25.11.2020 - 11:24 Uhr
Wernberg-KöblitzOberpfalz

Geldsorgen nach Unfall: Wernberg-Köblitzer Rettungsengel brauchen selbst Hilfe

Die "Helfer vor Ort" in Wernberg-Köblitz sind blitzschnell: In bis zu 400 Notfällen im Jahr sind sie doppelt so schnell beim Patienten als der Rettungsdienst. Doch die ehrenamtlichen Sanitäter haben ein Problem – ihr Fahrzeug ist kaputt.

Bislang waren die Wernberg-Köblitzer Helfer vor Ort mit einem Honda Jazz unterwegs - auch bei Unfällen auf der Autobahn, wie hier im Bild. Weil das Auto Anfang Oktober selbst in einen Unfall verwickelt wurde und seitdem kaputt ist, sind die ehrenamtlichen Retter auf Spenden angewiesen, um das neue Einsatzfahrzeug abbezahlen zu können.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Der 1. Oktober ist ein schlechter Tag für die "Helfer vor Ort" (HvO) in Wernberg-Köblitz. An diesem Donnerstag braucht ein Sanitäter aus ihren Reihen selbst Hilfe: Mit Blaulicht und Martinshorn eilt der Ehrenamtliche im Einsatzfahrzeug zu einem Verkehrsunfall mit einem Verletzten. Doch dort kommt er nie an: An einer Kreuzung im Gemeindegebiet übersieht ein anderer Autofahrer den Honda Jazz mit Blaulicht – es kommt zum Zusammenstoß. Zwar wird bei dem Unfall niemand verletzt, doch die "Helfer vor Ort" haben seitdem ein Finanzproblem.

"So ein Unfall ist immer ein großes Ärgernis", sagt Michael Sachs dazu. Der taktische Leiter des BRK Wernberg-Köblitz beschreibt die Folgen eines defekten Einsatzfahrzeugs: "Wenn das Auto kaputt ist, können wir den Dienst nicht mehr besetzen, und das ist schlecht für die Bevölkerung von Wernberg-Köblitz. Wir müssen uns jetzt intensiv bemühen, dass wieder Geld reinkommt, damit wir das neue Auto finanzieren können."

Bis Arzt kommt: Zeit überbrücken

Das bedeutet nicht, dass in Wernberg-Köblitz bei einem Notfall keine Einsatzkräfte mehr kommen. Denn die HvO´s dürfen nicht mit dem regulären Rettungsdienst verwechselt werden. Bei den Freiwilligen handelt es sich um ausgebildete Ersthelfer des BRK-Ortsverbands Wernberg-Köblitz, die vor Ort wohnen und im Notfall schneller beim Patienten sind als der Rettungswagen. "Wir überbrücken die Zeit, bis der öffentliche Rettungsdienst da ist. Und das rettet in vielen Fällen leben", erklärt Sachs, der selbst ausgebildeter Rettungssanitäter ist und den Hilfsdienst in Wernberg organisiert.

"Unser Problem ist: Wir haben keine Einnahmen. Weder Mitgliedsbeiträge noch eine staatliche Förderung. Wir sind vollständig auf Spenden angewiesen", beschreibt der 43-Jährige die Situation. In normalen Jahren leisten die Rot-Kreuz-Mitglieder Sanitätsdienst auf Kirchweihen oder Dulten und bekommen dafür Spenden von den Veranstaltern. Oder sie organisieren ihre Altkleidersammlung. "All das ist dieses Jahr weggebrochen. Das BRK leidet gewaltig unter Corona", klagt der taktische Leiter.

Teure Zusatzausstattung

Zwar hat der Ortsverband in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet und kleine Reserven angespart, doch das deckt die Anschaffungskosten für ein neues Fahrzeug nicht ansatzweise. "Unser altes Rettungsfahrzeug war natürlich Vollkasko-versichert. Aber es war ein Kleinwagen und man bekommt nur den Zeitwert." Die Versicherung zahlte lediglich 4800 Euro für den kaputten Honda Jazz. Das Team schaffte einen gebrauchten VW Tiguan als Ersatz an. Kosten: 15 500 Euro. Jedoch kommen laut Sachs noch die BRK-Rettungsaufkleber, das Blaulicht, die Frontblitzer und die medizinische Zusatzausstattung hinzu. "Das macht insgesamt 10 000 Euro Aufpreis."

Auch die Fixkosten belasten den BRK-Ortsverband laufend. "Die medizinische Ausstattung des Autos muss jährlich geprüft werden, Kosten für TÜV, Kraftstoff und Versicherung kommen hinzu. Das macht insgesamt 1800 Euro", rechnet Sachs vor.

Weitere 2500 Euro kostet die Sanitäts-Ausbildung der Helfer und nocheinmal 450 Euro eine spezielle Rettungsjacke – pro Person. Bei sechs Freiwilligen im Wernberger HvO-Team muss der Ortsverband somit allein für Ausbildung und Rettungskleidung knapp 18 000 Euro berappen. "Die Berufsgenossenschaft schreibt uns genau vor, welche Jacken wir zu tragen haben. Das können wir uns nicht aussuchen", sagt Sachs.

