08.11.2019 - 16:32 Uhr
Wernberg-KöblitzOberpfalz

Herzeleid vor 100 Jahren

Wie viele Tränen dieses Album getrocknet hat, kann niemand ermessen. Die rund 300 Postkarten aus den Jahren 1911 bis 1920 erzählen ein Stück Familien- und Kriegsgeschichte. Und sie geben ein Zeugnis einer jungen Liebe.

Zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik: Babette Zenger, geborene Reindl, bewahrte die Ansichtskarten aus der Jugend ihr ganzes Leben lang auf.
von Gertraud Portner Kontakt Profil
Johanna Ponnath blättert im Ansichtskarten-Album ihrer Großmutter Babette. Die rund 300 Karten sind in einem neuwertigen Zustand und wurden in den Jahren 1911 bis 1920 gesendet.

"Ich weiß nicht welche Postkarte ich auswählen soll", sagt Johanna Ponnath (53) und bringt gleich ein ganzes Album in der Redaktion vorbei. Zum Jubiläum "150 Jahre Postkarte" veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen Karten, die unseren Lesern am Herzen liegen. Schon beim ersten Blick ist zu erkennen, das es sich um einen kleinen Schatz handelt. Rund 300 Ansichts- und Fotokarten stecken in den grünen Kartonblättern. Das Besondere daran: Alle Karten sind in einem sehr guten Zustand und wurden zwischen 1911 und 1920 an Babette Reindl in Marktredwitz geschickt. Die Oma von Johanna Ponnath war in ihrer Jugend anscheinend sehr kommunikativ. Denn viele Schreiber bedanken sich für einen lieben Brief von ihr. Es war die Zeit, als es weder Telefon noch Computer gab, um in Verbindung zu bleiben.

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Bruder Johann war Seefahrer und meldete sich 1912 aus Madeira.

Seefahrer und Soldat

Das Album wurde erst vor wenigen Jahren beim Ausräumen der elterlichen Wohnung entdeckt. "Mein Vater hat es aufgehoben", berichtet Johanna Ponnath. Sie findet es heute schade, dass ihre Großmutter nicht mit ihr darin geblättert hat. Denn es sind spannende Geschichten, welche es auf den fein säuberlich beschriebenen Rückseiten der teils sehr poetischen Motive zu entdecken gegeben hätte. Die Oma hatte etliche Freundinnen, ein Bruder war Seefahrer und mit 18 Jahren musste sie ihren Liebsten an die Front ziehen lassen. Doch davon erzählte sie Enkelin Johanna nichts, als diese mit ihr die Hühner und Ziegen fütterte oder beide am warmen Ofen in der Küche beieinander saßen.

Babette Reindl wurde im Juni 1897 bei Marktredwitz geboren. Als Mutter einer Tochter heiratete sie den Witwer Ludwig Zenger und zog zu ihm und seinen vier Kindern nach Wernberg-Köblitz. Der Ehe wurde mit Sohn Hans noch ein gemeinsames Kind geschenkt. Dieser bewahrte das Jugend-Album der 1975 verstorbenen Mutter auf. Johanna Ponnath nimmt eine bunte Ansichtskarte von Madeira aus dem Jahr 1912 in die Hand. Johann Reindl war Seefahrer und weckte bei seiner Schwester sicherlich Fernweh mit seinen weltweiten Grüßen, die auch aus Sidney, Hongkong oder New York kamen. Der Erste Weltkrieg ließ auch seine Träume platzen. Die letzte Karte des Bruders, eine Kriegsgefangenensendung, kommt im Februar 1920 aus dem Lager Friedrichsfeld bei Wesel.

Im Jahr 1915 ist eine besonders eifrige Korrespondenz zu verfolgen. Soldat Josef schreibt der damals 19-jährigen Babette wunderschöne Feldpostkarten mit zu Herzen gehenden Sprüchen, wie "Ich denk an dich mit Sehnen. Gedenk an mich mit Tränen." Im Februar 1915 bedankt er sich für "das werte Brieflein", und im März und April kommt fast wöchentlich neue Post aus deutschen Städten. Ende April spricht Josef die Empfängerin der Zeilen mit "Liebes Herzilein" an. Im Mai wird der junge Mann an die Westfront verlegt. Im Juni schickt er eine Bildkarte von "Remenonville nach der Schlacht", und ein Schützengraben ist das Motiv kurz vor Weihnachten 1915. Im Februar 1916 sendet Soldat Josef eine schwarz-weiß Karte von einer "kritischen Toilette" nach Marktredwitz. Heute würde man ein Smiley dazu setzen. Bald darauf bleibt die Feldpost des Liebsten aus. Schützengraben-Karten mit anderen Absendern, teils mit heute befremdlich wirkenden Motiven, folgen. "Auf ein Wiedersehen?", meldet sich ihr Bruder Michael kurz vor Kriegsende im Oktober 1918 aus Brüssel.

Mit „dein Josef“ enden viele Feldpostkarten aus dem Jahr 1915.
Glückwünsche zum Namenstag von Freundin Anna aus dem Jahr 1916.

Aus dem Lazarett

Eine andere Geschichte könnten die Karten eines Karl Schmidt erzählen, die dieser ab 1914 aus dem Vereinslazarett Kinderheilstätte Halle an das Fräulein Babette Reindl schickt. Freundinnen und Verwandte schreiben mit schöner Handschrift fleißig Glückwünsche zum Namenstag, zu Ostern, Pfingsten und zu Weihnachten. Kaiser Wilhelm II. ziert die Briefmarken.

Postkarten waren die Whatsapp der Großeltern. Ob unsere Nachrichten an Freunde und Familie in 100 Jahren noch gelesen werden, ist unwahrscheinlich. Johanna Ponnath jedenfalls freut sich, etwas über die Jugend ihrer Oma zu erfahren. Für die Zeit vom Kaiserreich zur Weimarer Republik interessiert sich auch Urenkel Johannes, der gerne im Album blättert.

Diese Karte von der Stadt Weiden erhielt Babette Reindl im Jahr 1917.
Launige Feldpost (1916) von der Westfront aus Frankreich.
Jubiläum "150 Jahre Postkarte":

Ansichtskarten gesucht

"Der neue Tag" ruft seine Leser auf, das Jubiläum "150 Jahre Postkarte" als Anlass zu nehmen, um in den Schubladen zu kramen und die Freude mit einer schönen oder interessanten Ansichtskarte zu teilen. Dabei ist es egal, ob es sich um eine historische oder aktuelle Karte handelt. Die Vorderseite und evtl. auch die Rückseite einscannen oder abfotografieren und mit beschreibenden Zeilen an redovi[at]oberpfalzmedien[dot]de mailen; bzw. in den Lokalredaktionen Schwandorf, Nabburg oder Oberviechtach zum Einscannen vorbeibringen.

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