26.02.2020 - 22:17 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Marco Politi spricht über den Bürgerkrieg in der katholischen Kirche

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Wenige Journalisten kennen den Vatikan so gut wie Marco Politi. Wenn er den gegenwärtigen Machtkampf in der katholischen Kirche beschreibt, wählt er deutliche Worte - so wie in seinem Buch "Das Franziskus-Komplott".

Wind wirbelt den Schal von Papst Franziskus durcheinander als er auf Petersplatz kommt. Heftiger Gegenwind bläst dem Oberhaupt der katholischen Kirche auch aus den Reihen der Kardinäle und Bischöfe entgegen. Der Journalist Marco Politi spricht deshalb vom inneren Bürgerkrieg in der Kirche.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Franziskus ist umzingelt, schreibt Marco Politi zu Beginn seines neuen Buches. Von Washington bis Warschau weht dem Papst ein kalter Wind entgegen. Im Interview spricht der italienische Journalist über die Gegenspieler des Papstes - darunter ein Regensburger.

ONETZ: Herr Politi, Sie lesen in Weiden, im früheren Bistum Regensburg von Kardinal Gerhard Ludwig Müller, aus ihrem neuen Buch. Ist er ein Feind oder Gegenspieler des Papstes?

Marco Politi: Kardinal Gerhard Ludwig ist ein Gegner von Papst Franziskus. Schon als Präfekt der Glaubenskongregation hat er gesagt, der Papst sei kein Theologe und dass man da etwas nachhelfen müsse. Müller hat in letzter Zeit ein Glaubensmanifest veröffentlicht in dem er von einer großer Verwirrung in der Kirche spricht. Das ist wieder eine direkte Kritik an der Regierung des Papstes. Und er war ein starker Gegner in der Diskussion vor und nach der Amazonassynode über die Frage, ob es eine Priesterweihe für verheiratete Männer geben soll.

Der ehemalige Regensburger Bischof, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, gilt als Gegenspieler von Papst Franziskus.

ONETZ: Kardinal Müller kennt Teile Südamerikas. Er zeigte Verständnis für die Befreiungstheologie. Hätten sich beide nicht verstehen müssen?

Marco Politi: Ja. Müller hat auch ein Buch mit Gustavo Gutierrez geschrieben, einem großen Theologen der Freiheitstheologie. Aber das zeigt die Komplexität die es unter den Persönlichkeiten in der Kurie gibt. Es ist immer falsch, die Kurie entweder schwarz oder weiß zu malen. Es gibt Personen, Kardinäle und Bischöfe, auch in der Weltkirche, die zu verschiedenen Problemen verschiedene Stellungen haben.
Es gibt Personen wie Müller, die Verständnis haben für die Theologie einer Befreiung. Ich würde nicht von Befreiungstheologie sprechen, denn Befreiungstheologie hatte marxistische Züge. Das meint Kardinal Müller ganz bestimmt nicht. Auf jeden Fall eine Theologie der sozialen Befreiung, der Emanzipation. Aber andererseits ist er gegen die Priesterweihe von verheirateten Männern. Ich kenne Priester in Rom, die öffnen Abends ihre Kirchen, damit die Leute ohne Unterkunft dort schlafen können. Aber ganz aggressiv sind, wenn der Papst sagt, wer bin ich, um über einen Homosexuellen ein Urteil zu fällen. Deshalb wundert es mich nicht, dass Kardinal Müller diese soziale Dimension hat. Aber in diesem Jahr war er ein systematischer Gegner von Papst Franziskus.

ONETZ: Welche Rolle spielt Gloria Fürstin von Thurn und Taxis in der katholischen Kirche?

Marco Politi: Gloria von Thurn und Taxis ist vor allem in Deutschland berühmt. Natürlich hat sie diese Beziehungen, natürlich schauen verschiedene konservative Prälaten auf Gloria von Thurn und Taxis oder treffen sich bei ihr. Aber auf Weltebene oder auf Kurien-Ebene spielt Gloria von Thurn und Taxis überhaupt keine Rolle. Das ist so, als ob eine Dame irgendwo eine Teestunden mit progressiven oder mit konservativen Prälaten macht, aber es hat keinen Einfluss auf die Weltkirche.

