21.05.2019 - 18:46 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Landgericht revidiert Urteil gegen Autofahrer

Das Landgericht Weiden hob am Dienstag die im Januar am Amtsgericht verhängte Bewährung gegen einen Autofahrer auf. Der Mann hatte 2017 einen Radfahrer überfahren und das Opfer liegengelassen. Der Radler starb.

Der tödliche Unfall passierte am 29. August 2017 auf der Gemeindeverbindungsstraße zwischen Etzenricht und Weiherhammer kurz nach der Einmündung in die Etzenrichter Straße. Der Unfallverursacher hatte das Opfer nach dem enormen Aufprall auf den VW Transporter liegen gelassen und war geflüchtet.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Zwei Jahre Haft auf Bewährung, 6000 Euro Bewährungsauflage in Raten und drei weitere Jahre Führerschein-Entzug: Dazu verurteilte das Amtsgericht Weiden den Autofahrer im Januar wegen fahrlässiger Tötung und Unfallflucht. Der 33-Jährige hatte im August 2017 zwischen Etzenricht und Weiherhammer einen Radfahrer überfahren und liegengelassen. Der Mann war laut Gutachten direkt nach dem Aufprall auf den VW Transporter gestorben. Er hätte nicht gerettet werden können, selbst wenn sofort Ärzte vor Ort gewesen wären.

Die Staatsanwaltschaft legte Berufung gegen das Urteil ein. Das Strafmaß werde insbesondere dem Verhalten des Angeklagten nach der Tat nicht gerecht. Bei der Verhandlung vor Vorsitzendem Richter Reinhold Ströhle verschärfte das Landgericht nun das Urteil vom Januar tatsächlich deutlich: Der 33-Jährige wurde zu zwei Jahren Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt. Es blieb bei drei Jahren Führerschein-Entzug.

Weiden in der Oberpfalz

Alkohol getrunken

Zu Beginn der gut zweistündigen Verhandlung wollte Richter Ströhle von dem Angeklagten aus dem Landkreis genaue Infos zur Vorgeschichte und zum Hergang des Unfalls am 29. August 2017 gegen 20.30 Uhr hören. Er versuchte, Licht in die Stunden vor der Kollision zu bringen. Der Angeklagte war nach seinem Feierabend mit einem Kollegen zu einem Supermarkt gefahren und hatte dort Bier und Mischgetränke konsumiert. Drei Stunden müssen die beiden Männer dort gewesen sein. Wie viel Alkohol floss, bleibt unklar. Der 33-Jährige hatte dazu schon in seinen Vernehmungen unterschiedliche Angaben gemacht. Ein Alkotest am Tag nach dem Unfall hatte einen Wert von 0 Promille ergeben. "Ich war eigentlich noch fahrtüchtig", sagte er am Dienstag. Der Vater einer kleinen Tochter wiederholte mehrfach, er könne sich kaum erinnern, was während der Fahrt geschah.

Der Angeklagte hatte gestanden, den Radfahrer getötet zu haben und aus Panik von der Unfallstelle verschwunden zu sein. Doch zuvor hatte er wiederholt versucht, seine Beteiligung am Unfall zu verschleiern. So meldete er sich am Folgetag bei der Polizei und behauptete, jemand anderes müsse mit dem beschädigten Transporter verunfallt sein und habe Fahrerflucht begangen. Er hatte das Auto nach dem Unfall bei einem Freund geparkt und diesen zwei Mal gebeten, ihm für den Abend ein Alibi zu geben. Mit Erfolg. Doch der Zeuge knickte ein, als er erfuhr, dass jemand getötet worden war.

Überführt wurde der Angeklagte, weil ein Polizist, der am Dienstag als Zeuge geladen war, am Unfallort ein Teil eines VW Transporters entdeckte. Zufällig habe ein Feuerwehrmann vor Ort angemerkt, er habe einen passenden beschädigten Transporter gesehen. Der Polizei-Oberkommissar betonte, der Angeklagte habe erst gestanden, als er mit diesen Erkenntnissen konfrontiert worden sei.

"Gehirn war aus"

Der Angeklagte erinnerte sich am Dienstag doch an ein paar Details. Er habe den Radfahrer nicht gesehen. Er habe kurz vor dem Unfall eine Baseballmütze auf die Armaturen gelegt und ein Mal an seiner E-Zigarette gezogen. Vielleicht habe ihn das abgelenkt. "Als der Unfall passiert war, hatte ich Panik. Mein Gehirn war auf gut Deutsch gesagt aus."

