11.06.2019 - 15:49 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Was weg ist, ist weg

Säuren in Softdrinks sind eine Gefahr für den Zahn. Sie greifen den Schmelz an, machen ihn porös und öffnen ein Einfallstor für Bakterien, die Karies erzeugen. Was Schutz bietet, weiß Zahnarzt Dr. Stefan Ullrich.

Sogar das Zähneputzen kann unter Umständen mehr schaden als nutzen.
von Sandra Schmidt Kontakt Profil

Weiden. (dt) Im menschlichen Körper ist Zahnschmelz der härteste Stoff. Seine Aufgabe: den Zahn umhüllen und schützen. Es braucht einiges, um diese Substanz zu zerstören. Doch der Zahnschmelz hat einen gravierenden Schwachpunkt. Er ist säurelöslich. Und gerade das, was gut schmeckt, enthält oftmals Säure: Limonade und Fruchtsaft, Obst, Wein und Essig nagen am Schmelz, machen ihn porös und anfällig. Bakterien dringen ein, Karies entsteht. Sogar die Allzweckwaffe Zahnbürste kann unter Umständen mehr schaden, als nutzen.

„Karies war früher die Ursache Nummer eins für Verlust von Zahnhartsubstanz“, sagt der Weidener Zahnarzt Dr. Stefan Ullrich. „Sie wurde abgelöst durch Erosion und Abrasion durch Säure.“ Der Grund: Immer mehr – vor allem junge – Menschen greifen regelmäßig und verstärkt zu Soft-Drinks wie Cola und Energy-Drinks. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich um kalorienreduzierte Light-Produkte handelt. Diese enthalten dann zwar keinen Zucker, aber trotzdem auch Inhaltsstoffe wie Phosphor- oder Zitronensäure. „So machen wir unsere Zähne auf andere Weise kaputt“, sagt Dr. Ullrich.

Zahnpflege ist in den vergangenen Jahrzehnten ein großes Thema geworden. „Die Menschen gehen viel bewusster damit um. Das hat zu einem besseren Zahnstatus hinsichtlich Karies geführt“, erklärt der Zahnarzt. Schon im Kindesalter werde über Mundhygiene aufgeklärt. In den Industrieländern sei dadurch die Karies-Rate zurückgegangen. „Früher hatte der Patient schon eine Krone aufgrund von Karies, bevor es überhaupt zu Zahnschmelz-Abbau gekommen ist.“ Heute weisen bereits die Zähne von Jugendlichen gravierende Schmelzdefekte durch Säure auf, weiß Ullrich aus der Praxis.

Was ist Zahnschmelz?

Der Zahnschmelz (Adamantin) ist die äußerste Schicht des Zahns. Er umschließt im oberen Bereich der Krone das Zahnbein (Dentin). Der Zahnschmelz enthält Kalzium, Phosphor, Magnesium und Natrium, einige Proteine und Fette. Zu 95 Prozent ist er anorganisch und besteht weitgehend aus dem Phosphat Hydroxylapatit. Diese Substanz ist säurelöslich. „Zahnschmelz löst sich auf bei einem pH-Wert von 5,5“, erklärt Dr. Ullrich.

Zahnschmelz ist bis zu 2,5 Millimeter dick, nicht von Nerven durchzogen – weshalb Karies anfangs auch nicht weh tut – und kann vom Körper nicht nachgebildet werden. Der Zahnschmelz sorgt auch für den Glanz und das Weiß der Zähne. „Bei normaler Nahrung würde der Mensch in 100 Jahren nur einen Millimeter Zahnschmelz einbüßen. Unter Säure-Einwirkung wird das mit dem Faktor zehn beschleunigt“, warnt Dr. Ullrich.

Die Gefahren:

Als „Erosion“ wird in der Zahnmedizin allgemein der Verlust des Zahnschmelzes durch Säure-Einwirkung bezeichnet. „Abrasion“ ist der Substanzverlust durch Reibung, zum Beispiel durch Schleifpartikel in der Zahnpasta. Eine Form davon ist die „Attrition“, bei der der Verlust von Zahnschmelz durch Kontakt mit den anderen Zähnen entsteht, wie auch beim Zähneknirschen. Gefährlich sei vor allem Erosion in Kombination mit Attrition und Abrasion, sagt Dr. Ullrich. „Das bedeutet einen schnell fortschreitenden Schmelzverlust.“ Plakativ gesagt: Ein Raucher, der sich die Nikotinbeläge mit Zahnweiß-Cremes wegschmirgeln will, überwiegend Cola trinkt und nachts mit den Zähnen knirscht, kann sich von seinem Zahnschmelz schnell verabschieden.

Auch Krankheiten wie Säure-Reflux und Bulimie erkennt ein Fachmann an den Zähnen des Patienten. „Das ständige Übergeben bei Essstörungen greift die Zähne an. Sie erscheinen verkürzt, von der Farbe eher gräulich.“ Menschen mit Reflux-Problemen haben die Schäden an den Innenseiten der Zähne. „Bestimmte Zahnflächen sind betroffener als andere.“

Was tun?

