20.03.2020 - 17:53 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Facebook-Gruppe gegen Coronakrise: "Das Gefühl vermitteln, nicht alleine zu sein"

"Ich habe gesehen, dass sich die Menschen fürchten und dass sie nach Informationen suchen", sagt Michael Härtl. Der Weidener möchte in der Coronakrise helfen und gründete eine Facebook-Gruppe für Nachbarschaftshilfe. Die Resonanz ist groß.

Katrin Hartwich (von links) überreicht Bianca Pröm, Michael Härtl und Melissa Burkhard von der Facebook-Gruppe „Corona Nachbarschaftshilfe Weiden“ einen Korb mit Stoff. Daraus wollen einige Gruppenmitglieder Mundschutzmasken nähen. Sie sind lediglich ein Spritzschutz. Vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus schützen diese Masken nicht.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

"Manche Menschen in meinem Umfeld haben richtig Angst", sagt Michael Härtl. Der 37-jährige gebürtige Weidener gründete die Facebook-Gruppe "Corona Nachbarschaftshilfe Weiden". Innerhalb von nur einer Woche traten ihr über 1300 Mitglieder aus Weiden und dem Landkreis Neustadt/WN bei. "Wir wollen die Energie bündeln und die Kräfte in die richtige Richtung leiten", sagt der Zweiradmechaniker. "Keiner wird von den Folgen der Coronakrise verschont bleiben. Dagegen kann sich niemand wehren - wohl aber dagegen, dass sie nur zu Panik, Isolation und Hilflosigkeit führt. Zusammen sind wir stark", heißt es in der Gruppenbeschreibung. Wer anderen Bürgern helfen möchte oder Hilfe im Alltag sucht, kann dies in der Gruppe veröffentlichen. Und das tun viele.

Betreuung, Gassigehen, Einkaufen

Die Hilfsangebote betreffen die Kernthemen im Alltag mitten in der Krise. Eine Flugbegleiterin, die früher in einer Kita gearbeitet hat und nun wegen gestrichener Flüge zu Hause ist, bietet Betreuung von Nachwuchs oder Haustieren an. Mehrere Mütter suchen Hilfe bei der Kinderbetreuung. Ein Hausmeister fragt, ob jemand handwerkliche Hilfe benötigt. Eine Frau sucht Toilettenpapier: "Seit drei Tagen fahre ich jeden Abend die Läden ab (...). Ich habe einen sechs Monate alten Sohn mit Herzerkrankung und möchte den nicht mit in die Läden schleppen, und muss jedes mal warten, bis beim Mann abends zu Hause ist, dass ich fahren kann und bekomme einfach nie welches!"

"Bei den Hilfsangeboten wird immer auf Eigenschutz geachtet", betont Gruppen-Administrator Härtl. So viel wie möglich werde per Telefon oder übers Internet geregelt. "Und wenn etwas abgeliefert werden muss, findet eine kurze Abgabe statt, nicht ein Besuch bei der Person." Es gebe auch Leute, die Beiträge einreichen wollen, die Panik verbreiten. "Die lasse ich nicht durch", sagt Härtl, der jeden Beitrag vor der Veröffentlichung prüft.

Am Mittwoch war Härtl mit seiner Freundin Bianca Pröm und Melissa Burkhard, die sie über die Gruppe kennengelernt haben, in der Notunterkunft in der Schustermooslohe. "Wir haben einem Obdachlosen Toilettenpapier, Handseife, Wurst, Brot und Snacks gebracht. Er war anfangs etwas zögerlich, doch dann hat er sich sehr gefreut, das jemand an ihn denkt."

Deutschland und die Welt

Gefühl, nicht alleine zu sein

Es gibt auch Beiträge, aus denen der Ernst der Lage noch deutlicher herauszulesen ist. "Ich bin jemand, der vielleicht mal Hilfe gebrauchen kann", schreibt eine über 60-jährige Weidenerin. Sie habe eine chronische Lungenkrankheit und Asthma. "Noch traue ich mich zum Einkaufen, aber es kann schnell gefährlicher werden." Sie werde von der Tochter versorgt, die im medizinischen Bereich arbeitet. "Da braucht nur ein Coronapatient kommen, und sie muss in Quarantäne."

