20.01.2021 - 00:38 Uhr
HirschbachBesserWissen

Leben auf Sparflamme

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Bis zu sechs Monate können Fledermäuse Winterschlaf halten - wenn es ihre Fettreserven zulassen. In ihren Winterquartieren hängen sie dicht gedrängt. Ein guter Zeitpunkt für Experten, um sich einen Überblick über Zahl und Art zu verschaffen. Exakte Erhebungen sind trotzdem nicht möglich.

Manche der Fledermausarten hängen an der Decke, gut sichtbar in Trauben von 100 bis 200 Tieren, sogenannten Clustern.
von Christa VoglProfil

In der Gemeinde Hirschbach im Oberpfälzer Jura liegt eine bekannte Karsthöhle, die Bismarckgrotte. Beliebt ist sie besonders bei Sportlern zum Klettern und Abseilen, ihr weiträumiges Höhlensystem ist offen und frei zugänglich. Allerdings nicht während des ganzen Jahres: Vom 1. Oktober bis zum 15. April ist die Höhle verschlossen. Denn in dieser Zeit beherbergt sie weit über 1000 ganz besondere Gäste, die hier überwintern und keinesfalls gestört werden sollen: Fledermäuse.

"Meist ab September, wenn die Temperaturen runtergehen und es weniger Insekten gibt, macht sich der überwiegende Teil unserer heimischen Fledermäuse auf den Weg in ihre Winterquartiere", sagt Rudolf Leitl, der beim Landschaftspflegeverband Gebietsbetreuer für das Amberg-Sulzbacher Land ist und als ausgewiesener Experte für Fledermäuse gilt. "Wenn sie dort in den Höhlen ankommen, fallen sie aber normalerweise nicht sofort in Winterschlaf. Solange es das Wetter zulässt, verlassen sie gegen Abend weiterhin ihr Quartier und jagen Insekten."

Fledermäuse "messen" Luftdruck

Aber wie wissen Fledermäuse im Inneren der Höhle, ob außerhalb ihrer Behausung gerade gutes Flug- und Jagdwetter herrscht? Oder ob nicht gerade ein früher Schneesturm tobt, der sie in Lebensgefahr bringen könnte? "Das war lange ein Geheimnis. Jetzt weiß man aber, dass dabei der Luftdruck eine große Rolle spielt, den die Fledermäuse auch in der Tiefe der Höhle wahrnehmen. Dadurch spüren sie, wie das Wetter draußen ist, obwohl ja in der Höhle immer die gleiche Temperatur herrscht."

Neigt sich der Herbst dem Ende zu, wird die Nahrung knapp. Fallen die Temperaturen weiter, ist endgültig die Zeit für den Winterschlaf gekommen: Ganze sechs Monate können die Fledermäuse verschlafen, wenn es ihre Fettreserven zulassen. "Das ist der Winterschlaf im Winter", erklärt Leitl, und weist mit dieser Formulierung auf eine weitere Besonderheit hin: Fledermäuse können nämlich auch einen "Winterschlaf im Sommer" halten. Wie das geht? "Wenn im Sommer eine Schlechtwetterphase einsetzt, zum Beispiel drei Wochen Regen, und keine Insekten fliegen, auch dann können die Fledermäuse in einen Kälteschlaf verfallen. Um Energie zu sparen und um zu überleben."

Vier Herzschläge pro Minute

Aber jetzt gerade ist tiefer Winter, die kleinen Säuger machen zum Teil nur noch einen Atemzug pro Stunde, ihr Herzschlag, dessen Frequenz im Flug bei 1100 liegt, hat sich auf etwa vier Schläge pro Minute reduziert, die Körpertemperatur entspricht der Umgebungstemperatur, oftmals sind das nur um die fünf Grad. Ruhe ist angesagt.

