12.11.2021 - 11:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Jüdische Spuren in Weiden: Mal offensichtlich, mal verborgen

2021 ist das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Nicht überall gibt es jedoch eine so lange jüdische Tradition. In Weiden muss man mit offenen Augen durch die Stadt gehen, um die Spuren zu sehen – oder ins Archiv greifen.

An der Kreuzung Sedanstraße/Wörthstraße, am heutigen Issy-les-Moulineaux-Platz, befanden sich zwei der größten jüdischen Geschäfte in Weiden: die Kaufhäuser Max Krell und Josef Wilmersdörfer.
von Holger Stiegler (STG)Profil

Am 11. Dezember 321 erließ der römische Kaiser Konstantin ein Edikt: Dieses Gesetz besagte, dass Juden städtische Ämter in den Kurien, den römischen Stadträten, bekleiden durften und sollten. Dieses Edikt belegt eindeutig, dass jüdische Gemeinden – erwähnt wird eine jüdische Gemeinde in Köln – bereits seit der Spätantike wichtiger integrativer Bestandteil der europäischen Kultur waren. Und es ist der Anlass für das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Für Weiden und die nördliche Oberpfalz sollte es allerdings noch einige Jahrhunderte dauern, um dort jüdisches Leben belegen zu können.

„Die erste Nennung eines Juden in Weiden erfolgte 1359“, berichtet Dr. Sebastian Schott, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Stadtmuseum Weiden. Schott ist Experte für jüdisches Leben und die jüdische Gemeinde in Weiden, seit mehreren Jahrzehnten arbeitet und forscht der Historiker bereits dazu. Auch in seiner Doktorarbeit hat er sich der Thematik gewidmet. Die Anzahl von Juden in Weiden war viele Jahre überschaubar, für das Jahr 1416 wird im Abgabenverzeichnis beispielsweise kein einziger Jude in Weiden erwähnt. „Generell gab es ab Mitte des 16. Jahrhunderts kaum noch jüdische Siedlungen im altbayerischen Raum“, erzählt Schott. Auch ein Versuch der Regierung von Pfalz Neuburg, während des 30-Jährigen Krieges eine kleine jüdische Gemeinschaft in Weiden anzusiedeln, so Schott, sei bereits nach wenigen Jahren am hartnäckigen Widerstand der christlichen Einwohner gescheitert.

Seit 1861 Freizügigkeit für Juden

Wenn der Experte über „echtes“ und nachhaltiges jüdisches Leben in Weiden erzählt, dann setzt er zeitlich eigentlich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert ein. Zwei Daten sind dabei besonders wichtig. „Seit 1861 galt die Freizügigkeit auch für Juden“, betont Schott. Konkret bedeutete dies, dass sich Juden dort niederlassen und ansiedeln konnten, wo sie wollten. Große Bedeutung gerade für Weiden hatte auch das Jahr 1863, wie Schott betont: „Für die Anziehungskraft und Attraktivität der Stadt, auf welche der Zuzug einer größeren Zahl von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern zurückgeführt werden kann, sorgte der Anschluss an das Eisenbahnnetz und die sich daraufhin verstärkt in Weiden niederlassenden Gewerbe und Industrien.“

Von dieser Entwicklung ausgehend, sind auch jene Spuren jüdischen Lebens in Weiden entstanden, die heute zwar sichtbar sind, aber keineswegs das Ortsbild prägen: 1889 wurde der Synagogenverein gegründet, im selben Jahr wurde die Synagoge in der Ringstraße feierlich eröffnet – wo sie sich auch heute noch befindet. Die zeitgenössische Zeitschrift „Der Israelit“ schrieb im November 1889 darüber: „Die Israeliten in Weiden, welche schon seit zwei Jahren Synagoge und Schule in gemieteten Lokalitäten unterhielten, besitzen nun ein eigenes Kultusgebäude. Am Freitag vor Rosch Haschana wurde die geräumige und hübsch ausgestattete Synagoge eingeweiht.“ Die Gründung der eigenen jüdischen Gemeinde in Weiden folgte 1895. Wo Leben ist, ist natürlich auch Tod: Abseits des Zentrums in der Sperlingstraße wurde 1901 ein jüdischer Friedhof errichtet, dessen Lage man wirklich kennen muss, um ihn zu finden. Mit der Anlage eines neuen jüdischen Friedhofs an anderer Stelle wurde 2013 begonnen.

