12.06.2018 - 18:32 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Jede Sekunde Angst zu sterben"

22 Stunden sind die Männer auf engstem Raum in einer kleinen Holzkiste zusammengepfercht. Sie können kaum atmen, sich nicht bewegen. Eine Pause gibt es während der Fahrt von Rumänien nach Deutschland nicht, auf der sie "schreckliche Angst um ihr Leben haben".

In einer kleinen engen Holzkiste im doppelten Boden eines kleinen Lkws brachten zwei Schlepper im August 2017 acht Männer von Rumänien nach Deutschland.
von Julia Hammer Kontakt Profil

(juh) Die Zustände in dem kleinen Lkw seien schlimm gewesen, die Kosten für die Schleusung von Bulgarien nach Deutschland immens. Bis zu 10 000 US-Dollar haben die acht Männer, die am 10. August 2017 die deutsche Grenze bei Waidhaus in der Holzkiste überquerten und die fünf, die den gleichen Weg vier Tage später bewältigen mussten, an die Schleuser gezahlt. Die mutmaßlichen Täter - zwei Rumänen - sitzen auf der Anklagebank vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Landgerichtspräsident Gerhard Heindl.

Bislang schweigen die Angeklagten, 49 und 43 Jahre alt, zu den Tatvorwürfen von Staatsanwalt Christian Härtl: Unter "qualvollen Zuständen" sollen die zwei Männer 2017 37 Flüchtlinge in einem nur 117 Zentimeter breiten, 27 bis 37 Zentimeter hohen und 329 Zentimeter langen Versteck in einem weißen Klein-Lkw nach Deutschland eingeschleust haben. Die Fahrten - insgesamt fünf - sollen zwischen 16 und 22 Stunden gedauert haben. Nur wenige Luftlöcher in der Ladefläche hätten die Geschleusten mit Luft versorgt, "wobei die darunter liegende Auspuffanlage undicht war".

Die Männer werden des gewerbs- und bandenmäßigen Einschleusens von Ausländern in fünf beziehungsweise sieben Fällen beschuldigt. Anders als die Angeklagten sind acht der geschleusten Männer bereit, ihre Geschichte vor Gericht zu erzählen. Vier von ihnen kamen am 10. August 2017 nach Deutschland, vier am 14. des gleichen Monats. Die Aussagen sind fast identisch, das Vorgehen der Schleuser immer gleich. Ein Wagen bringt die Flüchtlinge von Bulgarien an die rumänische Grenze in ein Waldstück. Dort sammelt sie der Lkw ein. Die Männer müssen auf der Ladefläche im hinteren Teil des Fahrzeugs in die kleine in den doppelten Boden eingelassene Kiste kriechen. Sie können sich nicht bewegen, kaum atmen, erinnern sie sich.

"Es war dunkel, wir hatten nichts zu essen, nichts zu trinken. Wenn das Fahrzeug angehalten hat, kam so gut wie keine Luft durch die Löcher. Ich hatte jede Sekunde Angst zu sterben", erinnert sich ein 27-jähriger Iraker. Die Fahrer nehmen ihnen die Handys ab, sagen, sie sollen sich ruhig verhalten. Geraten sie in eine Kontrolle, würden sie drei Mal klopfen. "Dann sollten wir besonders ruhig sein", erzählt ein 17-Jähriger. Pausen habe es nicht gegeben, auch nicht, um auf die Toilette zu gehen. "Mussten wir, hatten wir Flaschen", betont ein 29-Jähriger, ebenfalls aus dem Irak.

Regungslos verfolgen die Angeklagten die Aussagen, die Schilderungen der "Angst zu ersticken". An die Fahrer können sich die geschleusten Männer nicht erinnern - bis auf einen. Ein 27-jähriger Iraker, der am 14. August mit vier weiteren Menschen über Waidhaus in die Bundesrepublik kam, glaubt den jüngeren Angeklagten als einen der Fahrer zu erkennen. "Ich bin mir ziemlich sicher. Aber ich habe Angst um mein Leben." Kurz nach der Grenze lassen die Schleuser die Männer nach jeder Fahrt aus dem Wagen, geben ihnen ihre Handys zurück, verschwinden. Ein Polizist, der "rein zufällig" privat von Weiden nach Oberviechtach unterwegs ist, bemerkt am 14. August 2017 gegen 19.50 Uhr vier Männer "ohne Gepäck", die auf Höhe Tännesberg auf der B 22 in Richtung Norden laufen. Er kehrt um, spricht sie auf Englisch an, will wissen, wo sie hin wollen. Einer versteht ihn, sagt "Germany". "Sie hatten keine Pässe dabei, waren aber alle kooperativ."

Der Beamte informiert die zuständige Polizei. "Gegen 20 Uhr waren wir dann vor Ort, haben die Gruppe gesehen", erinnert sich einer der alarmierten Beamten. Auf einem nahe gelegenen Reiterhof finden sie einen weiteren Mann, der ebenfalls in dem Schleuser-Lkw war. Die Männer werden auf die Inspektion gebracht, zeigen sich auch dort offen - ähnlich wie bei ihren Aussagen vor Gericht. Der Prozess wird am diesem Mittwoch fortgesetzt. Insgesamt sind zehn Verhandlungstage angesetzt.

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