04.02.2021 - 15:56 Uhr
AmbergOberpfalz

Oberpfälzer dreht Film über Flüchtlinge in Griechenland

Bastian Schertel setzt sich für Geflüchtete in Griechenland ein und dreht einen Film über deren aussichtslose Lage. Die ist „viel schlimmer“, als der 26-Jährige aus Amberg-Sulzbach sich das vorstellen konnte.

Der gebürtige Oberpfälzer Bastian Schertel reiste nach Griechenland, um die Situation der Flüchtlinge dort in Bildern und einem Dokumentarfilm festzuhalten.
von Miriam Wittich Kontakt Profil

Der Film wird in Schwarz-Weiß erscheinen, denn dort, wo Bastian Schertel gedreht hat, gibt es kein Licht. Der 26-Jährige, der aus Amberg-Sulzbach stammt und in der Nähe von München lebt, reiste im Oktober nach Griechenland. Sieben Wochen lang dokumentierte der Fotograf und Filmemacher die Situation der Flüchtlinge dort. Gemeinsam mit einer Kameraassistentin aus Berlin war er in Athen, Thessaloniki und auf Lesbos. Mit seinem Film, der Ende 2021 erscheinen sein soll, will er Aufklärungsarbeit leisten und zeigen: „Für manche Menschen ist die Welt ein schrecklicher Ort, trist und grau. Andere hatten Glück.“

Was Bastian Schertel auf seiner Reise gesehen und erlebt hat, war „viel schlimmer“, als er es sich vorstellen konnte. „Die Menschenrechte sind hier ausgesetzt“, sagt er. Seinem Eindruck nach ist der griechischen Regierung das Wohlergehen der Geflüchteten egal. „Ohne Nichtregierungsorganisationen hätten die Leute dort gar nichts.“

Mit solchen arbeitet auch der Oberpfälzer zusammen. Sie halfen ihm, Kontakte zu knüpfen und vermittelten Übersetzer. Außerdem hat Schertel neben dem Camp Diavata bei Thessaloniki in einem Schulzentrum für geflüchtete Frauen und Mädchen geholfen und dort eine Fotografie-Klasse aufgebaut. „Den Frauen soll eine Möglichkeit gegeben werden, das Erlebte zu verarbeiten. Fotografie ist da ein ganz tolles Mittel“, erklärt Schertel, der bald wieder nach Griechenland reisen möchte.

Langfristige Hilfe

Wegen Corona musste er im November zurück nach Deutschland. Doch den Kontakt hält er noch immer. Es tue gut, Fortschritte zu sehen. „Jeder Mensch dort hat seine Geschichte, und ich weiß, dass ich nicht jedem helfen kann. Dafür reichen meine Mittel nicht“, schildert der 26-Jährige. „Aber wenn sich mir jemand öffnet, versuche ich, langfristig zu helfen.“ Vor seiner Abreise hatte er Spenden gesammelt, von diesem Geld organisierte er vor Ort Unterkünfte, Rechtsbeistand, Medizin, Schlafsäcke oder warme Kleidung. „Es ist mir eine Herzensangelegenheit, die Leute weiter zu betreuen, mit denen ich gearbeitet hab.“ Diese aktive Hilfe helfe auch ihm selbst, mit dem umzugehen, was er gesehen hat.

Da seien Kinder gewesen mit offenen Wunden bis zu den Knochen. Den Flüchtlingen sei es egal, wohin sie kommen. „Sie wollen einfach ein Leben in Sicherheit und Freiheit“, sagt der Filmemacher. „Was sie hier vorfinden, ist die Hölle.“ Die Menschen würden jeden Morgen in feuchten Zelten aufwachen, das Essen sei teilweise vergammelt, erzählt Schertel: „Ein kleines Mädchen sagte zu mir: ,Hätten wir gewusst, was uns hier erwartet, wären wir zu Hause geblieben. Da wären wir nur einmal gestorben, hier sterben wir jeden Tag.’“

Die andauernde Flüchtlingskrise zeuge von einem kollektiven politischen Versagen der gesamten EU.Als großes Problem macht Schertel strukturellen Rassismus aus. Zum Beispiel verhänge die griechische Polizei jetzt während Corona Bußgelder, wenn Flüchtlinge keine Masken tragen. „Obwohl sie kein Geld haben und nichts verdienen dürfen.“

Die Camps seien alle vom Militär organisiert. „Die wollen vermeiden, dass Bilder nach außen gelangen“, erzählt Schertel. „Deshalb ist es eigentlich verboten, in und um die Camps zu filmen, aber wir haben es immer wieder geschafft, uns oder die Kamera vorbei zu schmuggeln.“ Wirklich unsicher hat Schertel sich aber nie gefühlt, eher beobachtet.

