30.12.2020 - 14:51 Uhr
Weiden in der OberpfalzOTon

Eine Fränkin in der Oberpfalz: Neustart an der Waldnaab

Nach dem Studium ins Berufsleben starten, das scheint auf den ersten Blick kein spektakulärer Neustart zu sein. Wenn man aber als Fränkin zum Arbeiten in die Oberpfalz zieht, sieht die Sache etwas anders aus. Ein Neuanfang mit Kulturschock?

Eine Fränkin in der Oberpfalz. Nah das kann ja heiter werden.
von Mareike Schwab Kontakt Profil

Manche Menschen wagen einen Neuanfang am anderen Ende der Welt: Argentinien, Süd Afrika, Nordpol. Sie treffen dort auf andere Kulturen, lernen neue Sprachen und leben ihren Traum. Nach meinem Studium stand auch mir die Welt offen. Tja und ich wagte 2020 einen Neuanfang in der Oberpfalz – als Fränkin. Die Erfahrungen sind vergleichbar.

Mein Plan stand fest: Nach meinen Studium in Ansbach (Mittelfranken) soll ein Umzug nach Weiden folgen. Doch bevor es für mich los ging musste ich noch zwei wichtige Fragen klären. Erstens: Wo liegt Weiden? Und zweitens: Warum reagieren alle so komisch wenn ich ihnen erzähle, dass ich in die Oberpfalz ziehe?

Ok Google: Wo liegt Weiden - „Weiden in der Oberpfalz ist eine kreisfreie Stadt im ostbayerischen Regierungsbezirk Oberpfalz. Sie liegt 100 km östlich von Nürnberg und 35 km westlich der Grenze zu Tschechien. 42.500 Einwohner (2019 vor Corona). Zum Vergleich: Ansbach hat knapp 42.000 Einwohner. Alles klar. Von einer pulsierenden Metropole in die Nächste. Punkt Eins war damit soweit geklärt. Aber was haben die Franken gegen die Oberpfalz?

Das grenzt schon fast an Landesverrat

"Hast du dir das auch gut überlegt?", bekam ich des Öfteren zu hören. "Die Oberpfälzer sind sture Grantler und schwer zu verstehen. Die reden nicht die bellen." Manche sagen es ist einfacher einen Ochsen von der Weide zu bekommen, als einen Oberpfälzer von seinem Standpunkt. Deshalb werden sie vielleicht von vielen Franken Moosbüffel genannt? Wenn es nach meiner Familie aus Unterfranken geht, ist ein Umzug in die Oberpfalz ein Umzug ins Ausland. Mein Heimatort Altdorf bei Nürnberg war für meine Oma schon gefährlich nah am „Land der Moosbüffel“. Aber Weiden, das grenzt schon fast an Landesverrat. Nah das kann ja heiter werden.

Die Franken sagen es ist einfacher einen Ochsen von der Weide zu bekommen, als einen Oberpfälzer von seinem Standpunkt. Werden sie deshalb auch Moosbüffel genannt?

Und so ganz Unrecht hatten die bösen Stimmen nicht. Vor allem die Sache mit der Verständigung. Mit dem "Gebell" war ich gleich bei meinem Einzug konfrontiert. Vor dem Haus lief ich voll bepackt mit Umzugskartons in einen bärtigen Mann hinein. Er hatte einen Bierbauch, eine leichte Alkoholfahne und trug ein falsch geknöpftes Holzfällerhemd - er sah so aus, wie sich Franken eben einen Oberpfälzer vorstellen. Der Mann begrüßte mich freundlich brummend - Das redete ich mir zumindest ein, denn verstanden hatte ich kein Wort. Vielleicht hat er mich auch verflucht oder beleidigt. Wer weiß. Auch den Rest des Gespräches hatte ich nicht zu hundert Prozent verstanden. In solchen Situationen ist mein Motto: "Immer schön Lächeln und winken." Also stand ich ihm dumm lächelnd gegenüber, nickte ab und an verständnisvoll und überlegte mir: "Wovon zum Teufel redet er?" Von seiner Frau oder doch seinem Hund? Vielleicht erzählt er mir auch von einer Unterhaltung zwischen zwei Hunden? Als er mir dann den Umzugskarton aus der Hand reißen wollte wurde mir das Ganze, dann doch etwas zu bunt. Ich verabschiedete mich und hievte die schweren Kartons ins Haus hinein. Mittlerweile weiß ich, dass es mein Nachbar aus dem zweiten Stock ist, dass er einen Hund hat, der Loisl heißt, und er mir eigentlich nur tragen helfen wollte. So viel zum Thema neue Sprachen lernen.