Ein Blick in das Leben des Angeklagten offenbarte, dass er noch heute unter dem Unfall leidet. Nach seiner Verurteilung und dem Entzug des Führerscheins habe er seinen Job verloren. Er arbeite wieder, doch seine Versicherung wolle wegen der Unfallflucht den Schaden nicht decken. Sie klage auf fast 80 000 Euro, so Verteidiger Engelbert Schedl. "Sie werden finanziell und vom Gewissen her sicher noch lange leiden", sagte Staatsanwalt Peter Frischholz. Der Angeklagte hatte beteuert, ihm tue die Tat leid. Dennoch habe er dreist versucht, die Tat zu verschleiern und sei erst umgekippt, als die Beweise erdrückend geworden seien, so Frischholz. Er forderte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten ohne Bewährung. Das Plädoyer von Verteidiger Schedl half nicht.

"Sie haben aus Fahrlässigkeit einen Menschen umgebracht", begründete Richter Ströhle das Urteil. Der Angeklagte sei sich sicher bewusst gewesen, einen Menschen überfahren zu haben. "Es ist eine bodenlose Sauerei und kann von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden, den Menschen da liegenzulassen. Sie konnten nicht wissen, dass er sofort tot war. Die Möglichkeit, dass er im Graben verreckt, war greifbar. Wenn Sie wenigstens Hilfe gerufen hätten." Gegen das Urteil ist Revision möglich.

https://www.onetz.de/weiherhammer/vermischtes/verursacher-fluechtet-polizei-sucht-zeugen-fahrradfahrer-stirbt-nach-unfall-d1777043.html

https://www.onetz.de/weiherhammer/vermischtes/verursacher-fluechtet-polizei-sucht-zeugen-fahrradfahrer-stirbt-nach-unfall-d1777043.html

Info:

Begründung für das Urteil im Januar

Richter Alexander Wedlich hatte den Unfall im Januar am Amtsgericht als „Augenblicksversagen, wie es jedem von uns passieren könnte“ bezeichnet. Staatsanwältin Franziska Paintner dagegen hatte die Dreistigkeit angeprangert, mit der der Angeklagte versucht hatte, seine Schuld zu vertuschen. Sie hatte schon im Januar eine Freiheitsstrafe „ohne“ gefordert. Verteidiger Schedl jedoch plädierte auf eine Bewährungsstrafe von maximal zwei Jahren. Dem Verunfallten hätte ohnehin niemand mehr helfen können. Außerdem solle ma dem angeklagten Familienvater, der Arbeit habe und sozial eingeordnet lebe, nicht das Leben verbauen. Er leide bis heute unter seiner Schuld.

Kommentar:

Was ist gerecht?

"Augenblicksversagen" oder „bodenlose Sauerei“? Die Einschätzungen und Urteile der beiden Richter zu dem Unfall, bei dem im Jahr 2017 ein Radfahrer ums Leben kam, liegen weit auseinander. Im Januar verurteilte das Amtsgericht den Angeklagten unter anderem zu zwei Jahren auf Bewährung. Am Dienstag bekam er vor dem Landgericht zwei Jahre Freiheitsstrafe ohne Bewährung.
Das erste Urteil schockierte viele. Bewährung für jemanden, der aus Fahrlässigkeit einen Menschen getötet und dann die Tat zu verschleiern versucht hat? Kann das gerecht sein?
Wer dagegen den sichtlich mitgenommenen Angeklagten zwei Jahre nach dem Unfall sieht, muss sich fragen, welche Auswirkungen ein Aufenthalt im Gefängnis für ihn und seine junge Familie haben könnte. Die Sozialprognose des 33-Jährigen bezeichnete der Vorsitzende Richter Reinhold Ströhle als gut.
Nach einem tödlichen Unfall in Panik zu geraten, ist menschlich. Dann jedoch nicht einmal anonym Hilfe zu rufen, nicht. Das kann man nicht wegargumentieren. Ströhle betonte bei der Urteilsverkündung: Sollte der Angeklagte Revision einlegen, könne ihm noch Schlimmeres drohen. Denn es sei „nicht abwegig, über versuchten Totschlag oder Mord durch Unterlassung zu verhandeln“.

Sonja Kaute

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