13.08.2021 - 20:03 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Flutkanal-Prozess: Handy des ertrunkenen 22-Jährigen erneut im Mittelpunkt

Der 14. Verhandlungstag im Weidener Flutkanal-Prozess beginnt zäh. Erneut geht es um die Frage, was das Smartphone des ertrunkenen Moritz G. über den Todeszeitpunkt aussagt.

Verteidigen heißt warten. Und warten. Die Anwälte Jan Bockemühl und Burkhard Schulze im Gespräch. Sie vertreten die angeklagte junge Frau.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Von 9 bis 18.30 Uhr dauert am Freitag die Hauptverhandlung um den Tod des 22-jährigen Moritz G. vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Weiden. Angeklagt sind Gerhard Z., Ariane I. und Alex B. (Namen geändert). Die drei Anfangszwanziger aus Weiden und Sulzbach-Rosenberg waren mit Moritz am 11. September 2020 auf Zechtour. An deren Ende fiel Moritz sturzbetrunken in den Weidener Flutkanal und kam darin um. Die drei Begleiter haben offensichtlich keine Rettungsversuche unternommen.

Effektiv verhandelt wurde im Saal fast nur eine gute Stunde. Für den Rest der Zeit war die Sitzung unterbrochen. Mal eine Viertelstunde, mal dreieinhalb Stunden. Der Verlauf ähnelt einem Ping-Pong-Spiel. Statt Schnelligkeit ist dabei Geduld gefragt.

Video zur Tatortbegehung

Ping, schlägt die Verteidigung mit dem x-ten neuen Beweisantrag auf. Pong, zieht sich die Kammer zur Beratung zurück. In der Zwischenzeit weiß keiner, wann es weitergeht. Zermürbendes Warten beginnt. Das ist Absicht, mutmaßen die Anwälte: Die Richter lassen die Advokaten schmoren, weil immer neue Gutachter gefordert werden und am Freitag schon wieder Anträge eingehen, die sich um Handydaten des Ertrunkenen drehen. Ping.

Von wegen, kontert Richter Gerhard Heindl Andeutungen in diese Richtung: Wenn ein Beweisantrag eingeht, schaltet die Kammer einen Sachverständigen ein. Sobald der befragt ist und seine Stellungnahme abgibt, werde die Verhandlung unverzüglich fortgesetzt. Pong.

Hintergrund der Anträge: Die Verteidiger haben auf der Handy-Festplatte entdeckt, dass die Gesundheits-App im I Phone Xs von Moritz G. am Tag nach dem vermeintlichen Todeseintritt noch Schritte und Höhenunterschiede aufgezeichnet hat. Dies würde belegen, dass Moritz G. noch zwölf Stunden lang gelebt hat, nachdem seine "Freunde", mit denen er tags zuvor unterwegs war, ihn am Flutkanal zurückgelassen haben.

Ein Gutachten zum Thema präsentiert am Freitag überraschend Oberstaatsanwalt Bernhard Voit. Begründung: "Ich habe auch die Aufgabe, Opfer zu schützen und glaube, es wird Moritz G. nicht gerecht, wenn der Eindruck entsteht, dass er noch am Ufer saß, als die drei Angeklagten gingen." Voit hat eine Fachfirma für IT-Forensik in München beauftragt. Deren Ergebnis laut Voit: "Wir werden nicht mehr rauskriegen, wann das Handy den Geist aufgegeben hat. Die letzte Systemzeit, die festgestellt wurde, ist 5.49 Uhr."

Gemeint ist der 12. September 2020. Der Gerichtsmediziner hat den Todeszeitpunkt auf den 11. September um 22.26 Uhr datiert. Die Anwälte beharren jedoch darauf, dass auf der Festplatte des Handys am 12. September zwischen 9.08 und 9.12 Uhr noch 152 Schritte oder 120 Meter aufgezeichnet wurden. Der von Voit zitierte Sachverständige geht davon aus, dass die Bewegungen erst bei der Auswertung der Daten bei der Polizei, durch Wasserschaden oder bei der Reparatur registriert wurden.

Alle Anträge abgewiesen

Die Richter sehen es ähnlich und lassen alle Anträge abprallen. Wie die merkwürdigen Zeitstempel im Handy von Moritz G. zustande kamen, sei nicht mehr zu klären. In der Zwischenzeit werfen sich Staatsanwalt, Richter und Anwälte IT-Fachausdrücke um die Ohren: Geodaten und Bluetooth-Anknüpfungen sind die harmloseren, UTC-plus-2-Zeit, Celebrate-Reader die spezielleren. Ping-Pong.

Es ist 18.15 Uhr. Zeit für die Plädoyers. Doch die Anwälte wollen nicht. Sie sind kaputt, ermüdet vom Warten, nicht mehr aufnahmefähig. Und sie sind sauer.

Urteil kann noch dauern

Heindl bietet an, bis 20 oder 21 Uhr weiterzumachen. Beisitzer Matthias Bauer weist die Verteidiger darauf hin, dass sich der Staatsanwalt und Anwalt Christian Krauße in vorangegangenen Sitzungen nach ähnlich langen Tagen durchaus noch zu Plädoyers in der Lage gesehen haben. Und auch die Richter seien noch imstande, nach der anstrengenden und intensiven Würdigung der Beweisanträge den Verteidigern zu folgen.

Es bleibt dabei. Keiner will mehr plädieren. Somit ist nicht unbedingt mit einem Urteil bis 20. August zu rechnen. Der war als letzter Verhandlungstag angepeilt. Heindl bittet die Verteidiger, ihm weitere Verhandlungstermine zu nennen. Am Mittwoch ist Fortsetzung.

Weitere Infos zu den vorherigen Verhandlungstagen im Flutkanalprozess

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

So geht es weiter

  • Verhandelt wird der Ertrinkungstod von Moritz G. aus Sulzbach-Rosenberg. Er war zusammen mit zwei jungen Männern aus Sulzbach und einer jungen Frau am 11. September in Weiden auf Zechtour. Nach einem Streit ist er in den Flutkanal gefallen und ertrunken. Den drei Begleitern wird Totschlag durch Unterlassen (Mindeststrafe 5 Jahre) bzw. Aussetzung mit Todesfolge (3 Jahre) zur Last gelegt, weil sie keine Rettungsversuche unternommen haben sollen.
  • Die nächsten Verhandlungstermine sind am 18. und 20. August.

 

 

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