"Die Menschen tauschen sich über Ängste aus. Das Gefühl zu vermitteln, nicht alleine zu sein, ist einer meiner Gedanken hinter der Gruppe. Das gilt besonders im Falle einer Ausgangssperre. Ich will das Zwischenmenschliche stärken", sagt der 37-Jährige. Der Weidener zieht seinen Idealismus aus der Sportart Judo, die er schon als kleines Kind ausgeübt hat. "Dort werden Grundwerte gelehrt, die man sein ganzes Leben positiv gebrauchen kann."

Härtl und seine engsten Mitstreiter in der Gruppe arbeiten an mehreren Projekten. Zum einen fertigt eine Nähgruppe Mundschutz aus Baumwolle. In der Gruppe hatte eine Mitarbeiterin einer ambulanten Dialyse geschrieben, ihnen würden die Masken ausgehen. "Wir sind zwar verpflichtet, permanent einen Mundschutz zu tragen, aber wir müssen gleichzeitig sparen, wo es geht. (...) Ich rede ausdrücklich nicht von FFP-Masken, sondern von ganz normalem Mund- und Nasenschutz, den ich für Arbeiten wie Punktionen an nicht infizierten Patienten dringend benötige." Zwei Näherinnen in der Gruppe, darunter Härtls Freundin Bianca, sorgen für Nachschub. Vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus schützen diese Masken laut Robert-Koch-Institut allerdings nicht.

Oberpfalz

Flugzettel-Verteilung

Zum anderen arbeiten die Aktiven daran, Flugzettel mit wichtigen Telefonnummern und der Nummer von Härtl im Stadtbereich Weiden zu verteilen, um Menschen zu erreichen, die keinen Internetzugang haben. Dass ihm die ganze Sache vom Zeitaufwand her über den Kopf wachsen könnte, befürchtet der Weidener bisher nicht. "Es gibt sicher viele, die einspringen, wenn es meine Kapazität übersteigt."

Andere hoffen bereits, dass die Gruppe auch nach der Krise weiter besteht: "Schade, dass erst ein Virus umgehen muss, damit alle ihre Menschlichkeit wieder finden. Ich wäre begeistert, wenn es diese Gruppe auch nach Corona noch gibt und sie lebt", schreibt eines der über 1300 Gruppenmitglieder.

Weiden in der Oberpfalz
Kommentar:

Gefühlte Nähe trotz Distanz

Auf Distanz zueinander gehen, aber einander nicht aus den Augen verlieren – diese Gratwanderung gilt es derzeit zu meistern. Ausgerechnet das Internet und die sozialen Medien, die in den vergangenen Jahren auf abschreckende Weise höchst unsoziale Seiten des Menschseins hervorgebracht und angetrieben haben, können diese Gratwanderung erleichtern.
Ich befinde mich, wie viele meiner Kollegen aus der Redaktion, seit ein paar Tagen im Home-Office. Als Reporter kaum noch unter Leute zu dürfen, entspricht überhaupt nicht unserem Selbstverständnis. Es ist im Moment aber ohne Zweifel vernünftig, und möglich macht’s die Digitalisierung. Dank ihr stehe ich trotz räumlicher Distanz in regem Kontakt zu meinen Kollegen, und wir können jeden Tag im Team unsere Arbeit machen.
Es wäre schön, wenn diese Krise wieder die gute Seite des Menschseins im Internet und in den sozialen Medien in den Fokus rücken würde. Fake News und Panikmache machen es schwer, daran zu glauben. Aber Zusammenschlüsse wie in der von Michael Härtl bei Facebook gegründeten Gruppe „Corona Nachbarschaftshilfe Weiden“ machen es leichter.

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