Jährige betreibt seit 33 Jahren den Imbiss am Zentralen Omnibusbahnhof in Weiden. Seine Kunden bekommen von ihm ein Thunfisch-Sandwich, Schaschlik mit Pommes, ein Paar Käsegriller und seit sieben Jahren eben auch ein frischgedrucktes Kennzeichen für ihr Auto. "Die Kennzeichen-Stelle am ZOB gibt es bestimmt schon seit 30 Jahren", sagt Held. Seit ein paar Jahren hat er neben seinem Imbiss nun auch diese Aufgabe übernommen und betreibt sogar eine Zulassungsstelle. "Wir bieten also einen Rund-um-Service", erklärt er und fügt an: "Bestimmt 90 Prozent der Menschen wollen ein Wunschkennzeichen."

Die Einschätzung von Dieter Held zeigt schon: Es ist vielen Menschen eben nicht egal, mit welchem Kennzeichen sie in der Gegend herumfahren. Ein Kennzeichen ist für viele ein wichtiges Aushängeschild, auf dem sie auch gerne persönliche Daten preisgeben wie Teile von Geburtsdaten oder die Initialen des eigenen Namens. Und es ist auch oft ein Bekenntnis zu der ganz individuell empfundenen Heimat. Denn seit Anfang Juni 2013 werden wieder Kennzeichen mit den Ortskürzeln ehemaliger Landkreise ausgegeben, die im Zuge der Gebietsreform vor 50 Jahren weggefallen waren – auch in der Oberpfalz. "In Bayern wurden in insgesamt 52 Landkreisen 100 Altkennzeichen, die ursprünglich nicht mehr neu ausgegeben werden durften, wieder zugelassen und können als Wunschkennzeichen zugeteilt werden. Bei der Zahl ist zu berücksichtigen, dass viele Unterscheidungszeichen aufgrund der Aufteilung der ehemaligen Landkreise in mehreren Zulassungsbezirken freigegeben wurden. So ist beispielsweise das Kennzeichen ESB des ehemaligen Landkreises Eschenbach jetzt in den Landkreisen Bayreuth, Amberg-Sulzbach, Neustadt/WN und Nürnberger Land als Wunschkennzeichen erhältlich", erklärt eine Sprecherin des bayerischen Verkehrsministeriums auf Anfrage von Oberpfalz-Medien.

Verbundenheit mit der Kommune

Und genau diese breite Auswahlmöglichkeit zwingt nun viele Menschen dazu, sich zu bekennen. 50 Jahre nach der Gebietsreform in Bayern – schlägt das Herz eher für den Alt-Landkreis oder die neue Variante, die damals in München festgelegt wurde? Fühlt sich der Autofahrer eher als Nabburger oder Schwandorfer, ist die Autofahrerin eigentlich eine echte Eschenbacherin oder doch eine Neustädterin? "Die ESB- beziehungsweise VOH-Kennzeichen werden ganz überwiegend von Personen aus den jeweiligen Städten, also Eschenbach beziehungsweise Vohenstrauß, genommen, um die Verbundenheit mit ihrer Kommune zu zeigen. ESB wird übrigens auch in Windischeschenbach recht oft gewünscht, da sich die dortigen Einwohner auch als 'Eschawecka' bezeichnen", erklärt Claudia Prößl, Pressesprecherin des Landratsamtes Neustadt/WN. In der Stadt Kemnath im Landkreis Tirschenreuth haben die KEM-Kennzeichen die TIR-Schilder nach rund neun Jahren schon fast überholt. Bis Ende Juni wurde in der Stadt selbst 2985 Mal KEM zugelassen und 3065 Mal TIR. Auch diese Aussage und die Zahlen zeigen: Eine Kennzeichen-Wahl ist oftmals als Bekenntnis zur Heimat, die auch persönlich als solche empfunden wird, zu verstehen.

Und es ist eine Entscheidung, die einem unfreiwillig einen neuen Spitznamen einbrocken kann. So gilt man mit einem TIR am Auto schon einmal gerne als "Trottel im Ruhestand", mit einem NEW bist du "Noch ein Wilder" und mit einem SAD am Kennzeichenschild sogar der "Schlechteste Autofahrer Deutschlands". Viele Sprüche rund um die Kennzeichen genießen Kult-Status – Urheber sind zumeist die Autofahrerinnen und Autofahrer aus den umliegenden Landkreisen und Städten. Ausgeschlossen werden kann auf jeden Fall, dass Menschen aus VOH einem "Volk ohne Hirn" angehören – das wäre zum einen eine biologische Sensation und zum anderen hat der Spruch natürlich keine Berechtigung. Doch sind die Schwandorfer wirklich die untalentiertesten Autofahrer Deutschlands?

