03.09.2021 - 17:30 Uhr
WiesauOberpfalz

Wiesauer Bürgermeister Toni Dutz hütet Bundeskasse der Sudetendeutschen

Toni Dutz ist ein Wiesauer durch und durch. Trotzdem engagiert sich der Kommunalpolitiker bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Das hat mit seinen Wurzeln und seinen Wünschen für die bayerische-tschechische Nachbarschaft zu tun.

In Wiesauer Tracht präsentierte sich Toni Dutz (Mitte) bei der Veranstaltung „Vertrieben – angekommen – aufgebaut“. (von links) MdL Josef Zellmeier; Steffen Hörtler, (Sudetendeutschen Landsmannschaft); Ministerin Emilia Müller; Bürgermeister Dutz, der ungarische Generalkonsul Gabor Tordai-Lejko, Vize-Landrat Alfred Scheidler, MdL Tobias Reiß.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Toni Dutz ist ein "Nachgeborener", wie der Bürgermeister von Wiesau (Kreis Tirschenreuth) über sich selbst sagt. Anders als die Erlebnisgeneration, anders als diejenigen die Flucht und Vertreibung am eigenen Leib erlebt haben, kennt er die Geschichte nur aus Erzählungen und aus Büchern.

Wenn Dutz Tracht trägt, dann die Wiesauer. So wie vor fünf Jahren. Damals, am 22. Oktober 2016 erinnerte die Sudetendeutsche Landsmannschaft mit der Gedenkveranstaltung „Vertrieben – angekommen – aufgebaut“ in Wiesau an die Ankunft von Tausenden Vertriebenen 70 Jahre zuvor. Seither gibt es das Foto, das den heutigen Schatzmeister der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Wiesauer Tracht an der Seite von Staatsministerin Emilia Müller (CSU). Beide stehen hinter dem Modell des Wiesauer Durchgangslagers. Neben ihnen weitere Politiker, Vertreter der Sudetendeutschen und der Generalkonsul von Ungarn Gabor Tordai-Lejko.

Von Bernd Posselt ins Amt geholt

Toni Dutz war damals noch nicht Schatzmeister. Das ist der Wiesauer CSU-Politiker erst seit wenigen Wochen. Ende Juni wurde er ins Amt gewählt. Bernd Posselt, der Vorsitzende der Landmannschaft, habe ihn geholt, erzählt der Bürgermeister im Gespräch in seinem Büro im Rathaus. Dutz sagt über sich, er sei Oberpfälzer und Wiesauer. Man darf ihn so verstehen, dass ihm Wiesauer im Zweifel wichtiger ist. Aber er hat zwei Wurzeln.

Der Ort, in dem er seit dem Jahr 2002 Bürgermeister ist, war nach dem Zweiten Weltkrieg neben Furth im Wald Anlaufstelle in Bayern für Hunderttausende Vertriebene. In Wiesau erinnert seit einigen Jahren ein Gedenkstein am Bahnhof daran, dass der Ort zeitweise zu einer zweiten Heimat für tausende Flüchtlinge geworden war, ehe sie sich woanders in Bayern niederließen.

Tschechischer Mitarbeiter warnt Familie Dutz

Viele Flüchtlinge sind in Wiesau geblieben, so wie die Familie Dutz. Sein Vater stammt aus Altrohlauf bei Karlsbad. Urgroßvater und Großvater betrieben dort eine Porzellanmanufaktur, in der weißes Prozellen bemalt und vergoldet wurde. Nach dem Krieg flüchtete die Familie in die Oberpfalz, zunächst nach Waldershof (Kreis Tirschenreuth) – noch bevor sie vertriebenen werden sollte.

Ein tschechischer Mitarbeiter hatte gewarnt, die Männer sollten nicht dem Aufruf folgen und zum Marktplatz kommen. Von dort würden sie ins Bergwerk zur Zwangsarbeit verschleppt. Der Mann hätte das nicht gemacht, wenn er sich der Familie Dutz nicht verbunden gefühlt hätte, ist Toni Dutz überzeugt. Die Namen seiner Familie standen schon auf den Transportlisten in den Westen, hat der Bürgermeister später erfahren.

Neuaufbau in Wiesau

Ab 1948 bauten die Familie in Wiesau die Manufaktur wieder auf. Ein Inspektor aus Wiesau hatte geholfen, weil ihm Anton Dutz zuvor im Krieg geholfen hatte. So bekam die Familie ein Grundstück in Erbbaurecht, um Haus und Werkstatt zu bauen. Norbert Dutz, der Vater des heutigen Bürgermeisters, hatte als Jugendlicher heimlich unter Lebensgefahr die Goldfarbe aus Altrohlau geholt.

Auch wenn Dutz über sich sagt, "Ich bin eine echter Wiesauer", seine böhmischen Wurzeln hat er nicht vergessen. Er kommt ins Schwärmen, wenn der von der Küche der Großmutter erzählt. "Meine Oma hat gigantisch gekocht." Schnitzel mit etwas Butter, ein bisschen Zucker in die Salatsoße, Pfannkuchen mit Sahne – immer gab es etwas besonderes dazu. Als Bub hat er beim Auspacken des weißen Porzellans geholfen, in dem Raum, in dem heute sein Wohnzimmer ist. Als die Manufaktur vor mehr als 20 Jahren geschlossen wurde, baute er das Gebäude zum Wohnhaus um.