Zur Person::

Der Vatikankenner Marco Politi

Der 73-jährige Marco Politi berichtete rund 20 Jahre für die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ aus dem Vatikan. Später wechselte der Journalist zur Zeitung „Il Fatto Quotidiano“. In Deutschland schrieb der Vatikankenner unter anderem als Gastautor für die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Politi veröffentlichte eine Reihe von Büchern über den Vatikan, unter anderem über die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sowie zwei Bücher über den amtierenden Papst Franziskus. (paa)

Der italienische Journalist, Autor und Vatikankenner Marco Politi.

ONETZ: Kardinal Reinhard Marx zieht sich als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz zurück. Schwächt das die Position von Papst Franziskus?

Marco Politi: Einerseits wird Kardinal Marx noch sehr gut mit Papst Franziskus arbeiten, denn er ist Mitglied des Rats der Kardinäle, dieses Kronrats von Papst Franziskus, der ihm helfen muss, über die Kirchen-Probleme auf Weltebene zu reflektieren. Zudem ist er Chef des ökonomischen Rates, des Wirtschaftsrates in der Kirche. Auch da ist er sehr engagiert, gerade in diesen Monaten, um zu sehen, dass der Haushalt des Vatikan nicht aus der Balance kommt. Anderseits bin ich der Meinung, dass die Tatsache, dass er nicht mehr als Vorsitzender der deutschen Bischofkonferenz kandidiert, darauf zurückzuführen ist, dass er merkt, es hat nach der Amazonassynode eine Stagnationsperiode angefangen, nachdem sich der Papst nicht für die Priesterweihe von verheirateten Männern entschieden hat. Marx merkt, dass es nicht weiter vorangeht, im Bereich der Frauen, im Bereich der „viri probati“. Da hat er, meiner Meinung nach, keine Lust die nächsten Jahre damit zu verbringen, als Chef der Bischofskonferenz eine Position des Vatikan zu verteidigen, mit der er nicht einverstanden ist.

ONETZ: Papst Franziskus hat vor einem Schisma, vor einem Gegenpapst gewarnt. Zielt das auf den früheren Papst Benedikt?

Marco Politi: Nein, das zielt ganz bestimmt nicht auf den ehemaligen Papst Benedikt. Joseph Ratzinger hat sich in den ersten fünf Jahren immer sehr korrekt verhalten. Er hatte bei seinem Rücktritt gesagt, er würde gegenüber seinem Nachfolger absoluten Gehorsam zeigen. Das hat er auch getan. Manchmal kamen zu ihm Bischöfe oder Kardinäle, die sich über Papst Franziskus beklagten. Da ist ihnen Benedikt nie nachgegangen. Er hat immer gesagt, der Papst weiß was er tut, es gibt nur einem Papst, ich bin nicht die Kontrolle.

ONETZ: Hat sich das geändert?

Marco Politi: Im Jahr 2018 ist zum ersten Mal ein Riss in diese Beziehung gekommen, die eine gute Beziehung war. Papst Franzikus hat immer gesagt, dass er Ratzinger als einen weisen Großvater achte. Er hat ihm auch immer gesagt er soll sich frei bewegen, soll treffen wenn will und soll sprechen wann er will. Der Riss zeigte sich, als Papst Franziskus gesagt hat, dass die Wurzel der Missbrauchsskandale im Klerikalismus liegt. Franziskus sagt, dass Klerikalismus ein Missbrauch der Macht, ein Missbrauch der Gewissen und ein sexueller Missbrauch ist.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI.

ONETZ: Wie hat Papst Benedikt reagiert?

Marco Politi: Joseph Ratzinger hat im bayerischen Klerusblatt einen Artikel veröffentlicht, in dem er eine entgegengesetzte These entwickelte. Er sagte der Missbrauch gehe auf den Rückgang des Gottesglaubens zurück, den Rückgang der Moraltheologie und hänge mit der schlecht verstandenen sexuelle Revolution der 1960er zusammen. Wenigstens in diesem Fall hatte Ratzinger noch Papst Franziskus und das Staatssekretariat um Erlaubnis gebeten, diesen Artikel zu veröffentlichen.
Jetzt mit dem Buch von Kardinal Sarah und dem Beitrag von Ratzinger war es nicht so. Da hat sich Ratzinger zum ersten Mal in die Regierungsentscheidung von Papst Franziskus eingemischt. Das kann nicht sein. Diesmal gab es eine richtige Konfrontation unter den beiden.

