05.06.2020 - 11:43 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Keine Barrierefreiheit am Bahnhof: Rollstuhlfahrerin kann Grab des Mannes nicht besuchen

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"Weiden ist so schön und auch rollstuhlfreundlich", lobt Anneliese Scharnagl (64). Für den Bahnhof Weiden gelte allerdings das genaue Gegenteil. Das erschwert ihre Besuche am Grab ihres Mannes in Pressath und ihrer dortigen Freunde.

Bei Abfahrt auf Gleis 1 wäre für Anneliese Scharnagl die Welt in Ordnung. Doch wenn sie nach Pressath will, muss sie auf Gleis 3, und das ist ohne Voranmeldung und Hilfe am Bahnhof Weiden nicht möglich.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Nach dem Tod ihres Mannes vor vier Jahren ist Anneliese Scharnagl nach Weiden gezogen. Sie wollte näher zu ihrer jüngeren Tochter, die in der Max-Reger-Stadt lebt. Dass das Grab ihres Mannes und ein großer Freundeskreis in Pressath zurückblieben - die Stadt war 20 Jahre lang ihre Heimat - war kein Problem. Anneliese Scharnagl war noch gesund, konnte sich mit dem Auto jederzeit auf den Weg machen.

Schlaganfall im Herbst 2019

Ein Schlaganfall im Oktober 2019 hat alles verändert. Seitdem ist die 64-Jährige linksseitig teilweise gelähmt, sitzt im Rollstuhl. Für sie kein Grund zu jammern. Aber: "Ich möchte selbstständig sein", betont sie. Was die Fahrten nach Pressath betrifft, ist das unmöglich. Das größte Hindernis: Die seit Jahrzehnten geforderte und immer noch nicht vorhandene Barrierefreiheit am Bahnhof Weiden.

"Meine Schwester hat sich bei der Bahn erkundigt", sagt Anneliese Scharnagl. "Es gibt Hilfskräfte. Die würden mich und den Rollstuhl durch den Tunnel oder über die Gleise bringen auf Bahnsteig 3." Dort fährt der Zug nach Pressath ab. "Aber ich müsste die Fahrt mindestens zwei Tage vorher anmelden. Außerdem sollte ich eine Begleitperson haben." Von Selbstständigkeit oder spontanen Entschlüssen kann also keine Rede sein.

Keine abgesenkten Bordsteinkanten

Auf dem Bahnhofsvorplatz umkurvt Anneliese Scharnagl die hohen Gehwegkanten und nutzt die Fahrbahn für Autos, um ans Ziel zu kommen.

Gemeinsam mit ihrer Schwester machte sich Anneliese Scharnagl kurz nach Christi Himmelfahrt selbst ein Bild von der Situation am Weidener Bahnhof. "Ich wollte das einfach mal ausprobieren." Schnell war klar, dass eine Abfahrt von Gleis 3 ohne Hilfe unmöglich ist. Schon der Weg zum Bahnhof war für die Rollstuhlfahrerin sehr beschwerlich. "Von meiner Wohnung in der Luitpoldstraße bis dorthin brauche ich eine Stunde", erzählt die 64-Jährige. "Vor der Alten Post habe ich am Gehsteig keine Absenkung gefunden. Dann muss ich am Bahnhofsvorplatz an geparkten Bussen und Autos vorbei und ganz nach links, um am Bahnhofsgebäude vorbei auf den ersten Bahnsteig zu kommen."

Fahrkartenautomat zu hoch

Für Rollstuhlfahrer ist es nicht einfach, die Schlitze am Fahrkartenautomaten zu erreichen, sagt Anneliese Scharnagl. Die sollten ihrer Ansicht nach etwas tiefer angebracht sein.

Der nächste Schreck: "Der Fahrkartenautomat war so dreckig, dass man eigentlich Handschuhe anziehen müsste. Und das in Corona-Zeiten." Der Automaten selbst sei für Rollstuhlfahrer etwas zu hoch angebracht, kritisiert sie. Überhaupt machte der Weidener Bahnhof auf Anneliese Scharnagl einen trostlosen Eindruck. "Wir waren traurig und frustriert."

Der Hoffnungsschimmer: Eine Buslinie, die täglich um 8 Uhr morgens vor dem Neuen Rathaus Richtung Pressath startet. "Ich habe mich so gefreut", sagt Anneliese Scharnagl. Doch ein Anruf bei der Stadtverwaltung beförderte sie auf den Boden der Tatsachen zurück. "Dort hieß es, der Bus der Firma Wolf hat keine Rampe, so dass ich mit meinem Rollstuhl hineinkomme."

