17.11.2021 - 17:27 Uhr
KümmersbruckSport

Andreas Schillinger über seine Radsport-Karriere, die Tour de France, Doping und die Zukunftspläne

Nach 16 Jahren als Radrennfahrer ist Schluss. Andreas Schillinger (38) aus Haselmühl erzählt von besonderen Momenten seiner Karriere, erinnert sich an weniger schöne Erlebnisse – und verrät, warum er jetzt nicht die Beine hochlegen wird.

An einer Wand im Fahrradgeschäft seiner Familie hat Andreas Schillinger einige besondere Andenken an seine Radsport-Karriere aufgehängt. Unter anderem seine beiden Goldmedaillen und Meistertrikots der deutschen Bergmeisterschaften 2017 und 2019 sowie ein unterschriebenes Trikot von Pascal Ackermann (links).
von Christian Frühwirth Kontakt Profil

Meine Erinnerungen an die Tour de France, den Giro d’ Italia und die Vuelta a España

Viele Menschen, viel Stress, drei Wochen Kampf. Die Tour de France ist dabei noch einmal eine ganz andere Hausnummer, das sind drei Wochen Ausnahmesituation. Für Körper und Kopf. Es ist einfach das größte Rennen mit dem größten medialen Interesse und dem größten Druck für die Teams.

Meine außergewöhnlichsten Renn-Momente

Da gab es zwei: Der Sieg von Peter Sagan bei Paris-Roubaix 2018. Das war das einzige Radsport-Monument, bei dem ich dabei war und wir gewonnen haben. Und 2014 bei meiner ersten Tour de France. Der Start war in England vor einem Schloss. Da standen William und Kate direkt vor uns, vielleicht vier, fünf Meter entfernt. Sie haben den Startschuss abgegeben. Dann sind auch noch Jets über uns geflogen mit den Landesfarben, Das waren so viele schwer zu verarbeitende Einflüsse. Eigentlich reicht es da einem schon vor dem Rennen.

So erlebte ich die Radsport-Stars

Peter Sagan kam als zweifacher Weltmeister zu uns. Er hat mich sehr beeindruckt. Es lag auch viel an ihm, dass wir eine gewachsene Mannschaft mit einem gewissen Charakter wurden. Wir hatten keinen Scheich, der 30, 50 Millionen reinhaut, sondern wir sind gewachsen, und da war Peter genau der richtige Mann. Er war immer für einen Spaß da, er hat zugehört, ich habe viel gelernt von ihm. Mit den anderen Superstars hat man schon mal kurz gesprochen. Rogic zum Beispiel ist ein entspannter Typ, mit ihm kann man sich gut unterhalten. Grundsätzlich hatte ich aber wenig mit ihnen zu tun. Das war mehr Small-Talk als ein tiefgründiges Gespräch.

Rennen weltweit: Diese Länder hinterließen Eindruck

In Argentinien gefiel mir besonders die Lebenseinstellung der Menschen. Es wirkte nicht so getaktet wie bei uns, nicht so bis ins letzte Detail geplant, nicht so streng. In Kanada gefiel mir vor allem die Landschaft. Es ist dort unglaublich schön. Bei der Kalifornien-Rundfahrt dachte ich mir auch öfter mal, hierhin kommst du mal wieder zum Urlaub machen.

So denke ich über Doping

Problem ist immer das Geld. Und die Gier. Da gibt es Leute, die sind mehr fixiert aufs Geld, und gieriger als andere. Und dann kommt sowas zustande. Ich habe schon das Gefühl, dass es nach 2006 besser geworden ist. Wütend machten mich abwertende Kommentar wie „Ihr dopt ja eh alle“. Ich habe mich zweiweise gar nicht getraut zu sagen, dass ich Profiradfahrer bin. Ich habe es nie gemacht und ich weiß, dass alles, was wir bei Bora gemacht haben, sauber war. Ich hatte auch nie einen schwachen Moment, in dem ich gedacht habe, jetzt nehme ich auch was. Aus gesundheitlichen und moralischen Gründen. Gesundheit ist für mich das höchste Gut. Ich könnte nicht mehr schlafen, weil es Betrug ist.

Mein Trainingsunfall

Im Januar dieses Jahres waren wir in einer Gruppe von vier, fünf Fahrern bei einer Trainingsfahrt auf der Hauptstraße von Peschiera nach Garda unterwegs, mit ungefähr 45 km/h. Von links kam ein Auto aus einer Nebenstraße über die Straße gefahren, ungebremst und räumte uns einfach ab. Wie Bowling-Pins. Bei mir waren die Fortsätze an sechs Halswirbeln und einem Brustwirbel gebrochen, ich hatte einen Bänderriss an der Schulter und der Schienbeinkopf war gebrochen. Das hört sich dramatisch an, aber solange es die Fortsätze sind, geht’s ja. Ich hatte Glück im Unglück. Wenn der Wirbel selbst bricht, ist's vorbei.

Stürze im Training oder in Rennen gab es öfter, bestimmt drei-, viermal im Jahr. Ich habe mir in meiner Laufbahn das Steißbein gebrochen und ein paar Rippen. Aber es war nie ein Auto beteiligt, das ist dann noch mal was anderes. Auch für den Kopf. Der Unfall hat schon was verändert, ich habe gemerkt, dass ich „verwundbar“ bin, dass es schnell vorbei sein kann. Seitdem fahre ich auch ganz anders als vorher. Deutlich vorsichtiger und vorausschauender.

