29.07.2020 - 17:44 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Menschenraub-Prozess: Auch Verurteilung wegen Nötigung möglich

Den sechsten Verhandlungstag vor dem Landgericht Weiden im Menschenraub-Prozess bestimmen die Aussagen der bearbeitenden Polizeibeamten. Die Verteidigung stellt derweil Anträge wegen Befangenheit und zweifelt weiter an der Geschädigten.

Das Strafgesetzbuch
von Matthias Schecklmann Kontakt Profil

Neben den Anklagepunkten Menschenraub und Schleusung kommt nun auch eine Verurteilung wegen Nötigung in Betracht. Das teilte das Gericht am Mittwochnachmittag mit. Der Verteidiger von Khaled E. stellte am sechsten Prozesstag vor dem Landgericht Weiden unterdessen mehrere Anträge, unter anderem den Beisitzenden Richter Matthias Bauer wegen Befangenheit auszutauschen. Zuletzt beantragte er die Vernehmung einer Mitarbeiterin des deutschen Konsulats in Ankara als Zeugin, um die Glaubwürdigkeit der Geschädigten erneut zu überprüfen. Die beiden Angeklagten schweigen weiterhin eisern.

Wusste Khaled E. über die Pläne seines Vaters Ahmad E., seine Frau gegen ihren Willen zurück nach Syrien zu bringen, Bescheid? Darum und die Einzelheiten der ihm vorgeworfenen Vergewaltigungen und Schläge ging es. Dazu sagten die Polizeibeamten aus, die an dem Fall der damals vermissten Geschädigten arbeiteten.

Menschenraub-Prozess am Landgericht Weiden: Verteidigerin zieht sich zurück

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Ausführlich berichteten die Beamten der Kriminalpolizei von ihrer Arbeit. Nachdem die Geschädigte mehrere Monate als vermisst galt, sei ihnen bestätigt worden, dass sich die Frau in der Türkei aufhalte. Über das deutsche Konsulat ist ihr anschließend die Rückreise nach Deutschland ermöglicht worden. Gegenüber der Polizei erklärte sie, dass sie „unfreiwillig ausgereist“ sei und nur „unter Drohungen“ ohne ihr Kind die Reise antrat.

Ihr Schwiegervater Ahmad E. habe ihr gesagt, dass sie wegen ihrer Aufenthaltsverlängerung mit ihm nach Griechenland müsse. Von dort ging es allerdings weiter in die Türkei. Er habe ihr zuvor gedroht, dass sie ihren kleinen Sohn nie wieder sehe, wenn sie ihn nicht begleitet.

Prozess wegen Menschenraub am Landgericht Weiden: Sohn als Druckmittel benutzt

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Bei seiner Vernehmung bei der Polizei erzählte der Schwiegervater damals seine Version. Die junge Frau hätte Heimweh nach Syrien bekommen. Sie habe die Rückreise selbst organisiert. Er habe sie nur auf Anweisung ihres Vaters begleitet. Von Eheproblemen zwischen ihr und seinem Sohn will er nichts gewusst haben. Die Geschädigte selbst bezeichnete Ahmad E. bei der Polizei als „Schleuser“. Auch soll er die Pässe seiner Familie gegen Geld verliehen haben.

Auch mit den in Syrien lebenden Eltern der jungen Frau hatten die Polizeibeamten Kontakt. Der Vater sagte, dass er seine Tochter zurücknehmen würde, wenn die arrangierte Ehe in Deutschland nicht funktioniere. Als sie mitbekamen, dass sich ihre Tochter in der Türkei befindet, veranlassten sie über Verwandte eine Vermisstenmeldung.

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Nicht ganz klar ist weiterhin, ob Khaled E. in die Pläne seines Vaters eingeweiht war, dass seine Frau zurück nach Syrien gebracht werden sollte. Er habe zum Beispiel mit der Mutter der Geschädigten telefoniert, weil er sich Sorgen mache. Nach einem kurzen Treffen mit dem Vater der Geschädigten in Syrien reiste Ahmad E. über Prag zurück. Das ließ sich anhand seines Passes nachweisen.

Eine Polizeibeamtin, die mit Opfern häuslicher Gewalt arbeitet, berichtete über die Vernehmung der Geschädigten. Sie erzählte von Schlägen und Vergewaltigungen. „Ich hatte keinen Zweifel daran, dass es so passiert sein könnte. Auf mich wirkte sie glaubhaft“, erklärte die Beamtin auf Nachfrage des Verteidigers.

Info:

So lautet die Anklage

Der Prozess gegen Ahmad E. und seinen Sohn Khaled E. vor dem Landgericht Weiden hat am 25. Juni begonnen. Ahmad E. soll für die Geschädigte die Schleusung von Syrien nach Deutschland organisiert und sie selbst aus Griechenland abgeholt haben. Bereits zuvor war sie mit seinem Sohn Khaled E. verheiratet worden. In der Oberpfalz begann für die heute 21-Jährige eine brutale Tortur, weil sie sich laut Anklage „nicht widerstandslos unterwerfen“ wollte. Sie soll von ihrem Mann geschlagen und vergewaltigt worden sein. Nach der Geburt eines Sohnes sollen die Angeklagten versucht haben die Frau zurück nach Syrien zu bringen. Der Schwiegervater soll sie unter falschem Vorwand in die Türkei gebracht haben. Von dort sollte sie zurück nach Syrien ohne ihren neugeborenen Sohn. Die Staatsanwaltschaft Weiden wirft den Männern daher Menschenraub in Tateinheit mit Entziehung Minderjähriger vor. Ahmad E. wird zudem die Einschleusung von Ausländern vorgeworfen. Seinem Sohn Khaled wird gefährliche Körperverletzung in insgesamt acht Fällen, zum Teil mit Bedrohung und Freiheitsberaubung, vorsätzliche Körperverletzung in drei Fällen sowie Vergewaltigung in vier Fällen vorgeworfen.

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