29.04.2021 - 18:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Ertrunkener am Flutkanal in Weiden: Prozess beginnt im Juni

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Es dürfte das längste Strafverfahren am Landgericht Weiden in diesem Jahr werden. An elf Verhandlungstagen will das Schwurgericht ab Mitte Juni herausfinden, warum drei junge Leute einen Freund im Flutkanal mutmaßlich ertrinken ließen.

Ein Kreuz am Flutkanal nahe der Friedrich-Ebert-Straße erinnert an den jungen Mann, der dort im September 2020 ertrunken ist. Die näheren Umstände versucht ein Strafverfahren zu klären, dessen Hauptverhandlung am 15. Juni am Landgericht Weiden beginnt.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Was genau geschah in der Nacht vom 11. auf 12. September 2020 entlang des Flutkanals in Höhe Parkhaus und Kindergarten St. Michael? Warum ertrank ein 21-Jähriger aus Sulzbach-Rosenberg? Und warum wählten seine drei Begleiter erst am Nachmittag des folgenden Tages den Notruf?

Diese Fragen versucht das Schwurgericht ab Juni zu klären. Weil dies nicht einfach sein dürfte und wohl auch weil eine ganze Armada an Anwälten mit im Saal sein wird, hat das Landgericht viele Verhandlungstage angesetzt. Die Hauptverhandlung beginnt am 15. Juni. Bis spätestens 8. Juli soll es ein Urteil geben, teilt Gerichtssprecher Matthias Bauer auf Anfrage von Oberpfalz-Medien mit.

Angeklagt sind ein 24-jähriger und ein 25-jähriger Mann aus Sulzbach-Rosenberg sowie eine 22-jährige Frau, die zuletzt in Weiden wohnte.

Ihnen wird Totschlag durch Unterlassen vorgeworfen. Eventuell könnte auch Aussetzung mit Todesfolge infrage kommen. Damit droht allen dreien eine längere Haftstrafe.

Vollrausch trotz Diabetes

Für die Staatsanwaltschaft Weiden stellt sich der Fall ungefähr so dar: Am 11. September fuhren die drei jungen Männer aus Sulzbach nach Weiden, um mit ihrer dort lebenden Freundin auszugehen. Das Auto stellten sie im Parkhaus in der Friedrich-Ebert-Straße ab. Ihr Ziel war eine Shisha-Bar am 200 Meter entfernten Schlörplatz.

Im Lokal animierten einer der Männer und die Frau den später Ertrunkenen fortlaufend zum Trinken – in Kenntnis, dass er Diabetiker war und wenig Alkohol vertrug. Sie schenkten ihm nach, obwohl sie auch wussten, dass der Freund schon im Auto auf der Fahrt nach Weiden eine Flasche Weißwein geleert hatte.

Die drei Begleiter blieben nüchtern beziehungsweise leicht angetrunken. Das spätere Opfer wies jedoch zu diesem Zeitpunkt mindestens 2,39 Promille im Blut auf. Er soll zu diesem Zeitpunkt auch aufgrund eines Cannabisprodukts völlig neben sich gewesen sein.

Alle vier machten sich gegen 22 Uhr auf den Weg zurück zum Parkhaus. Dort unterhielten sich die drei Begleiter des Volltrunkenen noch kurz. In dieser Zeit torkelte der Vierte Richtung Friedrich-Ebert-Straße.

"Mir geht's nicht gut"

Was dann passierte, wird im Mittelpunkt des Prozesses stehen. Der Betrunkene stürzte unter ungeklärten Umständen die Böschung am Flutkanal hinunter. Die drei Angeklagten bemerkten dies. Zwei davon stiegen zu dem Hilflosen hinunter, der Dritte bat von oben, sich um den Gestürzten zu kümmern.

Ein paar Minuten später soll der Betrunkene zu der jungen Frau gesagt haben: "Mir geht's nicht gut." Das quittierten die anderen laut Staatsanwaltschaft mit Gelächter. Die Frau filmte dieses Geschehen sogar, wobei das Opfer kaum den Kopf heben konnte und auf dem Bauch lag. Der Hauptvorwurf der Anklage: Das Trio zog den Betrunkenen nicht weg vom Wasser, in dessen Nähe er lag.

So kam es dazu, dass der Gestürzte sich aufrichten wollte, bei diesem Versuch aber mit dem Rücken voran in den Flutkanal fiel. Auch dies wurde kurz mit dem Handy gefilmt.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten die drei aber erkennen müssen, dass der im Wasser Treibende ohne ihre Hilfe zu ertrinken drohte, was wenig später auch geschah. Trotzdem setzten sie sich gegen 22.45 Uhr ins Auto und fuhren nach Hause.

Dieses Knäuel zu entwirren, wird Aufgabe von Landgerichtspräsident Gerhard Heindl sowie der Richter Oliver Gruber und Matthias Bauer sein. Hinzu kommen zwei Laienrichter. Auf der Gegenseite hat jeder der drei Beschuldigten zwei Verteidiger. Es sind die Rechtsanwälte Christian Krause aus Nürnberg, Florian Münch aus Regensburg, Tobias Konze aus Weiden, Andre Miegel aus Duisburg, Burkhard Schulze aus Weiden und Jan Bockemühl aus Regensburg.

Weitere Hintergründe zu den Ermittlungen zum Tod im Flutkanal

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Totschlag durch Unterlassen

  • Paragraf 212, Absatz 1, Strafgesetzbuch
  • Mindeststrafe von 5 Jahren
  • Zwangsläufig eine Haftstrafe
  • Keine Fahrlässigkeit möglich

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