Entscheidend ist, wie häufig man säurehaltige Nahrungsmittel konsumiert. „Der Speichel puffert normalerweise Säure ab. Doch irgendwann schafft er das nicht mehr“, erklärt Dr. Ullrich. Obst tut dem Körper gut, aber nicht jedes Obst ist gut für die Zähne. Wer beispielsweise viel Orangen oder Grapefruits isst, Saft und Wein trinkt, riskiert Schmelzabbau. Auch das Balsamico-Dressing für den Salat sollte man bedenken. Wichtig ist es, dem Speichel nach dem Verzehr von säurehaltigen Speisen ein wenig Zeit zu geben, sein gutes Werk zu vollbringen. „Am besten zwischen 15 und 30 Minuten“, rät Dr. Ullrich. „Also nicht nach dem Orangensaft zum Frühstück sofort die Zähne putzen.“

Dr. Ullrich empfiehlt außerdem fluoridhaltige Zahncreme. „Fluoride sind entscheidend, Aminfluoride am wirksamsten.“ Die Zahncreme sollte man beim Putzen „ruhig ein wenig wirken lassen“. Gefährlich seien Fluoride nicht. Trotzdem sollten erst Kinder ab zwei Jahren mit Cremes mit reduziertem Fluoridgehalt putzen. „Ab sechs Jahren kann eine normale Fluorid-Creme verwendet werden.“

Die Zahnpasta darf auch nicht zu rau sein. Der Rauigkeitswert von Zahncreme (RDA) kann zwischen 60 und 100 liegen „für jemanden, der keine speziellen Probleme hat“. Raucherzahnweiß hat einen RDA von über 100.

Eine Zahnpasta sollte ebenfalls nicht zu sehr schäumen, das sei ein Zeichen für viele Tenside. „Viel Schaum produzieren die Cremes nur, um den Zähneputzer glücklich zu machen.“ Inhaltsstoffe und RDA der Zahncremes lassen sich leicht online recherchieren. Auch ein Blick auf die Packung lohnt. Der in Zahnpflegeprodukten enthaltene Inhaltsstoff Natriumlaurylsulfat stehe im Verdacht, Aphten (entzündliche Bläschen im Mund) auszulösen. „Wer viel darunter leidet, sollte mal auf seine Zahnpasta schauen“, rät der Zahnarzt.

Zahnschmelz „draufputzen“?

Hält Zahncreme mit sogenanntem künstlichen Zahnschmelz, was die Werbung verspricht? Hydroxylapatit, Bestandteil von Zähnen und Knochen, kann künstlich hergestellt werden. Seine Wirksamkeit sei allerdings noch nicht bewiesen. „Angeblich hat es auch eine karieshemmende Wirkung.“ Doch auch diese Zahncremes könnten keinen Schmelz mehr aufbauen. Rissbildungen würden nur zugeschmiert. „Was weg ist, ist weg“, sagt Dr. Ullrich knallhart.

Die Ernährung:

Auch mit den richtigen Nahrungsmitteln kann man Zahn und Schmelz bewahren. Eine möglichst zuckerfreie Ernährung schützt vor Karies. Softdrinks sollten eine Ausnahme bleiben, Zitrusfrüchte nicht „zu exzessiv“ zu sich genommen werden. Milchsäure, wie beispielsweise in Quark, stellt für den Zahnschmelz dagegen kein Problem dar. Auch basische Lebensmittel wie Gemüse sind in Ordnung. „Letztendlich sollte die Ernährung ausgewogen sein, ballaststoffreich und nicht klebrig“, beschreibt Dr. Ullrich. „Also nicht nur das Karamellbonbon, sondern auch die Äpfel essen.“

Wenn der Schaden schon entstanden ist:

Ist der Zahnschmelz einmal weg, liegt das Dentin, das Zahnbein, frei. Ist es exponiert, besteht ein erhöhtes Kariesrisiko, die Zähne werden zudem sensibler und temperaturempfindlicher. Dazu kommt das ästhetische Problem. Je mehr Zahnschmelz fehlt, umso gelber wirken die Zähne, weil das Zahnbein durchschimmert. Auch können die Frontzähne reduziert aussehen. „Früher wurde so ein Zahn wurzelbehandelt und überkront“, erklärt Dr. Ullrich. „Heutzutage kann das minimalinvasiv behandelt werden, zum Beispiel mit einer Klebetechnik, bei der man das, was an Substanz noch da ist, nicht noch mehr reduziert.“

Dr. Stefan Ullrich ist Zahnarzt und Spezialist für Implantologie in Weiden.
Der Zahnschmelz schützt nicht nur, er sorgt auch für den Glanz und das Weiß der Zähne.
Der Aufbau eines Zahns: Der Zahnschmelz (Adamantin) ist die äußerste Schicht. Er umschließt im Bereich der Krone das Zahnbein.
Was hier so lecker aussieht, ist eine Bedrohung für den Zahnschmelz.

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