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Sie ist traurig und enttäuscht über die Hürden, die sie an der Selbstständigkeit hindern. "Mein Schwiegersohn hat nach dem Schlaganfall eine schöne Wohnung für mich gefunden. Ich fühle mich wohl in Weiden. Aber ich möchte den Kontakt zu den befreundeten Familien in Pressath aufrecht erhalten", sagt Scharnagl. Und dort natürlich auch das Grab ihres Mannes besuchen, ohne dass sie ständig die Hilfe anderer in Anspruch nehmen muss. "Meine Freundinnen und meine Familie haben mir schon so viel geholfen."

Pläne für Ruhestand durchkreuzt

Erst vor etwas mehr als einem Jahr, im Februar 2019, ist Anneliese Scharnagl in Rente gegangen. Vorher arbeitete sie als Verpackerin in einer Wurstfabrik und versorgte ihren schwerkranken Mann bis zu seinem Tod. Sie hatte sich den Ruhestand ganz anders vorgestellt. "Ich wollte reisen, mit meinem Freundeskreis etwas unternehmen, möglichst oft meine Enkelkinder aus dem Kindergarten abholen." Der Schlaganfall hat all diese Pläne durchkreuzt.

Trotzdem ist die 64-Jährige nicht unzufrieden. "Es geht mir einigermaßen gut nach dem Schlaganfall", sagt sie. Nur was die (hilfe-)freie Fahrt per Bahn betrifft, gibt es für sie noch zu viele Hürden.

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Kommentar:

Bahn frei für Barrierefreiheit

Seit ihrem Schlaganfall ist der linke Arm von Anneliese Scharnagl gelähmt, das linke Bein nur sehr bedingt einsatzbereit. Die 64-Jährige ist auf den Rollstuhl angewiesen. Doch dadurch hat sie ihre Lebensfreude nicht verloren. Ganz und gar nicht. „Es geht mir einigermaßen gut nach dem Schlaganfall“, sagt sie. Und sie will ihr Leben nicht nur in der Wohnung verbringen, sondern abwechslungsvoll gestalten. Ihre Wünsche: Besuche bei Freunden in Pressath und dort auch am Grab ihres Mannes. Keine überzogenen Wünsche. Doch für die 64-jährige Rollstuhlfahrerin ohne fremde Hilfe nicht zu schaffen.
Das Hauptproblem: Der Weidener Bahnhof, dessen Barrierefreiheit bereits seit Jahrzehnten gefordert wird, aber bis heute nicht realisiert ist. Ebenfalls seit Jahren schwirren von der Deutschen Bahn und Politikern Daten durch die Luft, wann es so weit sein könnte: 2023, 2038, 2030 oder vielleicht doch schon 2025?
Je eher, desto besser - das ist klar. Viel zu lange schon müssen Menschen mit Behinderungen im Raum Weiden langfristig vorplanen und um Hilfe bitten, wenn sie mit der Bahn ein Ziel ansteuern wollen. Ein selbstbestimmtes Leben sieht anders aus. Dabei hat sich die Bundesregierung doch die Teilhabe von Menschen mit Handicap ganz groß auf die Fahnen geheftet – und diese Teilhabe soll in allen Bereichen realisiert werden. Also auch im öffentlichen Personennahverkehr. Bahn frei also für die Barrierefreiheit – auch bei der Bahn.

Jutta Porsche

Barrierefreier Bahnhof: Häufig wechselnde Zielvorgaben:

Trotz vieler Befürworter noch kein Erfolg

Die Barrierefreiheit am Bahnhof Weiden wird seit Jahrzehnten gefordert, doch bisher erfolglos. VdK-Kreisvorsitzender Josef Rewitzer setzt sich seit 2002 im Namen der Menschen mit Behinderung für einen barrierefreien Bahnhof Weiden ein. Unterstützung erhielt er dabei von vielen Seiten, unter anderem von Bundestags- und Landtagsabgeordneten von CSU und SPD.

Während Horst Seehofer in seinem Amt als bayerischer Ministerpräsident die Barrierefreiheit für ganz Bayern bis 2023 angekündigt hatte, verband die Deutsche Bahn den barrierefreien Ausbau mit der Elektrifizierung der Strecke Regensburg - Hof. Die lässt voraussichtlich noch bis 2030 auf sich warten. Bundestagsabgeordneter Albert Rupprecht (CSU) hatte dagegen den barrierefreien Ausbau des Weidener Bahnhofs unabhängig von der Elektrifizierung in Aussicht gestellt und damit bereits früher.

Hoffnung in dieser Hinsicht entstand zuletzt auch im Sonderausschuss Innenstadtentwicklung der Stadt Weiden. Im Zusammenhang mit der geplanten Anbindung des Stadtteils Lerchenfeld an die Innenstadt zähle Weiden jetzt zu den zwölf Standorten in Bayern mit Priorität eins, berichtete Bürgermeister Lothar Höher. Er hoffe, dass die Barrierefreiheit bereits 2025 realisiert werden könne.

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