05.05.2021 - 11:30 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kulturdolmetscher: So lebt es sich zwischen zwei Welten

Sich in einem neuen Land zurecht zu finden ist manchmal gar nicht so leicht: Um Migranten das Leben in der neuen Heimat zu erleichtern, gibt es nun ein neues Ehrenamt beim Evangelischen Bildungswerk: Kulturdolmetscher werden gesucht.

Wenn Menschen aus einem anderen Land nach Deutschland kommen, benötigen sie oft Hilfe, um sich in der neuen Kultur zurecht zu finden. Kulturdolmetscher können dabei helfen kulturelle Barrieren zu überwinden.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Zwischen zwei Welten – so beschreibt die 27-jährige Ahlam Bendadda-Erraji aus Krummennaab ihr alltägliches Leben. Obwohl Ahlam in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, ist die Kultur ihrer Eltern, die aus Marokko stammen, allgegenwärtig. "In den Möbeln, im Essen. Ich kann meinen Hintergrund, meine Kultur nicht einfach wegschalten." Ursprünglich hatte die studierte Soziologin und Bildungswissenschaftlerin in der Zeitung nach Stellenanzeigen gesucht. Dort wurde sie dann aufmerksam auf einen Kurs, der Menschen dazu befähigen soll zwischen den Kulturen zu vermitteln. Nun will sie ihr Wissen weitergeben. Ahlam Bendadda-Erraji ist Referentin bei einem Qualifizierungskurs für Kulturdolmetscher des Evangelischen Bildungswerks Oberpfalz.

Fokus interkulturelle Vermittlung

Die Kurse werden im Mai und Juni in Weiden und Amberg stattfinden. Geschäftsführerin und pädagogische Leiterin Bettina Hahn erklärt: "Der Fokus liegt nicht auf der sprachlichen Übersetzung, sondern ganz bewusst der interkulturellen Vermittlung." Die Kulturdolmetscher, die selbst einen Migrationshintergrund haben, sollen anderen Migrantinnen und Migranten helfen, sich in einer neuen Kultur zurecht zu finden. "Grundlegend – und das finde ich besonders schön", sagt Hahn, "basiert der Ansatz darauf, dass die Kulturdolmetscher ihre eigenen biographischen Erfahrungen in das Ehrenamt einbringen." Probleme der Kulturdolmetscher bei ihrer eigenen Integration sollen ganz bewusst einbezogen werden.

Obwohl Ahlam bereits in Deutschland geboren wurde, bekam sie die Probleme ihrer Eltern bei der Integration hautnah mit. "Es gibt oft viele Missverständnisse, die nicht schnell ausgeräumt werden. Es bräuchte mehr Kommunikation und mehr Menschen in einer Vermittlerrolle wie die Kulturdolmetscher. In der Generation meines Vaters gab es sowas noch gar nicht." Bei allem, was fremd erscheint, gingen viele Leute zunächst auf Distanz. Beschäftigten sich die Leute dann miteinander, würden sie oft viele Gemeinsamkeiten feststellen, sagt Ahlam. "Im Kern sind es oft dieselben Werte, die wichtig sind." Deshalb findet es auch Ahlam besonders wichtig, dass die Dolmetscher ihre eigene Biographiearbeit einbringen. "Der sprachliche Teil kommt vor, sie sollen aber ganz bewusst nicht nur eins zu eins übersetzen."

42 Unterrichtseinheiten

Die Qualifizierung umfasst 42 Unterrichtseinheiten und eine Praxiserfahrung. Teilnahmevorraussetzungen sind eine eigene Migrationserfahrung, gute Deutschkenntnisse (mind. B1) und Erfahrungen mit dem Leben in Deutschland sowie natürlich Interesse am Ehrenamt. Durch den Kurs des Evangelischen Bildungswerks sollen die Kulturdolmetscher dazu befähigt werden, andere bei ihrer Integration zu unterstützen. Ganz unterschiedliche Themen schneidet der Kurs deshalb an: Kultur, Werte und Normen, Migration und kulturelle Fremdheit, Religion in Deutschland, interkulturelle Kommunikation, Erziehung, Familie und Rollenbilder sowie Fragen rund um das Bildungs- und Gesundheitssystem.

Danach sollen sie individuell Migranten und Migrantinnen dabei unterstützen im Alltag zurecht zu kommen. Sie können dann zum Beispiel zu Arztterminen oder Sprechstunden in der Schule begleiten oder bei der Anmeldung in einem Sportkurs helfen. Grenzen für die Kulturdolmetscher sind rechtliche Belange oder Hilfe vor Gericht. "Da wollen wir die Kulturdolmetscher auch schützen, das können sie einfach nicht leisten", erklärt Bettina Hahn.

Integrationshürde Coronapandemie

Die aktuell größte Herausforderung bei der Integration von Migranten, sei es den Kontakt auch durch räumlichen Abstand, der durch die Coronapandemie entsteht, aufrecht zu erhalten, sagt Hahn. "Das ist wirklich ein großes Problem gerade, die Menschen brauchen einfach den direkten Kontakt und eine persönliche Begleitung." Sprachbarrieren erschwerten oft die Kommunikation. Außerdem seien viele wichtige Behörden gerade nur eingeschränkt erreichbar. Auch Ahlam sieht die Probleme im Detail: "Oft sind es Kleinigkeiten in einer Kultur, wie das Ritual der Schultüte, die andere Kulturen nicht kennen."

Ziel des Projekts sei es deshalb auch, so Hahn, irgendwann einen Pool an Leuten aufzubauen, die sich besonders gut um einzelne Bereiche kümmern können. Wie genau die Vermittlung im Anschluss an den Qualifizierungskurs abläuft und Kulturdolmetscher und Migranten zueinander finden, steht allerdings noch nicht fest. Vor dem Kurs sollten sich die Teilnehmer bewusst machen, dass sie "gebraucht werden" und auch zeitliche Flexibilität mitbringen, rät Ahlem. "Dann sind die Kulturdolmetscher aber ein Gewinn für alle, denn sie geben den Schatz der Kultur, den sie in sich tragen, weiter." Der Kurs ist zunächst als Präsenzveranstaltung angedacht, bei unveränderten Einschränkungen durch die Corona-Pandemie findet der Kurs als Online-Veranstaltung statt. Es sind ein Kurs im Mai in Amberg und ein Kurs im Juni in Weiden vorgesehen.

Kulturdolmetscher sind ein Gewinn für alle, denn sie geben den Schatz der Kultur, den sie in sich tragen, weiter.

Ahlam Bendadda-Erraji

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Mehr zum Qualifizierungskurs Kulturdolmetscher

Hintergrund:

Kulturdolmetscher werden - so geht's

  • Qualifizierungskurs des Evangelischen Bildungswerks: 42 Unterrichtseinheiten und eine Praxiserfahrung
  • Teilnahmevoraussetzungen: Eigene Migrationserfahrung, gute Deutschkenntnisse (mind. B1), Erfahrungen mit dem Leben in Deutschland, Interesse am Ehrenamt
  • Kulturdolmetschende erklären kulturelle Hintergründe und Unterschiede, begleiten zu Einrichtungen und Behörden und leisten einen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis und Zusammenleben
  • Informationen und Anmeldung: Bettina Hahn, 0160/91718282 oder ebw.oberpfalz[at]elkb[dot]de

 

 

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