ONETZ: Wen meint Franziskus dann?

Marco Politi: Wenn Papst Franziskus von der Gefahr eines Schismas spricht, denkt er an diese Bewegung die sich in den letzten Jahren in der katholischen Kirche ausgebreitet hat, angefangen mit der Familiensynode. Da gab es Bücher von Kardinälen und von Bischöfen, die gegen die Möglichkeit waren, die Kommunion den wiederverheirateten Geschiedenen zu geben. Dann gab es Apelle. Vier Kardinäle, darunter Meißner und Brandmüller, haben die Autorität des Papstes infrage gestellt. Und dann hat es eine systematische Deligitimationskampagne gegen den Papst gegeben. Daran denkt der Papst, wenn er vom Risiko eines Schismas spricht. Ganz bestimmt haben auch Kardinal Müller und Kardinal Burke dazu beigetragen diesen inneren Bürgerkrieg in der Kirche zu entfesseln.

ONETZ: Die Gegner scheinen Franziskus zuzusetzen. Kann und will er noch Reformen anstoßen?

Marco Politi: Papst Franziskus hat verschiedene Reformen gemacht. Er hat zum Beispiel diese ganze Sex-Besessenheit der Kirche wegen der Pille, vorehelichen Beziehungen und homosexuellen Partnerschaften sowie die Dämonisierung der Homosexualität abgeschafft. Er hat eine Reform der Kurie angefangen. Er hat die Dikasterien straffer organisiert. Es gibt weniger Kardinäle und er hat begonnen, Frauen in Führungspositionen der Kurie zu setzen, als Untersekretäre. Er hat eine Reinigungsarbeit in der Vatikanbank gemacht.
Und er hat gerade nach vielen Problemen und viel Sabotage im Falle des Missbrauchs einige Dekrete erlassen, in dem die Prozedur festgelegt wird, um Bischöfen, die verheimlichen oder auch Täter sind, den Prozess zu machen. Er hat das päpstliche Geheimnis bei Prozessen wegen Missbrauchs abgeschafft. Das bedeutet, dass auch die Archive im Vatikan oder der Diözesen für die weltliche Gerichtsbarkeit offen sein können.

Kardinal Müller erntet heftigen Widerspruch

München

ONETZ: Aber die Amazonssynode hat die von vielen erhoffte Öffnung nicht gebracht ...

Marco Politi: Jetzt gab es eben diesen Stillstand mit dem Problem der verheirateten Männer, die die Priesterweihe bekommen könnten, wie es die Amazonassynode gefordert hatte. Ganz bestimmt ist der Papst in diesem Moment in einer schwierigen Position. Er steht sozusagen mit dem Rücken zur Wand, auch was die Möglichkeit des Frauendiakonats anbelangt. Aber Papst Franziskus ist zäh. Er hat auch gesagt, man muss auch gegen den Wind rudern. In Buenos Aires sagt er mir immer, er ist ein politischer Kopf. Also einesteils fühlt sich Papst Franziskus sicher belagert, wie er seinen jesuitischen Mitbrüdern in Madagaskar gesagt hat, aber andererseits ist er auch eine Persönlichkeit die Vorangehen will und man kann auch mit Überraschungen rechnen in den nächsten Jahren.

Marco Politi: Das Franziskus-Komplott. Der einsame Papst und sein Kampf um die Kirche. Freiburg 2020, Herder-Verlag, 304 Seiten, 24 Euro
Das Buch: :

„Das Franziskus-Komplott“

Mit seinem jüngsten Buch „Das Franziskus-Komplott“ ist der italienische Vatikankenner Marco Politi derzeit auf Lesereise durch Deutschland. Darin beschreibt er die Hintergründe des Machtkampfes in der Katholischen Kirche und warum Papst Franziskus derzeit der Wind ins Gesicht weht. Der Journalist stellt das Buch am Mittwoch 4. März um 19:30 Uhr im Pfarrheim „Herz Jesu“ in Weiden vor. Der Eintritt beträgt 7 Euro.

Marco Politi: Das Franziskus-Komplott. Der einsame Papst und sein Kampf um die Kirche. Freiburg 2020, Herder-Verlag, 304 Seiten, 24 Euro

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.