"Das Auto ist in uns reingefahren wie in eine Wand": Andreas Schillinger schildert den Unfall

Haselmühl bei Kümmersbruck

Mein Sohn Lucas

Das war im Juni 2016: Er ist an einem Freitag auf die Welt gekommen. Am Wochenende waren die deutschen Meisterschaften. Am Montag habe ich sie vom Krankenhaus abgeholt und am Dienstag bin ich zur Tour de France angereist. Fast vier Wochen weg von zu Hause. Das war die Hölle. Da habe ich gemerkt, dass der Sport zunehmend schwieriger wird. Die ersten Tage nach der Geburt nicht da sein zu können, war extrem schwer. Natürlich hätte ich die Tour sausen lassen können. Wir haben im Vorfeld viel darüber geredet. Und beschlossen, dass ich fahre. Ich war 33, mein Vertrag ist am Ende der Saison ausgelaufen. Ich dachte mir, vielleicht ist es meine letzte Tour, vielleicht brauche ich sie, um einen neuen Vertrag zu bekommen, um den Sport weitermachen zu können und Geld zu verdienen? Einfach absagen, geht da auch nicht. Du hast da auch eine gewisse Verantwortung. Und jetzt bin ich froh, nicht mehr zu fahren. Je älter der Kleine wird, desto mehr braucht er den Papa.

Abtrainieren

Von heute auf morgen nicht mehr zu trainieren, wäre fatal. Man muss das Herz-Kreislauf-System in Bewegung halten, weil sich gewisse Organe angepasst haben, zum Beispiel Herz und Lunge. Ich fahre viel weniger, vielleicht zweimal die Woche, versuche allerdings ein drittes oder viertes Mal andere Sportarten zu machen, mich mal auf die Skates zu stellen oder Skiroller zu fahren. Ärztlich betreut wird man beim Abtrainieren nicht, muss es aber auch nicht. Das merkt man schon selber, dass es Zeit wird, wieder Sport zu machen. Wenn man das mehr als 20 Jahre jeden Tag macht, sagt dir das der Kopf schon.

Meine Zukunftspläne

Das als Radfahrer Verdiente reicht nicht, um jetzt die Beine hochzulegen und nichts mehr zu machen. Ich wäre aber auch nicht der Typ dafür, ich brauche eine Aufgabe. Meine Familie hat sich vor ein paar Jahren ja dazu entschlossen, dass wir mit dem Radsport-Geschäft umziehen, und ich werde künftig Vollzeit im Geschäft sein. Es gibt auch die Möglichkeit mit dem Profi-Radsport verbunden zu bleiben, in verschiedenen Positionen. Aber das muss ich erst einmal eruieren, wie ich das mit der Familie verbinden kann. Ich habe mich entschieden, mehr zu Hause sein zu wollen, mehr für meinen Sohn und meine Familie da sein zu können. Und sportlich? Vielleicht mache ich mal beim Silvesterlauf mit. Aber Fahrradrennen möchte ich keine mehr fahren, da bin ich genug gefahren.

Beim Münsterland-Giro ein letztes Mal als Profi im Sattel

Kümmersbruck
So fing alles an: Andreas Schillinger bei einem Mountainbike-Rennen in Immenstetten.
Andreas Schillinger (Sechster von links) mitten im Pulk beim Sparkassen-Münsterland-Giro 2019.
Früh übt sich, wer einmal ein Profi werden möchte: Andreas Schillinger mit Sohn Lucas beim Radeln.
Einer der vielen Siegerkränze, die Andreas Schillinger in seiner Jugendzeit gewann. Hier bei einem Rennen in Augsburg im Jahr 1999.
Hintergrund:

Andreas Schillinger: Die Karriere in Zahlen

  • 38 Jahre alt, wohnt in Haselmühl (Kreis Amberg-Sulzbach)
  • Radrennfahrer bei der RSG Vilstal, Teag Team Köstritzer (2004–2005), Continental Team Milram (2006), Team Sparkasse (2007–2009), Team NetApp (ab 2010), Team NetApp-Endura (bis 2014), Team Bora-Argon 18 (bis 2016), Team Bora-Hansgrohe (bis 2021)
  • Seit Schülerzeiten rund 1500 Rennen in 37 Ländern, davon 905 in der World-Tour, den Pro-Series und Continental-Circuits
  • 3x Tour de France (2014, 2015, 2016), 2x Giro d’Italia (2012, 2018), 2x Vuelta a Espana (2017, 2020), 9x Paris–Roubaix, 8x Flandern-Rundfahrt, 2x Mailand–San Remo, 1x Lüttich–Bastogne–Lüttich
  • 2x Deutscher Bergmeister (2007, 2009)
  • Im Training und bei Rennen geschätzte 600.000 Kilometer im Sattel, verschliss dabei pro Jahr rund 10 bis 15 Radhosen und fuhr sich 5 bis 10 Mal pro Jahr einen "Platt'n"
Andreas Schillinger
Andreas Schillinger Karriereende Fahrradgeschäft Haselmühl Treppe

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