Blicken wir doch mal auf die Schwarmintelligenz. Die Website "fahrerbewertung.de" bietet die Möglichkeit, Autofahrer zu bewerten. Userinnen und User können Kennzeichen eingeben, eine rote, gelbe oder grüne Bewertung abgeben und nach Wunsch noch Farbe und Marke des Autos sowie Details zum Fahrverhalten eingeben. Das Gesamtergebnis ist natürlich nicht repräsentativ, aber trotzdem interessant: Glaubt man der Statistik nach Kennzeichen-Kürzel auf der Seite, können die "Trottel im Ruhestand" verdammt gut Auto fahren. TIR liegt nämlich hier mit einer Note von 2,1 bundesweit auf Platz eins. Danach folgen übrigens WEN auf dem zweiten Platz, NEW auf Rang drei und KEM auf Platz vier. ESB ist Sechster. ROD (Platz elf), NEN (Platz 13) und VOH (Platz 15) haben es in die Top-20 geschafft. SAD liegt mit der Note 3,1 auf Rang 99 – die Schwandorfer schaffen es also immerhin noch in die Top-100. Die "schlechtesten Autofahrer Deutschlands" kommen laut Angaben von "fahrerbewertung.de" aus dem Unterallgäu – die Mindelheimer (MN) landen auf dem 738. und letzten Platz mit einer Note von 5,2.

Vier Landkreise im Vergleich

Vergleichen wir jedoch die vier Landkreise unserer Region – also Amberg-Sulzbach, Schwandorf, Neustadt/WN und Tirschenreuth – untereinander, schneidet das Schwandorfer Kennzeichen-Kürzel im offiziellen Sicherheitsbericht der Polizei aus dem vergangenen Jahr am schlechtesten ab. Auf 1000 Unfälle kommen im Schnitt 34,4 mit dem Kennzeichenbeginn SAD, 32,3 mit dem Kürzel NEW, 30,5 mit dem Kürzel TIR und 28,4 mit dem Kürzel AS. Die Polizei betont aber auch: "Hinsichtlich der Bewertung der absoluten Unfallzahlen muss jedoch das Verkehrsaufkommen und die Bevölkerungsdichte berücksichtigt werden", und fügt an: "Eine allgemeine Aussage, in welchem Landkreis es sicherer ist, sich mit dem Auto fortzubewegen, lässt sich grundsätzlich nicht treffen, da die Unfallursachen sehr vielfältig sind. Aus polizeilicher Sicht kann festgestellt werden, dass es sich auf den Oberpfälzer Straßen sicher am Straßenverkehr teilnehmen lässt."

Auch sicher ist: Dieter Held wird in den nächsten Monaten und Jahren nicht langweilig. Denn der Kennzeichen-Drucker aus Weiden erklärt: "Wir merken auch, dass jetzt vermehrt E-Kennzeichen verlangt werden." Das bedeutet für ihn: Viele alte Kunden werden wieder zu neuen, wenn sie von einem Verbrenner zu einem E-Auto wechseln. Denn obwohl es freiwillig ist, wollen dann doch alle das E im Kennzeichen stehen haben. Auch dieses Beispiel zeigt: Nummernschilder sind Aushängeschilder. Und vielen Menschen ist es eben nicht egal, mit welchem Kennzeichen sie unterwegs sind.

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Oberpfalz30.06.2022
Oberpfalz30.06.2022
Hintergrund:

Bekannte Kennzeichen-Sprüche der Region

  • NEW: Noch ein Wilder
  • WEN: Wieder ein Narr
  • VOH: Volk ohne Hirn
  • SAD: Sau auf Durchfahrt
  • SAD: Schlechtester Autofahrer Deutschlands
  • TIR: Trottel im Ruhestand
Hintergrund:

Wo kommt der/die denn her?

Diese Landkreise und Städte stecken hinter den Kennzeichen-Kürzeln:

  • TIR: Tirschenreuth
  • KEM: Kemnath
  • WEN: Weiden in der Oberpfalz
  • NEW: Neustadt an der Waldnaab
  • VOH: Vohenstrauß
  • ESB: Eschenbach
  • AM: Amberg
  • AS: Amberg-Sulzbach
  • SUL: Sulzbach
  • SAD: Schwandorf
  • NAB: Nabburg
  • OVI:Oberviechtach
  • BUL: Burglengenfeld
  • NEN: Neunburg vorm Wald
  • ROD: Roding
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