Die Kaufhäuser Max Krell und Josef Wilmersdörfer

Neben diesen deutlich sichtbaren jüdischen Spuren in Weiden gibt es aber noch „verblasste“ Zeichen früheren jüdischen Lebens, die sich oftmals nur mit historischen Fotos belegen lassen. Sebastian Schott erklärt bei einem Rundgang durch die Stadt, wo sich früher Wohn- und Geschäftshäuser jüdischer Bürger befunden haben. Besonders markant: An der Kreuzung Sedanstraße/Wörthstraße, am heutigen Issy-les-Moulineaux-Platz, befanden sich zwei der größten jüdischen Geschäfte in Weiden: die Kaufhäuser Max Krell und Josef Wilmersdörfer. Wer mit historischen Fotos ausgestattet ist, kann viele Zeichen jüdischen (Geschäfts-)Lebens in der Innenstadt erkennen. „Die berufliche Struktur von Weidens jüdischen Bürgern unterschied sich wesentlich von der der übrigen Stadtbewohner“, so Schott. Betätigten sich erstere doch in ihrer übergroßen Zahl als selbstständige Kaufleute, wobei wiederum der Handel im Textilbereich – Herren- und Damenkonfektion, Tuch-, Schnitt- und Kurzwaren – klar dominierte. Auch andere Erwerbssektoren, wie der Handel mit Eisen- und Metallwaren, Tabak und Zigaretten, Wein, Leder und Schuhen, Häuten und Fellen, Holz und Kohlen, lassen sich nachweisen. „Mit den Inhabern der Firma Leopold Engelmann befanden sich unter den Viehhändlern die wohlhabendsten, weit über die Grenzen Bayerns hinaus bekannten jüdischen Geschäftsleute Weidens“, so Schott.

54 Weidener Juden in KZs der Nazis

Nicht ausgespart wird bei den sichtbaren Spuren jüdischen Lebens in Weiden die dunkle Zeit des Nationalsozialismus, der Verfolgung und der Ermordung: In der Grünanlage an der Ecke Bürgermeister-Prechtl-Straße/Kettelerstraße ist eine Gedenkstele mit einem Davidstern und dem siebenarmigen Leuchter, der Menora, zu finden. Darauf steht geschrieben: „Dem Andenken an die 34 jüdischen Weidener Bürger, die in den Konzentrationslagern der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft 1933-1945 ermordet wurden.“ Die genannte Zahl, so Schott, müsse allerdings nach oben korrigiert werden: Dokumentiert seien mittlerweile 54 Weidener Juden, die Opfer der Nazis wurden.

Der Issy-les-Moulineaux-Platz heute und damals

Jüdisches Leben in der Oberpfalz durch die Jahrhunderte

Amberg
Info:

Jüdisches Leben in Deutschland

  • Weltweit gibt es etwa 15,2 Millionen Jüdinnen und Juden.
  • Lebten im Jahr 1990 30.000 Juden in Deutschland, sind es mittlerweile 200.000.
  • Die Hälfte davon ist Mitglied einer Jüdischen Gemeinde, von denen es insgesamt 132 gibt – mit den unterschiedlichen Ausrichtungen wie orthodox, liberal, konservativ und rekonstruktivistisch.
  • Durch die hohe Anzahl der in den 1990er-Jahren aus der Sowjetunion und den Nachfolgestaaten zugewanderten Juden sind 90 Prozent der Mitglieder der Jüdischen Gemeinden russischsprachig.

(Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)

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