18.03.2021 - 17:40 Uhr
ErbendorfBesserWissen

Iss mal nicht so schnell

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

Slow Food ist eine weltweite Bewegung für gute, faire und regionale Produkte, die mit Ruhe zubereitet und genossen werden. Ihren Ursprung hat sie in Italien. Aber für die Hobbyköchin Karin Barth hat auch die bayerische Küche Slow-Food-Qualitäten.

Kartoffeln als Slow Food: Auch wenn es schnell gehen soll, gibt es Alternativen zu Tiefkühlpommes, Kartoffelpüreeflocken aus der Tüte oder Kartoffelgratin mit Fix-Produkten. Karin Barth gehen die Ideen nie aus.
von Christa VoglProfil

Fällt der Begriff „Fast Food“ werden damit fast automatisch ganz bestimmte Speisen assoziiert: Pommes frites, Tiefkühl-Pizza, Döner Kebab, Currywurst, Dosensuppe, Hamburger. Schnell zubereitet, fast noch schneller verzehrt und nicht besonders gesund. Anders ist es mit dem Begriff „Slow Food“. Viele können damit nicht auf Anhieb etwas anfangen. Langsames Essen?

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit hilft, diese Bezeichnung besser einzuordnen. 1986 wurde in Rom an der Spanischen Treppe eine Filiale von „McDonald’s“ eröffnet. Viele Menschen empfanden das als Angriff auf die italienische Esskultur. Es kam zu Demonstrationen gegen das Fast-Food-Restaurant und gegen die drohende „Ver-Burger-ung“. Doch es wurde nicht nur gegen etwas demonstriert, sondern ganz bewusst auch für etwas: nämlich für die Erhaltung der italienischen Küche, für den kulinarischen Genuss und für ein moderates Lebenstempo. Damit war die Slow-Food-Bewegung aus der Taufe gehoben, Geburtsort: Italien. „Buono, pulito e giusto“, so sollten die neuen Lebensmittel sein: gut, sauber und fair. Doch was heißt das in der Praxis?

Karin Barth aus Erbendorf ist Hobbyköchin – und seit über 20 Jahren bekennende Anhängerin der Slow-Food-Bewegung. „Slow Food bedeutet für mich, dass ich einfache und gute Zutaten beim Kochen verwende, dass die Produkte saisonal sind, dass ich darauf achte, sie regional einzukaufen und dass ich keine künstlichen Zusatzstoffe oder Geschmacksverstärker verwende“, sagt die Oberpfälzerin. Außerdem sei es wichtig, „dass die Menschen, die die Produkte hergestellt haben, für ihre Arbeit einen fairen Preis erhalten. Und dass die Tiere, deren Fleisch auf meinem Teller landet, ein gutes Leben hatten.“

Ganz schön viele Anforderungen, die da gestellt werden. Die Umsetzung klingt zeitaufwendig. Zumal nicht nur die Qualität der Produkte im Mittelpunkt steht, sondern die Speisen überdies auf eine ganz bestimmte Weise zubereitet werden sollen: Slow Food bedeutet nämlich auch, die langsame, achtsame und vielfältige Zubereitung und im Anschluss daran, das bewusste und genussvolle Essen. Wo fängt man also am besten an, wenn man sich für Slow Food entscheidet? Karin Barth verrät, was sie mit Slow Food verbindet, und wie sie diese Esskultur in ihrem Alltag umsetzt.

Der Speiseplan:

„Ich überlege mir, was ich während der kommenden Woche essen möchte und erstelle dann einen Speiseplan, immer mit Gemüsen der Saison.“

Der Einkaufszettel:

„Wenn der Speiseplan fertig ist, schreibe ich den Einkaufszettel und besorge die noch fehlenden Zutaten. Bei dieser Gelegenheit schaue ich auch beim Biogärtner in der Nähe vorbei und nehme etwas von dem mit, was er gerade geerntet hat. Da bin ich flexibel und kaufe spontan, was gerade frisch kommt. So habe ich zum Wochenbeginn bereits alle frischen Vorräte beieinander."

Die Produkte:

„Ich achte immer auf eine gute Qualität der Produkte: kurze Lieferwege, saisonale Produkte, faire Entlohnung, durchschaubare Lieferketten. Und ich kaufe keine Fertigprodukte, die bereits verarbeitet sind. Ich möchte meine Speisen selbst zubereiten. So weiß ich am besten, was ich esse.“

Das Kochen:

„Selbst zu kochen, in aller Ruhe, zu zweit, oder zusammen mit Gästen, das macht einfach Spaß. Ich koche am Wochenende oft vor. Dazu höre ich meine Lieblingsmusik, singe mit, lerne immer wieder Neues dazu: Das ist doch allemal besser, als ein Fertiggericht in die Mikrowelle zu schieben. Kochen ist auch ein kreativer Ausgleich zur Arbeit.“

Die Zeit:

„Noch nie haben Menschen so viel Freizeit gehabt wie heute. Und trotzdem soll alles immer noch schneller gehen. Was machen die Menschen in ihrer Freizeit? Rumdaddeln? Das ist doch keine Alternative!“

Die Entspannung:

„Für mich ist Kochen wie Meditation oder Yoga. Die einen fahren zu Wellness-Workshops in die Schweiz oder machen Exerzitien in einem Kloster. Ich kann gerade in der Küche sehr gut entspannen: Ich schalte ab, putze, schäle, schnibble, koche schönes Gemüse, selbstgesammelte Pilze, knete Hefeteig. Farben, Düfte, Texturen, das ist doch alles ein sinnliches Vergnügen, und zwar nicht für mich allein: Freunde und Verwandte können auch noch daran teilhaben.“