Beklemmende Stimmung

Die Stimmung sei beklemmend. Auf Lesbos sei das besonders schlimm. „Du betrittst die Insel und merkst, irgendetwas stimmt nicht.“ Es herrsche eine Ruhe, die etwas anzukündigen scheint, aber nichts passiert, schildert der 26-Jährige. „Wie ein Topf, der kurz vorm Überkochen ist.“ Die Menschen kämen hier mit der Vorstellung an, dass es bald weitergeht. Und dann passiere monatelang nichts. Ihnen werde nichts erklärt, die Dokumente nicht übersetzt. „Sie kommen nicht vorwärts.“ Bei der Überbevölkerung auf den Inseln, der fehlenden Unterstützung und Kontrolle sei es auch verständlich, dass es zwischen den Einheimischen und den Asylsuchenden zu Auseinandersetzungen komme. Häufig gehe sich das an denjenigen aus, „die am wenigsten dafür können“.

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Hintergrund:

Person und Projekt

  • Bastian Schertel ist gebürtig aus Sulzbach-Rosenberg.
  • Im Drahthammer Schlößl in Amberg machte er eine Ausbildung zum Koch.
  • Danach arbeitete er in der Schweizer Sternegastronomie.
  • In den Bergen entdeckte er seine Leidenschaft für die Fotografie.
  • Autodidaktisch brachte Schertel sich das Fotografieren und Filmen bei.
  • Vor vier Jahren machte er sein Hobby zum Beruf.
  • Heute lebt der 26-Jährige bei München und arbeitet hauptberuflich als Fotograf und Filmemacher.
  • Zu seinen Kunden zählen Panasonic, Canon, Booking.com und Formate wie TerraX.
  • Auf eigene Kosten reiste er im Oktober für knapp 2 Monate nach Griechenland.
  • In Thessaloniki, Athen und auf Lesbos hielt er die Situation der Flüchtlinge mit der Kamera fest.
  • Vor Ort arbeitete er auch mit Hilfsorganisationen zusammen.
  • Ende 2021 soll sein Dokumentarfilm erscheinen.
  • Die Musik dazu kommt von Musikarama. Einem Projekt mit dem Ziel, Menschen auf der Flucht aus verschiedenen Kulturen mittels Musik zu vereinen.
Zahlen und Daten der UNO:

Die Flüchtlingssituation in Griechenland

  • Die UNO-Flüchtlingshilfe vermeldet, dass (Stand Januar 2021) 119.500 Flüchtlinge und Migranten in Griechenland leben.
  • Das Land sieht sich seit Beginn des Konfliktes in Syrien im Jahr 2011 mit einem vermehrten Flüchtlingszustrom konfrontiert.
  • Allein 2019 kamen 74.600 Flüchtlinge dort an.
  • Zwischen Januar und Oktober 2020 erreichten 9.243 Menschen Griechenland über den Seeweg.
  • 47 Prozent davon kamen auf der Insel Lesbos an.
  • Es sind hauptsächlich Menschen aus Afghanistan und Syrien.
  • Mehr als die Hälfte von ihnen sind Frauen (23 Prozent) und Kinder (36 Prozent).
  • Laut UNO leben auf den griechischen Inseln derzeit mehr als 19.000 Menschen in fünf Aufnahmezentren, die ursprünglich für 5.400 Menschen konzipiert waren.
  • Tausende Menschen hätten keinen ausreichenden Zugang zu sanitären Einrichtungen.
  • Oftmals fehle der Zugang zu wichtigen Informationen über das Asylverfahren.
  • Im September 2020 zerstörte ein Brand das Aufnahmelager Moria auf Lesbos.

 

 

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