Genau diese Ruhephase in der Zeit zwischen Ende Dezember und Anfang März wird von Fledermausschützern genutzt für das jährliche Monitoring, die zahlen- und artenmäßige Erfassung der Fledermäuse. Mit Ausnahmegenehmigung der Naturschutzbehörden werden dazu die Höhlen kurzzeitig und vorsichtig aufgesucht. Dann wird gezählt, aber nur an sehr kalten Tagen, damit der Winterschlaf keinesfalls gestört wird. "Trotzdem ist es nicht so einfach", sagt Leitl, der selbst schon viele Male am Monitoring teilgenommen hat. Denn: "Die Fledermäuse hängen in den Höhlen nicht schön eine neben der anderen, sondern sie ziehen sich auch sehr gerne in Felsspalten zurück."

Tatsächlich sei es so, dass bei der Winterzählung in der Regel nur zehn Prozent der wirklich anwesenden Fledermäuse zu sehen sind. Manche der Fledermausarten hängen an der Decke, gut sichtbar in Trauben von 100 bis 200 Tieren, sogenannten Clustern. Die restlichen 90 Prozent sind aber versteckt in unzugänglichen Winkeln und Ritzen. "Ein Grund dafür sind Raubtiere, wie Fuchs, Marder oder Dachse, die in den Höhlen auf Nahrungssuche gehen."

Erfassung durch Lichtschranken

Neben der klassischen Winterzählung gibt es mittlerweile zur besseren Erfassung der Fledermäuse an einzelnen Höhlenausgängen Lichtschranken, die die Ein- und Ausflüge im Herbst und Frühjahr genau registrieren. Damit weiß man zwar zuverlässig, wie viele Fledermäuse insgesamt fliegen, aber Lichtschranken geben keine Auskunft darüber, um welche Arten es sich dabei handelt und wie oft welche Art vertreten ist. Denn Fledermaus ist nicht gleich Fledermaus. Zumindest nicht für Rudolf Leitl. Wenn die flinken Jäger während der warmen Sommermonate im Schein der Straßenlaternen hin und her huschen, heißt es oft verallgemeinernd: "Da schau mal, eine Fledermaus!" Dass es aber allein in Bayern 25 Fledermausarten gibt, löst größtenteils Erstaunen aus. Auch mit ihren seltsam anmutenden Namen - Fransenfledermaus, Graues Langohr, Große Hufeisennase, Mausohr, Mopsfledermaus, Kleiner Abendsegler, Zwergfledermaus - sind die meisten Menschen nicht vertraut.

Derzeit befinden sich die Fledermäuse in den Höhlen noch im tiefen Winterschlaf, sie leben auf Sparflamme. Erst Anfang April werden sie langsam wieder aufwachen und dann zurück in ihre angestammten Sommerquartiere fliegen, um dort in der Dämmerung auf ausgedehnte Insektenjagd zu gehen. Dann wird es wieder heißen: "Da schau mal, eine Fledermaus!"

Virenschleuder Fledermaus?

Hohenburg
Hintergrund:

Winterquartiere von Fledermäusen in Bayern

  • In Bayern sind über 6000 Höhlen bekannt, davon allein in der Frankenalb über 3500. In den meisten dieser Höhlen dürften auch Fledermäuse überwintern, in manchen weit über 1000. Die Frankenalb ist für viele Fledermäuse aus Bayern und den benachbarten Länder eine wichtige Überwinterungsregion.
  • Viele Fledermäuse überwintern auch in Felsen- und Sandsteinkellern, Bergbaustollen, Felsspalten, in dicken, hohlen Bäumen oder auch in Holzstapeln.
  • Wie viele Kilometer Fledermäuse zurücklegen, um in ihr Winterquartier zu kommen, ist von Art zu Art unterschiedlich. Manche fliegen nur wenige Kilometer, einige Arten legen regelmäßig 50 bis 100 oder auch bis 300 Kilometer zurück.
  • Wenige Arten wie der Große und Kleine Abendsegler und die Rauhautfledermaus fliegen über 1000 Kilometer.
  • Rekordhalter ist eine Rauhautfledermaus, die von ihrem Sommerlebensraum in Lettland bis nach Spanien mindestens 2224 Kilometer zurückgelegt hat.

Nachwuchs im Fledermaushaus Hohenburg

Hohenburg

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