21.06.2019 - 14:12 Uhr
Weiden in der OberpfalzSport

Meine Stärke ist der Return

Auf dem Platz kann der Tennisspieler zum Tier werden. Ehrgeiz, Wut und Adrenalin sind seine Begleiter. Bei jedem Ballwechsel muss es sich aufs Neue im Zaum halten. Das war zu John McEnroes Zeiten schon so und ist heute auch nicht anders.

Mit dem Tennisspielen hat Wolfgang Fuchs, Redaktionsvolontär bei Oberpfalz-Medien, Anfang der 1990er-Jahre begonnen. Vier Jahre lang beackerte er bei einem kleinen Münchner Verein die Sandplätze und folgte damit dem Trend – der Tennissport boomte. Mit dem Karriereende von Boris Becker und Steffi Graf kam der Abschwung und auch Fuchs hängte seinen Schläger an den Nagel. Seit vergangener Saison spielt er in der Medenrunde für die Herrenmannschaft des Tennisclubs Windischeschenbach. Bei seinem ersten Saisonspiel muss er erkennen: Das Wesen dieses Sports ist noch immer dasselbe. Ein Selbstversuch.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

„Verdammte Sonne“, fluche ich und pfeffere auch den zweiten Aufschlag ins Netz. Doppelfehler. 0:30. Ich dresche einen Ball Richtung Waldnaabtal. Der landet auf einem Acker. Ich weiß, dass es beim Tennis neben Technik, Taktik und Ausdauer auch darum geht, sich zu fokussieren, ruhig zu bleiben und den Rhythmus nicht zu verlieren – bis der letzte Punkt gespielt ist. Aber Tennisspieler sind emotional. Vieles kann sie beeinflussen: die Sonne, der Wind, die Platzverhältnisse. Und manchmal ist man eben außer sich. John McEnroe und Goran Ivanisevic lassen grüßen.

„Gaaaanz ruhig“, ruft einer aus dem Publikum. Zu diesem ersten Heimspiel der Saison sind außergewöhnlich viele Gäste auf der Anlage des TC Windischeschenbach. Von der Terrasse des Vereinsheims aus sehen sie mir bei Kaffee und Kuchen dabei zu, wie ich auf dem Center Court die Contenance verliere. „Ausgerechnet heute“, denke ich. Normalerweise bin ich besser. Ich wische mit meinem Schuh die Grundlinie sauber, lasse den Ball dreimal auf den Boden tippen und atme tief durch. „Komm schon“, beschwöre ich mich und schlage auf.

Mein Gegner fühlt sich gerade bestimmt sehr überlegen und glaubt nicht, dass er diese Partie noch aus der Hand geben könnte. Sicher wird er gleich ein bisschen überheblich und versucht ein paar Zauberschläge, die leider, leider daneben gehen. Und ich treffe ein, zwei Schläge besonders gut. Dann fängt er an zu grübeln und plötzlich ist es ein ganz anderes Spiel. Jetzt aufzugeben wäre die falsche Einstellung. Ein Match ist nicht verloren, bevor es vorbei ist. Jeder Ballwechsel will erst gespielt werden. „Das ist Tennis“, sage ich mir und balle die Faust.

Ich schlage einen hohen Topspin-Cross auf seine Rückhand und gleich darauf einen flachen Slice. Ich will meine Schläge variieren, ihn damit aus dem Takt bringen. Nach einer lang gespielten Vorhand sprinte ich ans Netz, setze ihn unter Druck, doch ich zögere einen Moment und er passiert mich. „Mann oh Mann!“, platzt es aus mir heraus. Wäre der Ball ein Tischtennisball, ich würde ihn zertreten. Da erinnere ich mich an früher, als ich in einem kleinen Verein mit dem Tennisspielen begann. Damals erlebte der Tennissport in Bayern gerade einen Boom. Die Anlagen war voll mit Spielern und Zuschauern, Tennis-Begeisterte eiferten ihren Idolen nach: „Meine Stärke ist der Return“, prahlte ich und fühlte mich ein bisschen wie André Agassi. Heute bin ich keine zwölf mehr, aber was ändert das schon. Wütend donnere ich eine Vorhand die Linie entlang. „Wo-hoo“, raunt das Publikum.

