29.11.2020 - 12:01 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Isolation in der Coronakrise: "Jeder von uns ist in der Krise, und man darf das auch sein"

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November und Dezember könnten die härtesten Monate in der Coronakrise sein. Kontaktbeschränkungen, viele Neuinfektionen und Sorgen um Angehörige drücken aufs Gemüt. Weidener Experten verraten, wie es den Menschen im Krisenmodus geht.

So manchem drückte der Trauermonat November allein mit seinem Wetter aufs Gemüt. Wenn Kontaktbeschränkungen, Ansteckungsgefahr und die Sorge um Angehörige hinzukommen, trifft das einige Menschen besonders hart.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

In Gesprächen mit Weidener Beratungsstellen wird schnell klar: Diejenigen, die ohnehin schon angeschlagen sind, trifft die Coronakrise oft besonders hart. Was beschäftigt die Menschen seit dem Frühjahr? Experten hiesiger Beratungsstellen geben Einblick.

Telefonseelsorge Nordoberpfalz

„Die Zahl der Anrufe ist um ein Drittel gestiegen“, sagt Friedrich Dechant, Leiter der Telefonseelsorge Nordoberpfalz. Die Coronapandemie wirke wie ein Katalysator: „Bei denen, die ohnehin unter Ängsten oder Depressionen gelitten haben oder einsam waren, wurde das noch verstärkt.“ Da sei dieses „unsichtbare Etwas, von dem man weiß nicht, wo es ist“. Im Sommer hätten sich die Anrufe wieder fast auf Normalniveau eingependelt. Allerdings stiegen sie im Herbst erneut. In jedem siebten bis zehnten Gespräch ginge es nun um Corona. Kontaktbeschränkungen erlebten viele Menschen als zermürbend, zumal sich im Herbst auch ohne Pandemie Gefühle wie Melancholie ausbreiten. Beratung gesucht hätten viele Angehörige, die Verwandte oder Sterbende nicht besuchen oder Beerdigungen nur in sehr kleinem Kreis durchführen konnten. „Niemand kann etwas daran ändern“, so Dechant. „Aber die Menschen können sich das von der Seele reden.“

Caritas-Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen

„Gerade für Eltern, Mütter und Alleinerziehende ist das eine sehr kritische Zeit, wenn sie mit Kindern im Home Office sind – auch von der Zeit her, wann sie überhaupt mit uns telefonieren können“, sagt Monika Endres-Dechant von der Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen der Caritas. Viele hätten Angst, wie es weitergehen soll, litten als pflegende Angehörige unter den Beschränkungen. Seit August bemerkt Endres-Dechant verstärkt Anfragen von Paaren. „Einige Paare merken durch die Einschränkungen, dass sie sich auseinander gelebt haben. Plötzlich stehen Probleme mehr im Fokus als Kontakte und Freizeit.“ Die Krise treffe auch junge Leute. „Für sie sind die Ausbildung oder das Studium schwerer zu bewältigen. Sie empfinden mehr Prüfungsangst und Verunsicherung durch den fehlenden direkten Kontakt zu den Lehrenden.“

Diakonie Weiden, Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit

Sorgen um Angehörige, Zukunftsängste, Einsamkeit: Themen, zu denen auch Dagmar Deutschländer von der Kirchlichen Allgemeinen Sozialarbeit der Diakonie beraten hat. „Jeder von uns ist in der Krise im Moment, und man darf das auch sein. Das Gefühl, nicht zu wissen, wie es weitergeht und wann die Krise endet, ist sehr belastend.“ Vor allem Frauen seien erschöpft, wenn sie zu Hause unterrichten und arbeiten mussten. „Die Idee, die Ferien zu verlängern, war für sie schwer zu hören.“ Außerdem seien Frauen häufiger von fehlenden Nebeneinkünften zum Beispiel in der Gastronomie betroffen.

Tagesstätte Oase für psychisch kranke und behinderte Menschen

„Unsere Stammbesucher waren im Frühjahr überfordert mit den Schließungen“, sagt Ursula Hösl, die den ambulanten Bereich des Soziotherapeutischen Zentrums (STZ) Nordoberpfalz leitet, zu dem die Tagesstätte Oase gehört. „Sie haben sich vernetzt, um sich Halt geben zu können. Aber so manch ein anderer ist in ein Loch gefallen. Die massiven Veränderungen durch Corona werfen die Leute aus der Bahn. Es trifft sie hart, wenn sich die gewohnte Struktur ändert.“ Ihr Team hat versucht, mit den Menschen in Kontakt zu bleiben und teilweise draußen Gespräche geführt sowie einen Newsletter gestartet. Überraschenderweise habe sich die Lage im Sommer nicht erholt: „Wir haben die Besucherzahlen von vor Corona – normalerweise 20 bis 25 Leute pro Tag – über den Sommer nicht erreicht.“ Die Besucher, die zuvor kommen konnten, wann sie wollten, täten sich schwer mit Zeit- und Platzbeschränkungen.

Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme, Weiden

Als es wieder möglich war, die Menschen persönlich zu beraten, haben die Mitarbeiter der Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme laut Leiterin Michaela Lang festgestellt, dass viele Betroffene rückfällig geworden waren. „Sie konnten den Strategien, die sie sich erarbeitet haben, um den Suchtdruck auszuhalten – zum Beispiel Hobbys – nicht nachgehen“, erklärt sie. Weil zudem mehr Angehörige zu Hause die Sucht mitbekommen haben, habe es für sie mehr Beratungsbedarf gegeben. Für einige Glücksspieler hingegen seien die Schließungen gut gewesen: „Es war gut, dass sie nicht nach Tschechien fahren durften und die Spielotheken zu hatten. So hatten beziehungsweise haben sie keine Möglichkeit, zu spielen. Aber der Suchtdruck kann steigen. Wir hoffen, dass sie uns aufsuchen, wenn sie ihn nicht mehr kontrollieren können.“

Dornrose e.V., Fach- und Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt, Weiden

Trotz sechswöchiger Schließung im Frühjahr liegt die Anzahl der Beratungsgespräche beim Dornrose e. V. laut Leiterin Elisabeth Scherb in diesem Jahr an der „oberen Grenze“. Negativ auf die Traumabewältigung von Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, wirke sich das Wegbrechen von Arbeit als Strukturgeber aus. „Es fallen auch sichere Orte wie Selbsthilfegruppen weg“, erklärt Scherb. Für einige Frauen sei die Maskenpflicht Thema. „Frauen oder Mädchen mit Gewalterfahrung, zum Beispiel bei denen die Luft zugedrückt oder die Hand vor den Mund gelegt wurde, können die Maske nicht aufsetzen und stoßen ständig an. Frauen dagegen, die Probleme damit haben, in die Öffentlichkeit zu gehen oder bei vielen Leuten um sie herum Panik bekommen, fanden den Lockdown im Frühjahr super.“ Extrem von der Krise betroffen seien Kinder: „Kinder, die lange nicht in die Schule gegangen sind, haben wir nicht mehr im Blick gehabt.“ Es fehlte die Aufsicht durch die Sozialarbeiter. „Der Präventionsteil unserer Arbeit liegt komplett brach“, sagt sie zudem zum Wegfall vieler Aufklärungsveranstaltungen.

Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern

„Eine vorübergehende Krise können die Leute kompensieren. Aber wenn sich das lange zieht, wird es schwierig, die Zuversicht aufrecht zu halten. Das merken Kinder auch“, sagt Gunter Hannig, Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern. Zwischen März und Mai seien die Anmeldezahlen um 80 Prozent zurückgegangen. Er und sein Team verlegten Gespräche nach draußen. „Wir sind mit den Jugendlichen spazieren gegangen und haben das Corona-Walk getauft. Das war eine ganz tolle neue Erfahrung.“ Hannig betont die Wichtigkeit des Präsenzunterrichts mit persönlichem Kontakt zu den Lehrkräften. Im Sommer habe sich die Beratungslage zwar normalisiert, doch inzwischen mache sich Frust breit. „Da hat sich etwas verändert. Die Unsicherheit ist gestiegen und trägt sich in die Familien hinein.“

Tipps der Weidener Experten gegen Isolation in der Coronakrise

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Unterstützung für Einsame zu Weihnachten (Archiv)

Weiden in der Oberpfalz

"Die massiven Veränderungen durch Corona werfen die Leute aus der Bahn."

Ursula Hösl, Tagesstätte Oase

Ursula Hösl, Tagesstätte Oase

"Die Unsicherheit ist gestiegen und trägt sich in die Familien hinein."

Gunter Hannig, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern

Gunter Hannig, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern

Service:

Kontakt zu den Beratungsstellen

  • Telefonseelsorge Nordoberpfalz: 0800/111-0-111 oder 0800/111-0- 222
  • Caritas-Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen: 0961/4702328
  • Diakonie Weiden, Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit: 0961/38931-16
  • Sozialteam Tagesstätte Oase: 0961/4161352
  • Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme: 0961/39890-150
  • Dornrose e.V., Fach- und Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt: 0961/33099
  • Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern: 0961/3917400

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