Siegelring des Vaters

Erst nach der Jahrtausendwende ist seine Großmutter mit ihm nochmals nach Altrohlau gefahren, um zu sehen, wie sich alles entwickelt hat, erzählt Dutz. Später sei auch sein Vater mitgefahren. Daraus sei ein regelmäßiger Kontakt mit dem damaligen Besitzer des Hauses seiner Großeltern entstanden, einem Ingenieur. Dieser sei auch nach Wiesau zu Besuch gekommen. Bei einem dieser Besuche hatte der Tscheche einen Siegelring mitgebracht, mit den Initialen N.D. – Norbert Dutz. So hat der Vater von Toni Dutz nach Jahrzehnten den Ring wiederbekommen, den ihm einst seine Eltern geschenkt hatten.

Dutz spricht vom "Wunder der Integration", das sich nach anfänglichen Misstrauen entwickelt habe. Oberpfälzer und Sudetendeutsche hätten zueinandergefunden. Im März bei einer Gedenkveranstaltung in Wiesau sagte er: „Die Sudetendeutschen waren eine Bereicherung. Sie brachten ihre Kultur und ihr handwerkliches Können nach Wiesau und trugen zum Aufbau der Wirtschaft bei.“

Brücken zwischen Deutschen und Tschechen bauen

Wer mit Dutz spricht, merkt, dass er einer jener Politiker ist, die für die von Posselt seit dem Jahr 2015 vorangetriebene Neuausrichtung der Sudetendeutschen Landsmannschaft stehen. Den Revanchismus der ersten Jahre lehnt er ab. Dutz geht es darum, Brücken zu den Tschechen zu bauen. Dazu gehört für ihn aber auch, das Unrecht der Vertreibung zu benennen. Er setzt darauf, dass es die Tschechen früher oder später tun werden. Dutz verweist auf das Beispiel des ehemaligen tschechischen Kulturministers Daniel Herman. Dieser hatte dies bereits in seiner Rede beim Sudetendeutschen Tag im Jahr 2016 in Nürnberg getan.

Tschechien war für die Menschen in Wiesau nie weit weg, berichtet Dutz. Ältere Wiesauer hätten ihm erzählt, dass sie nach Eger in die Bürgerschule gegangen seien. Eine Art höhere Mittelschule. Heute pendeln rund 2500 Tschechen täglich zur Arbeit in den Landkreis Tirschenreuth, viele auch nach Wiesau. Sie sind Handwerker, Mitarbeiter in Krankenhäusern oder Verkäuferinnen. "Wir brauchen einander", sagt Dutz. So wie viele will auch er Grenzschließungen nicht mehr erleben müssen. Er will, das Tschechen und Oberpfälzer noch enger zueinanderfinden. Deshalb versucht er Brücken zu bauen, wie so viele Kommunalpolitiker und er pflegt Kontakte. "Wenn wir es nicht tun, wer dann."

Treffen der Sudetendeutschen in Regensburg

Regensburg

Kindheit im Durchgangslager

Hintergrund:

Sudetendeutsche Landsmannschaft

  • Die Sudetendeutsche Landsmannschaft mit ihren Heimatkreisen und Heimatverbänden umfasst rund 100.000 organisierte Mitglieder. Eine Vorgängerorganisation gründete sich bereits im Juli 1945 in München, wo die Landsmannschaft bis heute ihren Sitz hat.
  • Die Landsmannschaft verstand sich von Beginn als Vertretung der rund drei Millionen Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei vertrieben worden waren.
  • In Bayern gibt es sechs Bezirksverbände. Die Oberpfalz und Niederbayern bilden einen sehr starken gemeinsamen Bezirksverband, heißt es bei der Landsmannschaft. Es gibt im Freistaat rund 100 Kreisverbände.
  • Bundesvorsitzender ist seit 2014 der frühere CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt. Bereits seit 2008 ist er Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft ist Mitglied im Bund der Vertriebenen (BdV).
  • Im Jahr 2015 erfolgte eine Neuausrichtung der Verbandes. Die "Wiedergewinnung der Heimat" und eine "Restitution oder gleichwertigen Entschädigung" wurden gestrichen. Stattdessen fordert der Verband die weltweite Durchsetzung der Grund- und Menschenrechte und des Selbstbestimmungsrechts von Völkern und Volksgruppen. Zudem wurde die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Partnerschaft mit den Tschechen zum Ziel sudetendeutscher Arbeit.
  • Darüber hinaus bekennt sich die Landsmannschaft seit 2015 zur Mitverantwortung für die Verfolgung und Ermordung von Sudetendeutschen und Tschechen, sowie für den Holocaust an den Juden in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien.

„Die Sudetendeutschen waren eine Bereicherung. Sie brachten ihre Kultur und ihr handwerkliches Können nach Wiesau und trugen zum Aufbau der Wirtschaft bei.“

Toni Dutz (CSU), Bürgermeister von Wiesau (Kreis Tirschenreuth)

Toni Dutz (CSU), Bürgermeister von Wiesau (Kreis Tirschenreuth)

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.