Der Genuss:

„Den Tisch decken mit schönem Geschirr, sich setzen und mit lieben Menschen zusammen das selbst gekochte Essen in Ruhe zu genießen: Das ist doch ein Vergnügen!“

Das Aufwärmen:

„Ich habe nichts gegen aufgewärmte Speisen, man kann ja immer abwandeln. Ich koche auch nicht jeden Tag frisch, die Zeit habe ich gar nicht. Aber ich esse jeden Tag Selbstgekochtes. Und sehr oft ist das innerhalb von ein paar Minuten fertig. Das Wichtige dabei: Ich habe es vorher mit Liebe und Sorgfalt vorbereitet.“

Die Variationen:

„Ich koche zum Beispiel sonntags einen großen Topf Pellkartoffeln und kann mich mehrere Male daraus bedienen und ganz verschiedene Speisen zubereiten: Kartoffelpüree, Kartoffelsuppe, Kartoffelplätzchen, Kartoffelsalat, Bratkartoffeln. Da kann mir keiner sagen, dass Fast Food schneller geht oder besser schmeckt. Kartoffelbrei aus der Tüte habe ich mein Leben lang noch nicht gegessen.Von Kartoffeln schmeckt doch einfach jede Zubereitung! Die Kartoffel ist absolut dankbar, vielseitig, gesund und unschlagbar billig.“

Die Tiefkühlpizza:

„Nichts gegen Pizza, wenn sie hausgemacht ist oder vom Italiener! Aber bevor sie als Tiefkühlprodukt im Einkaufswagen landet, sollte man sich die Zeit nehmen, einen Blick auf die Zutatenliste werfen und sich dann überlegen, was man in seinen Körper so reinsteckt. Denn: Beim Kauf von Deo zum Beispiel wird sehr genau geschaut, ob da nicht vielleicht Aluminium enthalten ist. Und bei der Körperlotion achten wir heute darauf, dass sie mikroplastikfrei ist. Aber die TK-Pizza mit ihren unendlich vielen Zusatzstoffen landet unbedacht im Einkaufswagen. Wir sollten nie vergessen: Essen kann Medizin sein, aber auch Gift.“

Das bayerische Kochbuch:

„Ich besitze zwar sehr viele Kochbücher, aber keines, das Slow-Food zum Thema hat. Im Alter von 13 Jahren habe ich das ,Bayerische Kochbuch' von meiner Mutter bekommen. Darin finden sich die Rezepte aller Klassiker unserer heimischen Küche. Das ist Slow Food im wahrsten Wortsinn, das kann ich nur empfehlen.“

Der Zeitaufwand:

„Gut Ding will Weile haben. Und das trifft ganz besonders aufs Kochen zu!“

Nose-to-Tail-Küche mit Karin Barth

Erbendorf
Rezept:

Kartoffel-Schwammer-Suppe

  • Ein paar Pellkartoffeln schälen, in dünne Scheibchen schneiden.
  • Geräucherte Speckwürfel („nicht zwingend, und ein Esslöffel reicht: Es geht nur ums Aroma“) in wenig Fett auslassen. Gewürfelte Zwiebel dazu („wer mag auch Kümmel, Majoran“), groben schwarzer Pfeffer aus der Mühle und mit andünsten.
  • Ein Händchen voll getrocknete Pilze gleich jetzt zufügen, und falls zur Hand: auch etwas gelbe Rübe und Lauch in Streifen.
  • Eventuell mit einem halben Esslöffel Mehl bestäuben, mit Schneebesen verrühren, Farbe nehmen lassen, mit nicht zu viel Wasser aufgießen.
  • Kartoffelscheiben dazu, salzen, zirka zehn Minuten sanft köcheln lassen. Immer mal wieder umrühren, bis die Pilze weich sind und der Eintopf sämig.
  • Nun Senfgurke fein schneiden und mit etwas Sud aus dem Glas dazu geben.
  • Nochmal abschmecken. „Sehr pikant!“
Rezept:

Kartoffelplätzchen

  • Pellkartoffeln vom Vortag, luftig ausgebreitet und gut ausgekühlt, pellen und auf einer Gemüseraffel grob reiben. Bei dünnschaligen Kartoffeln kann man die Schale ruhig dranlassen.
  • Dazu eine kleine Zwiebel, etwas gelbe Rübe und Zucchini, auch geraffelt. Dazu ein Stück Lauch in schmale Streifen geschnitten.
  • Salzen, pfeffern sowie ein, zwei Esslöffel Mehl oder Kartoffelstärke dazu. Ein, zwei Eier und alles gleichmäßig vermengen.
  • Dann in einer weiten Pfanne in Olivenöl oder Butterschmalz je einen guten Esslöffel von dem Kartoffelteig flachgedrückt erst von einer Seite gut anbrutzeln, dann wenden.
  • Ideale Beilage zu allen Schmorgerichten, vor allem Wildragout, aber auch zu einer Pilzpfanne. Oder mit Käse überbacken. Oder in die Masse Bergkäse oder Feta in Stückchen untermengen. Dazu einen frischen Salat.
  • "Diese Kartoffelplätzchen lassen sich hervorragend auf Vorrat vorbereiten und dann nur ganz kurz in der heißen Pfanne oder im Rohr nochmal anwärmen", sagt Karin Barth. "Leider bleiben selten überhaupt welche übrig. Man kann davon einfach nie zu viel machen!"

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.