Zoigl ist nicht nur ein kommunalgebrautes Bier. Es ist ein Lebensgefühl. Als Oberpfälzer rückt man zusammen und genießt in einer wohnzimmergroßen Schankstube gemeinsam ein Zoigl.

Als eine Nachbarin mir dann auch noch zum Einzug eine Flasche Wein vorbei brachte, war ich komplett verunsichert. Ich hatte schon einige Umzüge innerhalb von Franken hinter mir, aber noch nie wollte mir ein Nachbar beim Umzug helfen oder hat geklingelt um "einfach mal Hallo" zusagen. So hatte ich mir einen Grantler nicht vorgestellt.

Von wegen sturer Grantler

Durch Corona gibt es momentan viele Gründe ein Grantler zu sein. Ich habe zwar keinen Vergleich, aber selbst das Virus scheint nicht übermäßig auf die Stimmung der Oberpfälzer zu drücken. Das machte sich auch im Herbst in der Weidener Altstadt bemerkbar. Unter der Woche trafen sich Leute in Bars, flanierten über den Marktplatz, lachten und genossen das Leben. Auch das passt nicht so ganz zu einem Grantler. Aus Ansbach war ich eine andere Mentalität gewöhnt. Ich würde sogar fast sagen da waren die Mittelfranken mürrischer. So langsam bröckelten also meine Vorurteile. Entgegen allen Erwartungen. Klar, die ein oder andere Jahrhunderte alte Oberpfälzer-Tradition erschließt sich mir nicht so ganz. Warum werde ich komisch angeschaut, wenn ich ohne Dirndl auf eine Kirwa (Kärwa) erscheine? - Bier trinken kann ich auch ohne. Und bin ich die Einzige die Alpträume von Perchten, diesen gruseligen Raunacht Gestalten, bekomme? Aber so im großen und ganzen scheinen sie moderner, weltoffener und lebensfroher zu sein als von den Franken prophezeit.

Generell nehme ich für die Zukunft mit, dass man nicht so viel darauf geben sollte wenn ein Bayer einen andere Bayer diskriminiert. Oma du musst jetzt ganz stark sein, aber so sehr unterscheiden wir uns gar nicht von den Oberpfälzern. Vielleicht fühle ich mich deshalb hier so wohl.

Ich liebe die Oberpfalz und Grüße gehen raus an den Chef!

Nach drei Monaten kann ich sagen: Die Oberpfälzer sind doch ganz nett. Das schreibe ich jetzt nicht nur weil ich finanziell von einem Oberpfälzer Unternehmen abhänge und ich mir in Coronazeiten keinen neuen Job suchen möchte. (Ich liebe die Oberpfalz und Grüße gehen raus an den Chef!) Nein. Die Oberpfälzer haben mich wirklich sehr überrascht. Von wegen grantig und mürrisch. Ich freue mich auf jeden Fall über einen gemeinsamen Neustart mit den Oberpfälzern, wenn das mit Corona vorbei ist.

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Info:

Dinge die eine Fränkin neu gelernt hat:

  • Schiach bedeutet nicht schön, sondern hässlich. Die Verkäuferin hat mir demnach kein Kompliment zu meiner Hose gemacht.
  • Apropos Hose: Hos´n kann sowohl Hase also auch Hose bedeuten. Zoigl ist nicht nur ein kommunalgebrautes Bier. Es ist ein Lebensgefühl.
  • Zoigl ist nicht nur ein kommunalgebrautes Bier. Es ist ein Lebensgefühl. Als Oberpfälzer rückt man zusammen und genießt in einer wohnzimmergroßen Schankstube gemeinsam ein Zoigl.
  • In Weiden werden die Gelben Säcke nicht von der Müllabfuhr abgeholt, man muss sie eigenständig zum Wertstoffhof bringen.
  • Und die Gelben Säcke gibt´s beim Bäcker. Warum weiß keiner.

 

 

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