„Jetzt mache ich ernst, Bürschchen, jetzt wird Tennis gespielt“, denke ich und spüre, wie mir dieser eine Schlag neue Kräfte verleiht. Mein Gegner spürt das sicher auch und wird jetzt bestimmt nervös. Ich schöpfe neuen Mut. Als er servieren will, hebe ich entschuldigend die Hand, um meine Schnürsenkel zu binden. Erst den linken, dann den rechten. Er soll ruhig noch ein bisschen nachdenken über das, was noch alles schief gehen könnte für ihn. Ich schnüre einen Doppelknoten und denke an die Worte eines bekannten Fußballers, der in einem Interview bekannte: „Oof dem Platz mussde ne Drecksau sein.“ Dann bin ich wieder bereit. Mit trippelnden Schritten erwarte ich seinen Aufschlag. „Beinarbeit“, sage ich mir.

Beim Seitenwechsel nehme ich einen tiefen Schluck aus meinem isotonischen Erfrischungsgetränk und beiße in eine Banane,. Energiezufuhr ist wichtig. Ich drehe mich um. Ein Mitspieler sitzt im Publikum und ruft: „Auf jetzt“. Je mehr Zuschauer dabei sind, desto prickelnder ist die Atmosphäre. Spieltage können dann wahre Festtage sein. Als ich als 13-Jähriger bei den Vereinsmeisterschaften gegen meinen Freund und Dauer-Kontrahenten Florian antrat, war das zumindest so. Die einen feuerten meinen Gegner an, die anderen hielten zu mir – und ich platzte fast vor Motivation und Adrenalin. Unbedingt wollte ich ihn schlagen, hatte ich doch in den Trainingsspielen meistens knapp verloren. Aber er hatte einfach mehr Glück.

Auch heute führt mein Gegner deutlich, aber das heißt noch nichts. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn. „Es ist wirklich sehr heiß“, denke ich schaue nach oben. Die Sonne brennt und blendet. Ich kann kaum mehr laufen. Und der Platz ist auch irgendwie komisch.

„Er ist schon eine harte Nuss“, denke ich zwei Minuten später anerkennend, als mein Gegner schon wieder ein Ass schlägt. Der hat in sein Spiel hineingefunden, bewegt sich gut, steht meistens richtig zum Ball. Und er ist schnell. Ich versuche einen gefühlvollen Stopp-Ball, aber auch den erläuft er und kontert seinerseits ebenfalls mit einem Stopp. Mein Schläger fliegt – obwohl ich mich eigentlich schon gar nicht mehr richtig ärgere. Ich werfe ihn einfach so, weil ich das heute noch nicht getan habe. Resigniert trotte ich auf meine Rückhand-Seite und erwarte den nächsten Aufschlag. Wenn der Gegner besser ist, muss man das anerkennen. Obwohl ...

Info:

Vom Breitensport zur Randerscheinung – und wieder zurück?

Seinen größten Boom erlebte der „weiße Sport“ zwischen 1972 und 1982, als sich bayernweit die Zahl der Vereinsmitglieder von 75 675 auf 285 659 erhöhte und damit beinahe vervierfachte. Spätestens mit den ersten großen Erfolgen von Boris Becker und Steffi Graf Mitte der 1980er-Jahre wurde Tennis zum Breitensport. 1997 zählten die 2304 Tennisvereine, die sich dem Bayerischen Tennis-Verband (BTV) angeschlossen hatten, 439 266 Mitglieder.

Der Tennissport erlebte seinen Höhepunkt, in Ballungszentren wie München und Nürnberg ebenso wie in ländlichen Regionen. Der vergleichsweise kleine TC Windischeschenbach etwa, 1973 unter dem Motto „Nicht nur für Großkopferte“ gegründet, schickte 1997 sieben Teams in der Medenrunde des Tennisbezirks an den Start, die höchste Anzahl an Mannschaften in der Geschichte dieses Clubs. Von elitärer Freizeitbeschäftigung konnte zu diesem Zeitpunkt schon lange keine Rede mehr sein. Nach dem Höhepunkt folgte der Abschwung. Derzeit spielen bayernweit rund 300 000 Tennisspieler in etwa 2000 Vereinen. Gerade bei jungen Sportlern steige das Interesse wieder leicht an, sagt Achim Fessler, Pressesprecher des BTV.

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