Erste Spenden für das neue Auto sind schon da

Wernberg-Köblitz

In nur vier Minuten am Unfallort

Wie wichtig der HvO-Dienst ist, zeigt ein Blick auf die Statistik. Wenn in einem Notfall Bürger die 112 wählen, schickt die Integrierte Leitstelle (ILS) einen Rettungswagen (RTW). "Für Wernberg-Köblitz kommt der entweder aus Hirschau, Nabburg oder Weiden-Süd. Der RTW hat im Schnitt eine Anfahrtszeit von 8 Minuten. Unser Ersthelfer dagegen ist nach nur 3:50 bis 4 Minuten beim Patienten", erklärt Sachs stolz, der die Zahlen jährlich misst. Die zeitliche Differenz sei in manchen Notlagen lebensrettend. "Wenn sich jemand in den Finger schneidet ist der Patient natürlich auch in Not. Wirklich entscheidend ist aber, wenn es um Reanimationen geht." Herzinfarkt, Schlaganfall, schwere Notfälle bei Kindern – "das sind Situationen, die lebensrettende Sofortmaßnahmen erfordern. Und hier können vier Minuten den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen", weiß der Rettungssanitäter, der hauptberuflich als Disponent bei der ILS Amberg arbeitet.

Es gibt in Wernberg mindestens drei Personen, die würden heute nicht mehr im Markt umherlaufen, wären wir nicht vor dem RTW gekommen.

Michael Sachs, taktischer Leiter BRK Wernberg-Köblitz

Michael Sachs, taktischer Leiter BRK Wernberg-Köblitz

Schwer ist es laut Sachs auch, Freiwillige zu finden. Das hat mehrere Gründe. Nicht jeder ist geeignet. "Ein Erste-Hilfe-Kurs allein reicht nicht. Bei uns im Ortsverband gilt der Maßstab, dass nur ausgebildete Rettungssanitäter oder Höherqualifizierte den Dienst machen dürfen." Allein die Ausbildung für den Rettungssanitäter dauert 520 Stunden. Wer im Team ist, bekommt für Einsätze keine Aufwandsentschädigung – auch nicht nachts oder am Wochenende. Wer Bereitschaft hat, meldet sich nach Feierabend bei der Zentrale, ab diesem Zeitpunkt ist der HvO über Funk auf Empfang.

Schreckliche Unfallbilder

Zum zeitlichen Aufwand ohne Bezahlung kommt die psychische Belastung des Dienstes. Weil der HvO aufgrund der räumlichen Nähe bei Einsätzen in Wernberg-Köblitz schneller ist als Notarzt oder RTW, ist der Freiwillige immer zuerst am Unfallort – und dort bekommt er auf sich allein gestellt teils Schlimmes zu sehen. "Manchmal werden wir zu einsamen Senioren gerufen, die Atemnot vorgeben und einfach nur reden wollen", sagt Sachs. In diesem Fall sei eben Empathie gefragt. "Doch es kann auch sein, dass der HvO nachts zu einem Unfall auf der Autobahn gerufen wird mit einem umgekippten Reisebus und 50 Schwerverletzte liegen auf der Straße. Wir bekommen teilweise wirklich schreckliche Szenarien zu sehen."

Ewige Dankbarkeit

Im vergangenen Jahr rückten die Wernberg-Köblitzer HvO´s zu rund 400 Einsätzen aus, im langjährigen Schnitt seien es circa 250, sagt Sachs. Patienten, denen die Freiwilligen ihr Leben gerettet haben, seien ihnen teils ewig dankbar. "Es gibt in Wernberg mindestens drei Personen, die würden heute nicht mehr im Markt umherlaufen, wären wir nicht vor dem RTW eingetroffen", berichtet Sachs. "Viele kommen im Nachhinein und bringen Geschenke. Ein Überlebender kommt sogar jedes Jahr und bedankt sich immer wieder."

Das Corona-Impfzentrum für den Kreis Schwandorf kommt nach Nabburg

Nabburg
Hintergrund:

Helfer-vor-Ort in Wernberg-Köblitz bitten um Spenden

  • Sechs ehrenamtliche Rettungssanitäter aus Wernberg-Köblitz gehören zum Team: Christina Sachs, Fabian Lang, Hannes Brenner, Johannes Brenner, Michael Sachs, Tobias Böhnstedt
  • Spendenkonto:
    BRK-Kreisverband Schwandorf
    Sparkasse Schwandorf
    IBAN DE59 7505 1040 0380 0020 30
    Kennwort: „HvO Wernberg-Köblitz“

Das BRK-Team kann jeden Euro für ihren Dienst gebrauchen. Die Spenden dienen zur Finanzierung von Anschaffung und Unterhalt eines neuen Einsatzfahrzeugs mit medizinischer Zusatzausstattung für den freiwilligen Bereitschaftsdienst der Helfer vor Ort.

Die Helfer vor Ort sind fast immer schneller als der Notarzt am Unfallort – oft bekommen die Erstretter dort schreckliche Bilder zu sehen.
Autobahn-Einsätze gehören für die Helfer vor Ort aus Wernberg-Köblitz zum Alltagsgeschäft. Doch gerade dort ereignen sich oft die schwersten Unfälle.

 

 

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